Erster Tag im Sachsenhausen-Prozess: Ehemaliger SS-Wachmann schweigt

  • In Brandenburg an der Havel ist ein ehemaliger SS-Wachmann vom KZ Sachsenhausen wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.
  • Der 100-jährige Angeklagte soll während seiner Zeit zwischen 1942 und 1945 Beihilfe zur grausamen und heimtückischen Ermordung in 3518 Fällen geleistet haben.
  • Der erste Prozesstag wurde mit großem internationalen Interesse begleitet.
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Brandenburg/Havel. Am Donnerstag hat der Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers (KZ) Sachsenhausen begonnen.

Der 100-jährige Angeklagte Josef Sch. muss sich wegen Beihilfe zum Mord verantworten. Er soll während seiner Zeit im KZ von 1942 bis 1945 wissentlich und willentlich Hilfe zur grausamen und heimtückischen Ermordung von Tausenden Lagerinsassen geleistet haben. Insgesamt 3518 Fälle sind angeklagt.

Angeklagter SS-Wachmann will zu Vorwürfen schweigen

Beim Auftakt des Prozesses in Brandenburg an der Havel erklärte sein Verteidiger Stefan Waterkamp, dass sich sein Mandant zu den Vorwürfen nicht äußern wolle. Er wolle sich aber am Freitag zu seinen persönlichen Verhältnissen äußern, soweit dies nicht die Vorwürfe betreffe.

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Zuvor hatte Staatsanwalt Cyrill Klement bei der Verlesung der Anklage ausführlich die systematischen Tötungen von Tausenden Lagerinsassen während der Jahre 1941 bis 1945 beschrieben. Dazu gehörten Massenerschießungen in speziellen Anlagen, Vernichtungsaktionen in Gaskammern und das Sterben der Häftlinge durch Entkräftung und Krankheiten. „Der Angeklagte unterstützte dies wissentlich und willentlich zumindest durch gewissenhafte Ausübung des Wachdienstes, die sich nahtlos in das Tötungssystem einfügte“, erklärte der Staatsanwalt.

Prozess finden in JVA Brandenburg/Havel statt

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Der Prozess unterliegt strengen Sicherheitsauflagen, wie die „Märkische Allgemeine“ schreibt. Die Turnhalle der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel sei als Prozessort gewählt worden, weil der eigentlich auserkorene Stahlpalast wegen Sicherheitsbedenken kurzfristig gesperrt werden musste.

Der Vorsitzende Richter habe angeordnet, dass Justizwachtmeister mit einer Einsatzreserve den Prozess sichern sollen. Außerdem könnten Polizeikräfte eingesetzt werden, schrieb das Blatt. Alle Teilnehmer und Beobachter müssten eine Sicherheitsschleuse passieren sowie eine Durchsuchung über sich ergehen lassen.

Ebenfalls sei die Mitnahme von Computern und Handys in den Sitzungssaal für Prozessbeobachter und Journalisten verboten. Das Medieninteresse – auch international – sei außerordentlich groß gewesen.

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Auschwitz-Komitee: Schweigen ist bitter für die Angehörigen der Opfer

Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, hat sich nach dem Ende des ersten Verhandlungstages enttäuscht über das Schweigen des Angeklagten gezeigt. „Der Angeklagte hat während der Anklageverlesung keinerlei Emotionen gezeigt“, sagte Heubner am Donnerstag. „Und nun hoffen wir, wenn Angehörige hier aussagen über die Ermordung ihrer Väter in Sachsenhausen – dass diese Emotion vielleicht den Hintergrund des Angeklagten erreicht und dass er Bereitschaft zeigt, um Worte zu finden, eine menschliche Brücke herzustellen zwischen seiner Geschichte und dem Leiden der anderen.“

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Es gebe nur ganz wenige Ausnahmen von SS-Leuten, die gesprochen haben, berichtete Heubner. Die übergroße Mehrheit habe ihr Leben lang geschwiegen und sich in der Normalität ihres Lebens eingerichtet. „Für die Überlebenden ist das eine weitere Zurückweisung, das ist wie im Lager: Man war Ungeziefer, man war irgendwo da unten, man wurde einfach angebrüllt“, erklärte Heubner. Dies sei für die Überlebenden und Angehörigen, die als Zeugen zum Prozess angereist seien, bitter. „Da sitzt ein alter Mann, der doch recht kräftig ist und sagt: ‚Ich habe mich entschieden zu schweigen.‘“

Angehörige hoffen auf „Urteil im Namen der vielen Ermordeten“

Daher sei ein Urteil in dem Prozess für die Angehörigen ungemein wichtig, betonte Heubner. „Sie wollen nicht unbedingt, dass der Angeklagte hinterher im Gefängnis sitzt oder irgendwie leidet, aber dass er vor einem deutschen Gericht gestanden hat und ein Urteil ergangen ist, das auch ein Urteil im Namen der vielen Ermordeten ist, die alle hier mit sitzen – das ist ihnen eminent wichtig.“

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Der Holocaust-Überlebende und Zeitzeuge Leon Schwarzbaum hofft bei dem Prozess auf Gerechtigkeit. „Es ist der letzte Prozess für meine Freunde, Bekannten und meine Lieben, die ermordet worden sind, bei dem der letzte Schuldige noch verurteilt wird, hoffentlich“, sagte der 100-Jährige zum Prozessbeginn. Schwarzbaum wurde 1921 in Hamburg geboren und überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen. Er berichtet seit Jahrzehnten über seine Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus.

KZ Sachsenhausen: Über 200.000 Menschen zwischen 1936 und 1945 inhaftiert

Im KZ Sachsenhausen, das im Sommer 1936 von Häftlingen aus den Emslandlagern errichtet worden war, waren in der Zeit von seiner Errichtung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert – unter ihnen politische Gegner des NS-Regimes sowie Angehörige der von den Nationalsozialisten verfolgten Gruppen wie Juden und Sinti und Roma. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen ums Leben oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS.

Immer weniger der in den Lagern von der SS eingesetzten Wachmänner sind noch am Leben. Die Taten liegen – wie auch in diesem Fall – fast 80 Jahre zurück. Der Angeklagte war damals Mitte 20. Die Nebenkläger werfen der deutschen Justiz vor, die Aufklärung von NS-Verbrechen jahrzehntelang vernachlässigt zu haben.

Für den Prozess vor dem Schwurgericht des Landgerichts Neuruppin sind insgesamt 22 Verhandlungstage bis in den Januar hinein angesetzt. Ein Gutachter hatte den 100-jährigen Angeklagten für eingeschränkt verhandlungsfähig erklärt. An den Verhandlungstagen kann daher nach Angaben des Gerichts jeweils nur wenige Stunden verhandelt werden.

RND/sic mit dpa-Material

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