• Startseite
  • Politik
  • Sahra Wagenknecht: „Die Linken sollten sich für die einsetzen, die es schwer haben“

Sahra Wagenknecht: „Die Linken sollten sich für die einsetzen, die es schwer haben“

  • Die ehemalige Linksfraktions­vorsitzende Sahra Wagenknecht hat ein neues Buch geschrieben.
  • Darin wirft sie der politischen Linken vor, sich zu wenig um Fragen der sozialen Gerechtigkeit zu kümmern.
  • Im RND-Interview wehrt sich Wagenknecht gegen ihre Kritiker.
|
Anzeige
Anzeige

Frau Wagenknecht, Sie haben mit Ihrem neuen Buch erneut große Teile der eigenen Partei gegen sich aufgebracht. Macht Ihnen das eigentlich Freude?

Nein. Es stimmt auch nicht. Bei mir kommen sehr viele positive Reaktionen an, auch aus der eigenen Partei. Das ist kein Buch gegen die Linke. Es ist ein Buch gegen die Schwäche der linken Parteien. Es muss uns doch umtreiben, dass SPD und Linke zusammen kaum noch 25 Prozent der Wähler erreichen, obwohl die Union so desolat dasteht wie lange nicht mehr. Das möchte ich verändern; und dafür mache ich in meinem Buch Vorschläge.

Sie sagen, die Linksliberalen in Deutschland würden sich vorwiegend um die „Marotten“ von Randgruppen kümmern. Wen meinen Sie damit eigentlich genau?

Anzeige

Es gibt innerhalb der linken Parteien und im linken Spektrum eine bestimmte Art der Diskussion, die viele Menschen abschreckt. Da wird ein Lebensstil zum gesellschaftlichen Maßstab gemacht, den sich nur Privilegierte leisten können. Die Werte, die Lebensweise, ja selbst die Sprache einfacher Leute werden als rückschrittlich abqualifiziert. An den Problemen einer Supermarkt­kassiererin, die für 1200 Euro netto im Monat schuftet, gehen solche Diskurse vorbei. Die Linken – egal in welcher Partei – sollten sich aber in erster Linie für die einsetzen, die es schwer haben und denen gute Bildungs- und Aufstiegs­chancen vorenthalten werden.

Gerade Menschen mit Migrations­hintergrund fühlen sich nun aber ebenfalls verletzt, weil sie Schwierigkeiten bei der Job- oder Wohnungssuche haben. Verstehen Sie das nicht?

Doch. Ich spreche im Buch ja selbst an, dass es diese Art der Diskriminierung gibt und man etwas dagegen tun muss. Wenn sich jemand mit einem arabischen Namen um einen Job bewirbt, hat er oft schlechtere Chancen. Diese Diskriminierungen finden aber hauptsächlich bei Jobs mit mittleren Einkommen statt, und die Sprachkontrollen „woker“ Akademiker ändern daran nichts.

Ihre Kritiker sagen, es gebe zwischen dem Kampf gegen Diskriminierung und für soziale Gerechtigkeit gar keinen Widerspruch. Sie würden ihn stattdessen künstlich herstellen.

Anzeige

Zwischen dem Kampf gegen Diskriminierung und für soziale Gerechtigkeit gibt es keinen Widerspruch. Aber die sogenannte Identitätspolitik kämpft eben nicht gegen Diskriminierung und für Gleichheit. Sie überhöht die Unterschiede. Der amerikanischen Bürgerrechts­bewegung zum Beispiel ging es darum, dass die Hautfarbe keine Rolle mehr spielen sollte und alle Menschen gleiche Chancen haben. In den identitäts­politischen Debatten von heute ist es umgekehrt: Da wird die Abstammung oder die sexuelle Orientierung zum Kriterium dafür, ob jemand über ein bestimmtes Thema überhaupt reden darf. Das ist kein Kampf um Gleichheit, sondern um Sonderrechte. Dieses Herangehen spaltet die Gesellschaft, weil es gerade das Trennende und nicht das Gemeinsame in den Mittelpunkt stellt.

Manche Vertreter der Identitäts­politik sind einfach am Ende ihrer Geduld, weil sie als Migranten seit Jahrzehnten mit Diskriminierungen zu kämpfen haben, ohne dass sich etwas ändert. Die finden, dass sie jetzt einfach entschiedener auftreten müssen, als sie das vor zehn Jahren noch getan haben.

Anzeige

Nur sind diejenigen, die solche Debatten führen, oft Leute, die selbst sozial eher privilegiert sind. Sie haben nicht selten eine Aufstiegs­biografie oder bereits wohlhabende Eltern. Reale Diskriminierung zu bekämpfen: Ja, das ist notwendig. Aber eine der schlimmsten Diskriminierungen, die wir haben, ist die aufgrund der sozialen Herkunft. Ein Kind armer Eltern hat von vornherein schlechtere Bildungschancen. Und ohne Abitur gibt es heute kaum noch eine Möglichkeit, einen gewissen Wohlstand zu erreichen, egal, wie sehr sich jemand anstrengt. Kinder aus gut situierten Akademiker­familien starten unter ganz anderen Voraussetzungen ins Leben – auch wenn ihre Eltern Migrations­hintergrund haben. Abstammungs­fragen ins Zentrum zu stellen war immer eine Herangehensweise der extremen Rechten. Unser Ziel sollte es sein, solche Unterschiede bedeutungslos zu machen.

Aber ist es nicht so, dass Menschen mit Migrations­hintergrund überdurch­schnittlich oft in sozial schwache Milieus absinken, eben weil sie als Migranten schlechtere Chancen haben?

Es gibt auch zugewanderte Ärzte oder Software­spezialisten, die im oberen Lohnsegment arbeiten. Ihre Kinder haben meist keine Nachteile. Aber es stimmt: Der übergroße Teil der Zuwanderer – der zum Beispiel in den 60er-Jahren aus der Türkei gekommen ist, aber auch heutige Migranten – findet nur im Niedriglohn­sektor, meist in den besonders mies bezahlten Jobs, Beschäftigung. Da die Aufstiegs­chancen für Kinder ärmerer Familien weitgehend gekappt wurden, bleiben auch ihre Nachkommen arm. Aber genau darüber muss man doch reden: Warum hat sich unsere Gesellschaft so verändert, dass es vielen Kindern eher schlechter geht als ihren Eltern und echte Aufstiegs­chancen gemessen an den 70er-, aber auch an den 80er-Jahren praktisch verschwunden sind?

Sie selbst haben einen iranischen Vater, leben aber ein privilegiertes Leben. Können Sie sich nicht vorstellen, wie es Migranten geht, die sich gegen tägliche Diskriminierungen wehren müssen?

Die Migranten, die täglich in Bullshit-Jobs ausgebeutet werden, führen doch keine Identitäts­debatten. Die finden in Kreisen statt, die ähnlich privilegiert sind wie ich. Ich fände es anmaßend, mich heute als Opfer zu inszenieren, weil ich als Kind für mein fremdländisches Aussehen gehänselt wurde. Der Zusteller, der das Postpaket vor meine Haustür schleppt, ist weit eher ein Opfer der Verhältnisse – auch wenn er deutsche Eltern hat.

Gleichwohl hat man den Eindruck, dass Sie sich immer mehr auf nationale Positionen zubewegen. Das war in der Euro-Rettungspolitik so, das war in der Flüchtlingspolitik so. Heute beziehen Sie sich positiv auf Steve Bannon, einen frühen Mistreiter Donald Trumps, und die national-autoritäre polnische Regierungspartei PiS.

Herr Decker! Ich beziehe mich nicht positiv auf Steve Bannon, ich zitiere, was er gesagt hat: „Die Linke soll möglichst viel über Rassismus und Identitätspolitik reden, dann können wir sie zermalmen.“ Gegen echten Rassismus muss man kämpfen. Aber indem man jeden als Rassisten ächtet, der für weniger Zuwanderung ist oder auch nur nicht so redet, wie einige das vorschreiben wollen, stärkt man die Rechte. Und ich beziehe mich auch nicht positiv auf die PiS, sondern ich weise darauf hin, dass ausgerechnet diese reaktionäre Partei die Armut durch Erhöhungen von Mindestlohn, Kindergeld und Renten weit stärker reduziert hat als die meisten sozial­demokratischen Parteien. Und dass man sich unter diesen Bedingungen über ihre Wahlerfolge nicht wundern sollte.

Sie denken also nicht national?

Ich lehne Nationalismus ab, den Wahn, dass die eigene Nation anderen überlegen wäre. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass die Mehrheit der Menschen sich in erster Linie als Bürger ihres Landes sieht und erst in zweiter als Europäer. Die Identifikation mit dem eigenen Land ist nichts Reaktionäres, sondern eine wichtige Ressource für Solidarität, ohne die es keinen Sozialstaat gäbe. Auch Heimat ist für die meisten Menschen ein positiver Begriff. Linke, die das verächtlich machen, verlieren zu recht Zustimmung.

Anzeige

Sicher ist, dass sich viele aus Ihrer Partei erneut von Ihnen provoziert fühlen. Wie kann denn da Ihre Rolle im Bundestags­wahlkampf aussehen? Wollen Sie noch eine herausragende Rolle spielen?

Ich bin Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen und werde dort mit großem Engagement Wahlkampf machen. Übrigens: Die, die mich wortreich öffentlich beschimpfen, die kennen Sie doch alle, Herr Decker! Es sind immer die Gleichen. Das ist nicht „die“ Linke. Trotz der öffentlichen Kampagne bin ich vor einer Woche mit 61 Prozent wieder gewählt worden.

Allerdings haben sich auch die neuen Parteivorsitzenden und der Bundes­geschäfts­führer von Ihnen distanziert.

Die Parteivorsitzenden haben gesagt, dass sie mein Buch noch nicht gelesen haben. Ich weiß nicht, weshalb das eine Distanzierung sein soll.

Wollen Sie denn über NRW hinaus noch Wahlkampf führen? Oder haben Sie die Erwartung ganz aufgegeben?

Ich werde naturgemäß vor allem in dem Bundesland Wahlkampf führen, das mich zur Spitzen­kandidatin gewählt hat.

Meine Ausgangsfrage war, ob Sie noch eine hervorgehobene Rolle anstreben.

Ich habe 2018 aus bekannten Gründen den Fraktionsvorsitz aufgegeben. Wir haben jetzt eine gute Fraktionsspitze, die ich unterstütze und die auch im Wahlkampf die zentrale Rolle spielen sollte.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen