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Sawsan Chebli über Geschlechterrollen in der Politik: “Hatte lange keine weiblichen Vorbilder”

  • Sawsan Chebli (SPD) spricht in einem Interview über den Spagat zwischen Politik und Mode.
  • Sie wolle sich auch als Frau ausleben, werde dafür aber oft angefeindet.
  • Zu oft werde über die Kleidung von Politikerinnen diskutiert.
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In der Politik geht es nicht um gutes Aussehen, sondern um Kompetenz. Heißt das im Umkehrschluss jedoch, dass Frauen nicht zu sehr auf ihr Äußeres achten dürfen, um noch als kompetent gesehen zu werden? Sawsan Chebli (SPD), die gerade mit ihrem Chef um ein Bundestagsmandat kämpft, hat im “Spiegel”-Interview über ihre Rolle als Politikerin und Frau erzählt. Für ihr Äußeres werde sie ebenso oft gelobt wie angefeindet.

Für viele gehören Mode und Politik einfach nicht zusammen. “Wir sehen ja die abfälligen Kommentare bei jeder Frau, die in Talkshows sitzt und ein auffälliges Kleid trägt”, so die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli. Angela Merkel, Ursula von der Leyen oder auch Annegret Kramp-Karrenbauer – sie alle haben inzwischen zu ihrer traditionellen Tracht gefunden. Meist ist es eine schwarze, graue oder dunkelblaue Hose mit einem farbigen Blazer. Das ist gesellschaftlich akzeptiert, wie eben der Anzug bei den Herren Politikern.

Zwischen Blazer und Bikerjacke

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Aber bedarf es in der Politik denn tatsächlich einer Art Uniform? Chebli weist im Interview darauf hin, dass auch Politiker Menschen sind, die morgens vor dem Spiegel stehen und darüber nachdenken, was sie tragen sollen und wie sie damit rüberkommen. Das gelte für Frauen ebenso wie Männer. Fragen wie “Kann ich das tragen in der Position, in der ich bin? Was bringt es mir? Schadet es mir?” würde wohl kaum eine Politikerin laut stellen. “Weil es dann gleich hieße: Gott, ist das oberflächlich, sie soll Inhalte liefern!”, so Chebli.

Chebli selbst ist eher selten im einfarbigen Blazer zu sehen. Sie trägt einen lässigen Jumpsuit, ein mädchenhaftes Maxikleid oder auch eine derbe Bikerjacke. Einen sogenannten “Signature-Look”, also ein Outfit, das typisch für sie ist, hat die gebürtige Berlinerin nicht: “Was vielleicht schon zu mir gehört, ist der kräftige Lippenstift. Damit fühle ich mich frischer.”

Sawsan Chebli beim gemeinsamen Fotoshooting mit Künstlerin Mia Florentine Weiss im Rahmen der Installation der Skulpturen Love Hate in Berlin. © Quelle: imago images/photothek
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Frauen ohne “Uniform” werden nicht ernst genommen

Zwischen 2014 und 2016 war Chebli als stellvertretende Sprecherin des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier in der Welt unterwegs. In der Zeit sei sie ständig für Steinmeiers Dolmetscherin gehalten worden, verrät Chebli im “Spiegel”-Interview – wegen ihrer Kleidung. Bei einem Termin im Nahen Osten wurde sie einmal komplett ignoriert. Sie trug an diesem Tag eine enge, helle Lederhose. Als sie einem Kollegen ihr Leid klagte, war die Antwort wenig einfühlsam: “Na ja, wenn man sich so kleidet ...”

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Auf ihren Social-Media-Kanälen berichtet die Politikerin mit palästinensischer Herkunft immer wieder von Anfeindungen – rassistischer, sexistischer und islamfeindlicher Natur. Oft sei ihr Styling dafür ausschlaggebend. In kaum einem Porträt über die Staatssekretärin werde nicht über ihr Aussehen geschrieben, so der “Spiegel”. Auch wenn dies eher lobend kommentiert wird, gebe es den nächsten Anlass für negative Kommentare. Auch wenn sich Chebli, wie jeder normale Mensch, über Komplimente freue: “Die Hinweise auf mein Äußeres nehmen andere leider zum Anlass für neue sexistische Kommentare.”

In der Politik gab es zu lange keine weiblichen Vorbilder

Zu Cheblis Vorbildern gehören vor allem Männer: “Willy Brandt und sein Kniefall standen in meinem Kopf immer für eine bestimmte Art, Politik zu machen. Wegen Schröder trat ich in die SPD ein, weil ich fand, dass er ein Politiker mit Haltung war, er war klar. Steinmeier war der beste Chef, den ich jemals hatte.”

Weibliche Vorbilder gab es in ihrer Laufbahn jedoch kaum: “Ganz ehrlich: Ich hatte lange Zeit keine weiblichen Vorbilder. Ich fürchte, dass es vielen Frauen so geht. Und das muss sich ändern.”

Und mir selbst ist inzwischen mehr als klar, dass es leider nicht so ist, dass Frauen, die gut sind, in höhere Positionen kommen. Wir sind weit entfernt von einer echten Gleichstellung von Mann und Frau.

Sawsan Chebli, SPD

Ein weibliches Vorbild könnte jedoch hinzukommen. Die US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez bewundert Chebli für ein Video in dem sie über ihr Styling und die Liebe zu rotem Lippenstift spricht. Und nicht nur das: Sie gibt ein regelrechtes Make-up-Tutorial, das es aus politischen Kreisen wohl noch nie gab. Als Sawsan Chebli dieses Video sah, teilte sie es bei Twitter. Wortlos. Einen Kommentar, dass sich das wohl keine deutsche Politikerin trauen würde, verkniff sich die 42-Jährige.

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