Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Die Nato und der Ernstfall

Großbritannien bereitet sich auf bewaffneten Konflikt in Europa vor

Soldaten der Bundeswehr der „Nato Enhanced Forward Presence Battle Group“ (eFP-Bataillon) beim Besuch von Kanzler Scholz im Camp Adrian Rohn Anfang Juni.

Soldaten der Bundeswehr der „Nato Enhanced Forward Presence Battle Group“ (eFP-Bataillon) beim Besuch von Kanzler Scholz im Camp Adrian Rohn Anfang Juni.

London. Für all jene, die glauben, „Putins Krieg“ sei ein regionales Ereignis im Osten Europas, mag das wie eine herbeigeredete Eskalation klingen. Der neue General­stabschef der britischen Streitkräfte hat von seinen Soldatinnen und Soldaten die Vorbereitung auf einen Kriegseinsatz in Europa gefordert. Militärexperten sehen darin eher die Vorbereitung auf eine Realität, die sich nicht mehr leugnen lässt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auf weitere russische Aggressionen einstellen

Angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine müsse sich Großbritannien auch auf weitere russische Aggressionen auf dem europäischen Festland einstellen, argumentierte General Patrick Sanders der britischen Nachrichten­agentur PA zufolge. „Es gibt jetzt den dringenden Zwang, eine Armee aufzubauen, die in der Lage ist, an der Seite unserer Verbündeten Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen“, heißt es im Schreiben des General­stabschefs, der seinen Posten am vergangenen Montag angetreten hatte. Der General­stabschef ist der ranghöchste Soldat der britischen Landstreitkräfte.

Großbritannien bereitet sich damit auf den Ernstfall vor. Wie bereits zweimal im vergangenen Jahrhundert stellt sich das Vereinigte Königreich damit auf die Situation ein, dass seine Streitkräfte auf dem Kontinent im Verbund mit Alliierten gegen einen Aggressor in den Krieg ziehen müssen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In Strategiepapieren der Nato wird das Wort mit den fünf Buchstaben noch vermieden. Doch die Vorbereitungen im Bündnis auf einen drohenden Ernstfall, den bereits von russischen Politikern angedrohten Überfall eines Nato-Staates, sind überall spürbar. Ein Bündnis im Stresstest.

Treffen mit Selenskyj: US-Filmstar Ben Stiller in der Ukraine

In seiner Rolle als Sonderbotschafter will der US-Filmstar ein Zeichen setzen und ruft zur globalen Solidarität mit Geflüchteten auf.

Seit 2016 sind in Polen, Estland, Lettland und Litauen multinationale Gefechts­verbände in Bataillonstärke stationiert. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurden diese „eFP“-Battlegroups vergrößert und Kampfverbände in Rumänien, der Slowakei, Ungarn und Bulgarien aufgebaut. Die Bundeswehr führt seit 2017 in Litauen die Nato-Battlegroup an: 1600 Soldatinnen und Soldaten insgesamt, davon mehr als 900 aus Deutschland. Gerade erst schickte das Verteidigungs­ministerium 350 weitere Soldatinnen und Soldaten. Bundeskanzler Olaf Scholz versprach, die Battlegroup in „Richtung einer robusten Kampfbrigade“ weiterzuentwickeln. Eine Brigade umfasst im Regelfall 3000 bis 5000 Soldaten und Soldatinnen. Ein anderer Teil der Brigade wird seinen Standort in Deutschland haben. Die in Deutschland stationierten Soldatinnen und Soldaten sollen allerdings speziell für die Bedürfnisse Litauens und mögliche Bedrohungs­szenarien in dem Land ausgebildet werden.

Litauens Präsident Gitanas Nauseda.

Litauens Präsident Gitanas Nauseda.

In einer Erklärung von Scholz und Litauens Präsident Gitanas Nauseda hieß es, die verschiedenen Teile der Brigade werden „ein intensives und umfassendes Übungs­programm“ mit den litauischen Streitkräften durchlaufen, um sich gemeinsam auf eine mögliche Verteidigung des Landes vorzubereiten und „Interoperabilität, Geschlossenheit, Wirksamkeit im Einsatz und die Fähigkeit zur schnellen Verstärkung zu verbessern und zu gewährleisten“. In Estland, wo Großbritannien die Battlegroup anführt, haben die Briten ihre Soldatinnen und Soldaten jetzt für weitere sechs Monate verdoppelt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auf dem für Ende Juni geplanten Treffen aller Staats- und Regierungschefs und ‑chefinnen des Bündnisses in Madrid soll das neue „strategische Konzept“ der Nato verabschiedet werden, wichtigstes Dokument des Nordatlantik­pakts nach dem Gründungs­vertrag. Auch darin wird von „Krieg“ keine Rede sein.

Doch das 2010 verabschiedete Papier, in dem man Russland noch die „strategische Partnerschaft“ anbot, wurde von der Aktualität sprichwörtlich mit Panzerketten überrollt. „Heute herrscht Frieden im euroatlantischen Raum. Die Bedrohung durch einen konventionellen Angriff auf das Gebiet der Nato ist gering“, hieß es da noch. Fest steht, dass die Bedrohung durch Russland im neuen Papier klar benannt und das Bekenntnis, jeden Quadratmeter des Nato-Territoriums schützen zu wollen, bekräftigt werde.

Wollte ursprünglich in diesem Herbst aus dem Amt scheiden: Jens Stoltenberg, Nato-Generalsekretär.

Wollte ursprünglich in diesem Herbst aus dem Amt scheiden: Jens Stoltenberg, Nato-Generalsekretär.

Für den Madrider Gipfel sind zudem die Regierungs­chefs von Japan, Südkorea und Australien sowie die Regierungschefin von Neuseeland geladen. Vermutlich per Video wird zudem der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij zugeschaltet. Wie ernst es ihm mit dem Umbau der Allianz ist, demonstrierte Stoltenberg, indem er auch eigene Pläne über den Haufen warf: Von seinem ursprünglichen Plan, seinen Platz an der Spitze der Nato zu räumen, verwarf der Norweger – jetzt bleibt er bis Herbst 2023, hoffend, dass die Welt bis dahin eine friedvollere ist.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen