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Russland fühlt Genugtuung: „Rache der Geschichte“

Kämpfer der Taliban stehen an einem Kontrollpunkt in der Nähe der US-Botschaft in Kabul.

Moskau. Er gilt als Falke, wenn es um russische Interessen geht. Und so war es nicht erstaunlich, dass Senator Aleksej Puschkow den Mund recht voll nahm, als er in der Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ den schmählichen Abzug der Amerikaner und ihrer Verbündeter aus Afghanistan kommentierte.

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Als nichts Geringeres als die „Rache der Geschichte“ bezeichnete der 67-Jährige die schnelle Machtübernahme der Taliban in Kabul: „Es ist an der Zeit, den Gedanken vom ‚Ende der Geschichte‘ endgültig abzuhaken“, triumphierte Puschkow, „und stattdessen den Niedergang einer ganzen Denkschule, eines ganzen Systems von Mythen und Ideen zu konstatieren. Westliche ‚Historiker‘, die sich über den Zusammenbruch der UdSSR freuten, lagen eindeutig falsch.“

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Puschkow, der im Föderationsrat sitzt, der zweiten Kammer des russischen Parlaments, spielte damit auf die These des weltberühmten US-Politologen Francis Fukuyama an, der 1992 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“ prognostiziert hatte, dass sich der Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft weltweit durchsetzen werde.

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„Man kann es den Russen nicht verübeln, dass sie wegen der Ereignisse in Kabul nun eine gewisse Genugtuung empfinden“, sagte Fjodor Lukjanow, Herausgeber der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“ der „Moscow Times“.

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Eigene Niederlage ist in Russland nicht vergessen

Denn in Russland ist die eigene Niederlage am Hindukusch im Jahr 1989 nicht vergessen. Damals musste sich die Sowjetunion nach zehnjährigem Krieg geschlagen aus Afghanistan zurückziehen. Bilanz: 15.000 gefallene Soldaten der Sowjetarmee und zwei Millionen afghanische Todesopfer.

Veteranen weisen nun süffisant darauf hin, dass sich die prosowjetische Regierung Afghanistans nach dem Abzug der Sowjets damals dreieinhalb Jahre lang halten konnte, während die von den USA unterstützte Regierung von Präsident Aschraf Ghani noch vor dem vollständigen Rückzug der GIs aus dem Amt gejagt wurde.

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Krawtsow: Aus unseren Erfahrungen lernen

„Die Amerikaner hätten aus unseren Erfahrungen lernen sollen“, sagt Wasilij Krawtsow, der in den Achtzigerjahren als politischer Berater für die sozialistischen afghanischen Behörden arbeitete, bevor er in der Ära Ghani an die russische Botschaft in Kabul berufen wurde. „Wir hatten damals die Lage im Griff“, sagt er. „Wäre die Sowjetunion nicht zusammengebrochen, hätte die afghanische Regierung auf unbestimmte Zeit weiterarbeiten können. Aber die Amerikaner haben Afghanistan und die Afghanen nie verstanden.”

Während sich Russland seit dem Abzug aus Afghanistan 1989 ferngehalten hat, weil der Krieg weithin als sinnloses Abenteuer angesehen wurde, der den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigte, pflegt Moskau pragmatische Beziehungen gegenüber den Taliban, die ihrerseits die Erben der Mudschahedin sind, die die sowjetische Armee in die Flucht schlugen.

Lawrow: Taliban sind konstruktive Verhandlungspartner

Obwohl die Taliban in Russland offiziell als terroristische Organisation eingestuft sind, wurde Moskau zu einem regelmäßigen Schauplatz für Friedensgespräche zwischen den Taliban und der bisherigen Regierung Afghanistans. Erst im Juli hatte eine Delegation der Islamisten die russische Hauptstadt zu Gesprächen mit Außenminister Sergej Lawrow besucht. Damals lobte der russische Topdiplomat die Taliban als konstruktive Verhandlungspartner, während er die Regierung Ghani für ihre Blockadehaltung kritisierte.

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Am heutigen Dienstag äußerte sich Lawrow erneut anerkennend über die Dschihadisten: „Ich halte es für ein positives Signal“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP, „dass die Taliban ihre Bereitschaft erklären und in der Praxis zeigen, die Meinung anderer zu respektieren.“ Bei den Verhandlungen im Juli sollen sich die Taliban außerdem verpflichtet haben, den Islamischen Staat (IS) in Afghanistan zu bekämpfen und die ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken nicht zu bedrohen.

Für Russland ist dieses Versprechen zentral. Denn die islamistischen Oppositionsbewegungen, die in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens bestehen, wurden von den Taliban während ihrer letzten Regierungszeit in Kabul von 1996 bis 2001 unterstützt, was die pro-russischen Regierungen in diesen Ländern vor große Probleme stellte.

Dschihadisten sind ein Unsicherheitsfaktor

Expertinnen und Experten halten es für wahrscheinlich, dass sich die Taliban in dieser Frage jetzt nicht mit Moskau anlegen werden. Fraglich ist allerdings, ob sich etwa auch die Dschihadisten aus Tadschikistan und Usbekistan, die während der Offensive in diesem Sommer an der Seite der Taliban kämpften, an deren in Moskau abgegebenes Versprechen halten werden. Da ihnen in Afghanistan nun ein neues Rückzugsgebiet mit Stützpunkten und Ausbildungsmöglichkeiten offensteht, ist ihre Position nun auf jeden Fall gestärkt.

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Andererseits hat die instabile Sicherheitslage in der Region für den Kreml auch etwas Positives: Nachdem Russlands Einfluss in Zentralasien in der jüngeren Vergangenheit etwas gesunken ist, während Chinas Bedeutung in der Region wuchs, bietet sich für Moskau nun die Chance, wieder eine größere Rolle zu spielen. Denn aufgrund der tief verwurzelten militärischen Verbindungen ist Russland der einzige Partner, der Ländern wie Tadschikistan und Usbekistan belastbare Sicherheitsgarantien geben kann.

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