Flucht als einziger Ausweg

„Du wirst Menschen töten müssen“: Wie es einem russischen Wehrdienstverweigerer erging

Rekruten der russischen Armee beim Training (Symbolbild).

Rekruten der russischen Armee beim Training (Symbolbild).

Moskau. „Du wirst einen langsamen Tod sterben, qualvoll, wir werden Dich unter Zwang in einen Bus setzen, der Dich auf das Territorium der Ukraine bringt, und Du wirst Menschen töten müssen.“

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Was sich Kirill Beresin von Oberstleutnant Anatolij Wladimirowitsch Smerdow nach eigener Aussage anhören musste, war beängstigend und ist in Russland inzwischen ein Fall für die Justiz.

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Denn die Worte Smerdows fanden ihren Weg an die Öffentlichkeit: Beresin, 27, Sachbearbeiter eines Türenherstellers in Sankt Petersburg, erzählte seiner mütterlichen Freundin Marina Zyganowa, auf welche Art und Weise er als frisch eingezogener Soldat durch einen Vorgesetzten der russischen Armee bedroht wurde. Der 43-Jährigen platzte der Kragen: Auf Youtube forderte sie die Entlassung Beresins aus der Armee und begründet das unter anderem mit den verbalen Entgleisungen des Offiziers.

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„Ich könnte keinen Menschen töten“

Dessen Unmut hatte Beresin auf sich gezogen, weil er einer der wenigen war, die offen widersprachen, als sie im Rahmen der Teilmobilmachung im September in den Kampfeinsatz in der Ukraine geschickt werden sollten. Viele junge Männer entschieden sich dafür, einem solchen Himmelfahrtskommando durch Ausreise zu entgehen: An der Grenze zu Georgien kam es zu langen Staus, Flüge waren über Wochen ausgebucht, und die Website der russischen Staatsbahn brach unter dem Ansturm immer wieder zusammen. Beresin wählte als gesetzestreuer Staatsbürger, der acht Jahre zuvor seinen Wehrdienst abgeleistet hat, einen anderen Weg: Als ihm am 24. September eine Vorladung des Einberufungsbüros unter der Wohnungstür durchgeschoben wurde, erschien er pünktlich zum vereinbarten Termin, der angeblich nötig war, um seine persönlichen Daten auf den neuesten Stand zu bringen.

Doch auf dem Amt war keine Rede mehr von einem Datenabgleich. Vielmehr wurde Beresin der Pass abgenommen, und er nach Hause geschickt, um seinen Militärausweis zu holen. Als der junge Mann mit dem Dokument zurückkehrte, wurden auch diese Papiere beschlagnahmt.

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Noch glaubte Beresin, die Angelegenheit in seinem Sinne regeln zu können. Denn er ging davon aus, sich aufgrund seiner religiösen Einstellung nicht an Kampfeinsätzen beteiligen zu müssen: „Ich könnte keinen Menschen töten“, sagte er dem Exil-Nachrichtenportal „Nowaja Gaseta Europe“.

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Russland räumt das Recht auf Wehrdienstverweigerung ein

Eine Haltung, die in Russland eigentlich statthaft ist, denn die Verfassung des Landes räumt das Recht auf Wehrdienstverweigerung aufgrund von Gewissensgründen ein. Wer sich darauf erfolgreich beruft, muss den sogenannten „Alternatiwnaja Graschdanskaja Sluschba“ (AGS, deutsch: „Alternativer Zivildienst“) ableisten, der 21 Monate dauert.

Auf der Behörde forderte Beresin demzufolge das ihm zustehende Recht ein, seine Pflichten durch die Ableistung des AGS erfüllen zu können. Doch in Zeiten, in denen Russland Kanonenfutter dringend braucht, stieß sein Wunsch auf taube Ohren. Vielmehr verlegten sich die Einberufungsbeamten auf ein Täuschmanöver. Sie versprachen Beresin, dass er den Dienst im Heimatschutzkommando des Leningrader Gebiets ableisten könne. „Du kannst jedes Wochenende nach Hause fahren“, köderten sie ihn, dem gerade dieses Versprechen wichtig war. Denn so hätte er weiterhin für seine pflegebedürftige Großmutter in der gemeinsamen Zwei-Zimmer-Wohnung sorgen können. Sie hatte ihn – das Waisenkind – aufgezogen.

Doch es sollte anders kommen: Noch am selben Tag sitzt er zusammen mit anderen Einberufenen in einem Armeebus, der ihn auf den Militärstützpunkt Kamenka bringt, gut hundert Kilometer nordwestlich von Sankt Petersburg. Er ist nun Soldat einer Kompanie der 138. Motorisierten Brigade und erhält eine fünftägige Kampfausbildung.

22 Stunden auf der Flucht

Nach dieser dürftigen Einweisung verlegt ihn das Brigadekommando schlecht ausgerüstet in die Region Belgorod in ein Zeltlager in der Nähe des Dorfes Chochlowo an der ukrainischen Grenze. Freundin Marina Zyganowa kann ihm gerade noch warme Kleidung und einen Schlafsack nach Kamenka bringen.

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In Chochlowo geht der Albtraum für Beresin allerdings erst richtig los. Er trifft auf viele Soldaten, die bereits an der Front waren. Er bekommt außerdem mit, dass Kameraden in den Kampf geschickt werden, obwohl sie krankheitsbedingt dienstuntauglich sind. Und: Die Eingabe mit der Bitte um Überstellung in den AGS, die er an seinen Kommandeur Smerdow gerichtet hat, wurde von diesem unter den Schimpftiraden abgewiesen, die über Marina Zyganowa schließlich ihren Weg an die Öffentlichkeit fanden.

Dem jungen Mann wird klar, dass ihm nur noch die Flucht bleibt, um nicht an die Front gezwungen zu werden. Er hat sich informiert: Gelangt er in einer Frist von zwei Tagen nach Sankt Petersburg und meldet sich dort beim Untersuchungskomitee der Streitkräfte (SK), ist er kraft Gesetzes noch kein Deserteur. Unter dem Vorwand, etwas einkaufen zu wollen, verlässt er das Zeltlager und schafft es mit seinem letzten Geld innerhalb von 22 Stunden per Taxi nach Sankt Petersburg.

Auftritt vor Gericht

Dort legt Beresin über seinen Anwalt Nikifor Iwanow beim SK Beschwerde gegen den rabiaten Kommandeur ein. Auf dem Weg erfährt Beresin, dass Beanstandungen über den Oberstleutnant gang und gäbe sind. Im Juni beschuldigte die Mutter eines gefallenen Soldaten Smerdow ihren Sohn in einen sicheren und unsinnigen Tod geschickt zu haben. Insgesamt sollen vier Beschwerden gegen Smerdow anhängig sein.

Ende November wird Beresin im Stadtgericht von Sankt Petersburg das Recht eingeräumt zu begründen, warum er nicht an der Front in Ukraine kämpfen kann.

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Wie Anwalt Iwanow dem Sankt Petersburger Regionalportal „Bumaga“ („Papier“) berichtete, las sein Mandant mit zitternden Händen und schüchterner Stimme eine Erklärung ab, in der er seine Haltung mit dem orthodox-christlichen Glauben begründete, der ihm auf der Sonntagsschule vermittelt worden sei. Dort habe er sein Verhältnis zu Gott und dem Leben in der Weise vertieft, die der strengen Religiosität seiner Großmutter entsprochen habe, die nun ohne ihn in Sankt Petersburg leben müsse.

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Panikattacke nach dem Urteil

Als Beresin sagte: „Ich kann keinen Menschen töten – das ist eine Sünde“, habe einer der Richter mit seiner kritischen Nachfrage für einen bizarren Moment gesorgt, berichtet Iwanow weiter: „An welcher Stelle verfügt die Orthodoxie, dass man einen Menschen nicht töten darf?“, fragte der Kadi. „Du sollst nicht töten. Im orthodoxen Katechismus ist das das sechste Gebot“, antwortete Beresin kurz und trocken. „Ach so, ja“, ruderte der Richter schnell zurück.

Trotz solch bezeichnender Inkompetenz lässt sich die vorsitzende Richterin nicht davon abhalten, schon nach einer Stunde ein Urteil zu fällen. Sie lehnt Beresins Antrag ab, er bleibt Angehöriger der Armee.

Als ihn Iwanow und Zyganowa zurück zu seiner militärischen Einheit auf der Petersburger Wassiljewski-Insel bringen wollen, erleidet ihr Schützling eine Panikattacke und bekommt Atemschwierigkeiten. Der Anwalt und die Freundin steuern sofort das nächste Krankenhaus an. Nachdem er dort versorgt wurde, ging es für Beresin schließlich doch auf die Wassilijewski-Insel weiter.

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„Wir hoffen auf das kleinste Übel“

Am nächsten Tag ist der junge Mann zurück in Kamenka. Von dort ruft er Iwanow an, und schildert ihm, dass er bei seiner Rückkehr keiner psychischen oder physischen Gewalt ausgesetzt worden sei. Der Fall ist inzwischen zu publik, als dass sich die Behörden das noch leisten können.

Für den Anwalt ist das aber nur ein geringer Trost. Denn Beresin droht nun erneut die Versetzung an die Front in der Ukraine. Und Iwanow weiß kaum, was er für seinen Mandanten jetzt noch tun kann: „Ich versuche jetzt, eine zivile Verwendung innerhalb der Armee für ihn zu finden“, sagt er. „Das ist eigentlich nicht die Aufgabe eines Anwalts. Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals in eine solche Situation geraten würde“, sagt er.

Arbeit ohne Waffeneinsatz innerhalb der Armee könne viel bedeuten: das Ausheben von Schützengräben oder das Schälen von Kartoffeln in der Feldküche. „Wir hoffen auf das kleinste Übel für Kirill.“

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