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Russlands Botschafter in Berlin: „Der 8. Mai ist für uns ein heiliger Tag“

  • Sergej Netschajew spricht über die großen Opfer und würdigt auch die Rolle der Alliierten.
  • Der Diplomat versichert, der Truppenabzug aus dem Grenzgebiet zur Ukraine laufe wie vorgesehen.
  • Er kritisiert die zunehmende Tendenz, Hitler-Deutschland und die Sowjetunion gleichzusetzen.
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Berlin. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichneten deutsche Offiziere in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Er hatte mit dem Überfall von Hitlerdeutschland auf Polen im September 1939 begonnen. Rund sechs Millionen Juden wurden von den Nazis ermordet, insgesamt starben zwischen 55 und 60 Millionen Menschen. Für den russischen Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, ist der Tag der Befreiung ein „heiliger Tag“. Das RedaktionsNetzwerk Deuschland (RND) sprach mit ihm.

Herr Netschajew, was bedeutet der 8. Mai für Sie, für Ihr Land?

Das ist für uns ein heiliger Tag. Unser Volk hat so viel Kummer, so viel Leid erfahren in diesem Krieg wie kaum ein anderes. Wir haben 27 Millionen Menschen geopfert für den Sieg über Nazi-Deutschland. Wir ehren natürlich die Veteranen des Krieges, wir gedenken der Opfer in den Konzentrations­lagern und wir legen Kränze nieder an Kriegsgräbern der Gefallenen der Roten Armee, auch hier in Berlin. 700.000 Soldaten der Roten Armee liegen in deutscher Erde begraben. Es gibt über 4000 sowjetische Kriegsgräber in Deutschland. Und ich kann sagen: Die meisten von ihnen sind gut gepflegt. Für die Pflege der Kriegsgräber danken wir Deutschland und seinen Bürgern sowie unseren Landsleuten sehr herzlich.

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In Russland und auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken wird der 9. Mai als Tag des Sieges gefeiert. Wird es am Sonntag in Moskau eine Parade geben?

Ja, 10 Uhr Moskauer Zeit, allerdings wird coronabedingt alles etwas bescheidener ausfallen, in etwas kleinerem Rahmen als üblich stattfinden. Aber wir vergessen auch nicht den Beitrag, den unsere Verbündeten, die Alliierten in der Antihitlerkoalition, geleistet haben. Und wir machen darauf aufmerksam, dass die Wahrheit über den Krieg nicht verfälscht werden darf zugunsten der politischen Konjunktur.

Sergej Netschajew ist seit Januar 2018 russischer Botschafter in Berlin. © Quelle: dpa

Was meinen Sie damit?

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Es gibt in einigen unserer Nachbarländer die Tendenz, die Sowjetunion und Hitlerdeutschland gleichzusetzen. Damit wird verdrängt und vergessen, dass es Deutschland war, das am 22. Juni vor 80 Jahren die Sowjetunion überfallen hat, und nicht umgekehrt. Und wenn dann in einigen Staaten, zum Beispiel im Baltikum oder in der Ukraine, die Traditionsverbände der ehemaligen SS‑Kollaborateure marschieren, dann erfüllt uns das schon mit Wut. Oder wenn in Polen sowjetische Denkmäler abgerissen werden. Das empfinden wir als große Schande und das ruft bei uns helle Empörung hervor.

Die Abgeordnete der Linken, Sevim Dagdelen, hat kritisiert, dass die Bundesregierung zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls keinerlei offizielles Gedenken plant. Wie sehen Sie das?

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Wir würden es natürlich begrüßen, wenn es so etwas geben würde. Wie wir gehört haben, veranstaltet die Linke ein kleines Gedenken im Bundestag, das auch offen sein wird für Abgeordnete anderer Fraktionen. Und daran werden wir teilnehmen. Es ist für uns ein Tag der traurigen Erinnerung.

Schauen wir nach vorn: Wie geht es im Fall von Kremlkritiker Alexej Nawalny weiter? Russland verbietet jetzt auch noch seine Stiftung und seinen Organisationsapparat. Ist das ein rechtsstaatlicher Umgang mit einem Oppositionellen?

Auf Anordnung der russischen Staatsanwaltschaft laufen Ermittlungen gegen diese Organisationen. Ihnen wird vorgeworfen, gegen die Grundlagen der Verfassung zu verstoßen und zu illegalen Veranstaltungen aufgerufen zu haben – unter Einbeziehung von Minderjährigen. Die ganze Geschichte wird natürlich stark politisiert im Westen, aber unsere Ermittler orientieren sich an der russischen Gesetzgebung.

Und das bedeutet, die Nawalny-Organisationen werden mundtot gemacht.

Aus unserer Sicht ist das Ziel dieser Einrichtungen die Destabilisierung der innenpolitischen Situation in Russland im Vorfeld der kommenden Parlamentswahlen im September diesen Jahres. Und deswegen müssen wir mit einem normalen rechtlichen Prozess rechnen. Schauen Sie in andere Länder, wo Nichtregierungsorganisationen gegen die Verfassung vorgehen. Sei es in Deutschland oder in den USA. Da geht die Staatsmacht auch mit aller Härte vor.

Im Ukraine-Konflikt hatte zuletzt ein russischer Aufmarsch mit 120.000 Soldaten für Aufregung gesorgt. Dann hieß es, die Sache sei beendet. Und nun tauchten Meldungen auf, wonach Russland seine Truppen doch nicht von den Grenzen abzieht. Stimmt das?

Es gab einen Befehl unseres Verteidigungsministers, wonach die Übung beendet ist und die Truppen allmählich in ihre Kasernen zurückgeführt werden. Wie schnell das geht, bei Tausenden Soldaten und viel schwerer Technik, das kann ich jetzt nicht sagen. Aber der Befehl ist da. Und ich möchte noch anmerken, dass es sich um geplante Übungen auf unserem Territorium gehandelt hat. Die Nato-Manöver Defender-Europe direkt an unseren Grenzen können in Russland ebenfalls Unzufriedenheit auslösen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenski wollte sich mit Präsident Wladimir Putin treffen. Nun hieß es, der Kreml habe abgesagt.

Nein, das ist so nicht richtig. Selenski hatte vorgeschlagen, sich im umkämpften Donbassgebiet zu treffen. Daraufhin hat Putin geantwortet, wenn es um die Lösung des innerukrainischen Konflikts geht, dann muss Kiew mit den Verantwortlichen in den selbsternannten Republiken Donezk und Lugansk sprechen. Wenn es um das bilaterale Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine geht, dann ist Präsident Putin zu jeder Zeit bereit, Präsident Selenski in Moskau zu empfangen. Und auf dieses Angebot gibt es bislang noch keine Antwort aus Kiew.

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Seit 2014 gibt es in der Donbassregion Kämpfe mit vielen Toten und Verletzten. Wie sehen Sie die Zukunft der beiden abgespaltenen Republiken, die ja von Russland unterstützt werden?

Wir sind keine Konfliktpartei in dieser Sache. Wir sind Vermittler. Ebenso wie Deutschland und Frankreich. Wir tragen die Minsker Abkommen mit. Und die sehen vor, dass die selbsternannten Republiken Donezk und Lugansk im Bestand der Ukraine bleiben, aber einen Sonderstatus erhalten. Und das muss in der ukrainischen Gesetzgebung verankert werden. Das können wir nicht leisten. Das kann nur die Ukraine machen. Und das wollen die Kollegen in Kiew offensichtlich nicht. Vielleicht ist der Druck der ukrainischen Nationalisten zu stark oder die Regeln werden von einem anderen Land bestimmt.

Das ist jetzt eine charmante Umschreibung für die Vereinigten Staaten?

Das haben Sie gesagt.

US-Präsident Joe Biden hat auf die Frage eines TV‑Journalisten, ob er Putin für einen Mörder hält, geantwortet: „Ja, das tue ich.“ Wie kam das in Russland an?

So etwas habe ich in meiner Laufbahn als Diplomat noch nie gehört. Und wenn Sie mich persönlich fragen, wie ich das einschätze, dann kann ich nur sagen: Mir fehlen dafür die richtigen deutschen Worte. Aber Präsident Putin hat geantwortet, dass er Präsident Biden Gesundheit wünscht. Mehr noch, er hat ihm vorgeschlagen, in einem direkten Gespräch bilaterale Fragen zu klären. Dann gab es einen Anruf von Biden wegen eines Treffens auf neutralem Boden. Und dieser Vorschlag wurde von Russland positiv aufgenommen. Und jetzt werden die Modalitäten geprüft.

Stichwort Nord Stream 2: Sie waren vor ein paar Tagen in Lubmin bei Greifswald, wo die russische Erdgas-Pipeline ankommt. Wird das Projekt noch während der Amtszeit von Angela Merkel fertig, die ja eine Befürworterin ist.

Ich hoffe sehr, dass es noch vor der Bundestagswahl fertig wird. Wichtig für den Abschluss des Projektes ist jetzt das Wetter. Wenn es besser wird, kommen wir schneller voran. Die Arbeiten laufen, es sind noch knapp 100 Kilometer zu bewältigen.

Nach der Bundestagswahl könnte es aber zu einer neuen Regierungskonstellation kommen, die die Sache vielleicht nicht einfacher macht.

Wir arbeiten seit über 50 Jahren mit Deutschland in Sachen Gaslieferungen zusammen. Sogar in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges hat das funktioniert. Und jetzt stellt sich die Frage, ob wir 10 Milliarden Euro auf dem Meeresgrund begraben wollen. Die Entscheidung muss in Europa fallen.

Die EU veröffentlicht regelmäßig Berichte über zunehmende Desinformationskampagnen von russischer Seite gegenüber Europa und auch gegenüber Deutschland. Was sagen Sie dazu?

Wir finden das merkwürdig. Wenn es um die Webseite „EUvsDisinfo“ geht, dann steht unten schwarz auf weiß, dass das nicht die offizielle Meinung der EU ist und dass auch nicht nachgewiesen ist, dass diese Kampagnen vom Kreml ausgehen. Da fragen wir uns, was soll das Ziel dieser Kampagnen sein? Fürchtet man, dass wir Einfluss auf Wahlen nehmen wollen? Es hieß, wir hätten Trump unterstützt, aber unter Trump haben wir die schärfsten US‑Sanktionen aller Zeiten erlebt. Und was Deutschland betrifft: Wir werden mit jeder Regierung zusammenarbeiten, die das deutsche Volk wählt. Wir achten jede legitimierte Kraft und haben auch schon Erfahrungen mit einem grünen Außenminister gemacht.

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