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Nur wenige äußern Widerspruch

Die meisten Oligarchen kuschen vor Putin – aber nicht alle

Russlands Präsident Wladimir Putin: Nur wenige Oligarchen kuschen vor ihm nicht.

Moskau. Es ging groß durch die deutsche Presse: „Russische Oligarchen kritisieren den Kreml“. So oder so ähnlich lauteten viele Überschriften, die vor zwei Tagen zu lesen waren. Sie bezogen sich auf die Kritik, die russische Wirtschaftsmagnaten an der Regierung in Moskau „jetzt ungewöhnlich deutlich“ für den Einmarsch in der Ukraine geübt und ein Ende der Kämpfe gefordert hätten.

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Die Aussage stimmt, aber in dieser Pauschalität vermittelt sie womöglich einen falschen Eindruck. Denn nur eine Handvoll der 118 Milliardäre mit russischer Herkunft, die das Wirtschaftsmagazin Forbes für 2021 aufgelistet hat, missbilligte den Überfall Russlands auf das südliche Nachbarland.

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Zu denen, die den Mund aufmachten, gehörte etwa der Medienmogul Jewgenij Lebedew, der sich in einem offenen Brief von Kremlchef Wladimir Putin distanzierte. Auf der Titelseite der ihm gehörenden britischen Tageszeitung „Evening Standard“ schrieb der 41-Jährige, der auch die britische Staatsbürgerschaft besitzt: „Als britischer Bürger rufe ich Sie dazu auf, Europa vor diesem Krieg zu schützen. Als russischer Patriot bitte ich Sie, den unnötigen Tod weiterer junger russischer Soldaten zu verhindern. Als Weltbürger rufe ich Sie auf, die Welt vor der Auslöschung zu schützen.“

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„Krieg kann niemals die Antwort sein“

Den Tod „unschuldiger Menschen“ in der Ukraine brandmarkte auch der Kreditkartenanbieter Oleg Tinkow (54) als „undenkbar und inakzeptabel“. Staaten sollten Geld für die Krebsforschung ausgeben und nicht für Kriege, schrieb er auf Instagram.

Russland setzt Invasion in Ukraine weiterhin fort

Am sechsten Tag der Invasion konzentrierten sich die Kämpfe auf die südukrainische Stadt Cherson und nach wie vor auf die zweitgrößte Stadt des Landes, Charkiw.

Der Milliardär Oleg Deripaska (54) forderte angesichts der gegen Moskau verhängten Wirtschaftssanktionen ein „Ende des Staatskapitalismus“ in Russland. „Die Anhebung des Wechselkurses (…) ist der erste Test dafür, auf wessen Kosten dieses Festmahl wirklich stattfinden wird. Das ist eine echte Krise, und wir brauchen echte Krisenmanager“, erklärte der Gründer des Aluminiumkonzerns Rusal auf Telegram.

Und mit Michail Fridman wandte sich sogar einer der einflussreichsten Wirtschaftsführer Russlands gegen das kriegerische Vorgehen der russischen Staatsführung: In einem Schreiben an die Mitarbeiter seiner Beteiligungsgesellschaft Letterone forderte der gebürtige Ukrainer nach Unternehmensangaben ein Ende des Blutvergießens. „Krieg kann niemals die Antwort sein“, schrieb der Gründer des russischen Industrie- und Finanzkonzerns Alfa Group.

„Böswillige und vorsätzliche Unwahrheiten“

Fridman äußerte sich in dieser Weise womöglich auch deswegen, weil sich die jüngsten Sanktionen der USA, EU und Großbritanniens gegen ihn persönlich richteten. Im Beschluss des Europäischen Rates Nummer 2022/337 „über restriktive Maßnahmen angesichts der Handlungen, die die territoriale Unversehrtheit, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben oder bedrohen“, taucht Fridman unter den Sanktionierten an fünfter Stelle auf, weil er, wie es heißt, „zu den wichtigsten russischen Financiers und Unterstützern des inneren Kreises von Wladimir Putin zählt“.

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Für das Geschäft kann das schlecht sein, weswegen sich der 57-Jährige wohl gegen diesen Vorwurf verwahrte – gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Pjotr Awen (66), der mit einer ähnlichen Vorhaltung ebenfalls auf der Sanktionsliste der EU steht. Beide Milliardäre bezeichneten es als unwahr, dass sie „inoffizielle Abgesandte der russischen Regierung“ seien.

„Dies sind böswillige und vorsätzliche Unwahrheiten – schlicht und einfach das Produkt historischer Fantasien und Verschwörungstheorien, die von Privatpersonen mit ihren eigenen Absichten erdacht wurden“, ließen die zwei Geschäftsleute mitteilen.

Auch Alexej Morschadow (54), einer der reichsten Russen und unter anderem Großaktionär des deutschen Touristikkonzerns Tui, war nicht damit einverstanden, im Beschluss des Europäischen Rates Nummer 2022/337 genannt zu werden. „Ich kann nicht verstehen, wie diese Sanktionen gegen mich zu der Beilegung des schrecklichen Konflikts in der Ukraine beitragen sollen“, erklärte der Oligarch. Die EU wirft ihm unter anderem vor, mit seinem Unternehmen JSC Power Machines Geschäfte auf der besetzten Halbinsel Krim betrieben zu haben.

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In Putins Russland ist westliche Sanktionierung eine Ehre

Die 23 weiteren Personen, die von der EU sanktioniert wurden, verhielten sich allerdings mucksmäuschenstill. Sie verkniffen sich jede Kritik an der EU, die sie ja am besten mit einer Missbilligung am Krieg in der Ukraine hätten verbinden müssen, um glaubhaft zu bleiben.

Denn es ist ja inzwischen so, dass es in Putins Russland geradezu als Ehre gilt, auf einer westlichen Sanktionsliste aufzutauchen. Insofern hielten es etwa die Öl- und Gaskapitäne Igor Setschin (Rosneft) und Nikolaj Tokarew (Transneft) sowie der Stahltycoon Alischer Usmanow (Metalloinvest), die neben weiteren Oligarchen, Politikern, Militärs und Journalisten auf die neue EU-Sanktionsliste gelangten, für angebracht, dieses zweifelhafte Renommee nicht weiter infrage zu stellen.

Schon am Tag des russischen Einmarsches in die Ukraine am 24. Februar waren sie vom Präsidenten höchstpersönlich entsprechend konditioniert worden. Putin hatte die führenden Wirtschaftsführer in den Kreml zitiert, um ihnen vor allen Dingen eines klar zu machen: Jeder, der es vermeidet, mit Unternehmen Geschäfte zu machen, die vom Westen sanktioniert wurden, wird nach dem Gesetz bestraft. „Ohnmächtige Oligarchen müssen sich mit Putins Ukraine-Invasion abfinden“, brachte es die „Financial Times“ auf den Punkt.

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