Russland wehrt sich gegen deutsche Vorwürfe im Fall Nawalny

  • Ärzte entdecken beim Kreml-Kritiker Nawalny ein Gift aus der gleichen Gruppe wie bei dem 2018 vergifteten Ex-Spion Skripal.
  • Das deutet auf eine Beteiligung des russischen Staates hin.
  • “Er sollte zum Schweigen gebracht werden”, sagt Merkel mit aller Deutlichkeit.
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Berlin/Moskau. Russland hat die Angaben der Bundesregierung über eine Vergiftung des russischen Kreml-Kritikers Alexej Nawalny in Frage gestellt. Deutschlands gebe lieber öffentliche Erklärungen ab, ohne Beweise vorzulegen, als eine gründliche Untersuchung durchzuführen, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa am Mittwoch. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow betonte, Russland sei bereit zur Zusammenarbeit, allerdings hätten die deutschen Behörden bisher auf Anfragen der Generalstaatsanwalt und der russischen Ärzte Nawalnys nicht reagiert und keine Informationen weitergegeben.

“Es stellen sich jetzt sehr schwerwiegende Fragen”

Die Bundesregierung hatte zuvor mitgeteilt, Experten der Bundeswehr hätten "zweifelsfrei" nachgewiesen, dass Nawalny mit einem chemischen Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden sei. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, Nawalny sei Opfer eines "versuchten Giftmords" geworden. "Er sollte zum Schweigen gebracht werden." Sie forderte von Russland eine Aufklärung des Falls. "Es stellen sich jetzt sehr schwerwiegende Fragen, die nur die russische Regierung beantworten kann und beantworten muss", sagte sie. Das Auswärtige Amt bestellte den russischen Botschafter ein.

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Mit Nowitschok waren 2018 auch der ehemalige russische Spion Sergej Skripal und dessen Tochter in Großbritannien vergiftet worden. Beide überlebten nach Wochen in kritischem Zustand, eine Anwohnerin kam ums Leben. Weil das Gift aus Sowjetzeiten nach Angaben westlicher Experten ausschließlich in Russland hergestellt worden ist, wurde die russische Regierung für den Fall verantwortlich gemacht. Die wies das zurück.

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Empörung in den USA und Großbritannien

Auch die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland waren damals auf eine schwere Probe gestellt worden. Der britische Premier Boris Johnson sagte am Mittwoch, der Einsatz eines chemischen Kampfstoffes sei empörend. Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats im Weißen Haus, John Ullyot, äußerte sich ähnlich.

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Nawalny war am 20. August auf einem Flug von Sibirien nach Moskau plötzlich zusammengebrochen. Nach einer Behandlung in einem Krankenhaus im sibirischen Omsk wurde er in die Berliner Charité verlegt, wo die Ärzte bereits vergangene Woche von Anzeichen einer Vergiftung gesprochen hatten. Am Mittwoch teilte die Charité mit, die Symptome der Vergiftung gingen zwar zurück, Nawalny liege aber nach wie vor auf der Intensivstation und werde künstlich beatmet. Langzeitfolgen könnten weiter nicht ausgeschlossen werden.

Nawalnys Ärzte in Sibirien haben die Erkenntnisse ihrer Charité-Kollegen wiederholt infrage gestellt und betont, nach ihrer Diagnose sei eine Vergiftung ausgeschlossen. Ihre Tests auf Giftstoffe bei Nawalny seien allesamt negativ ausgefallen. Verbündete Nawalnys erklärten dagegen, der Oppositionelle sei von der Regierung vorsätzlich vergiftet worden. Der Kreml weist das zurück.

Nach Bekanntwerden der jüngsten Erkenntnisse aus Berlin twitterte Nawalnys langjähriger Mitstreiter Leonid Wolkow: "Nawalny 2020 mit Nowitschok zu vergiften, ist genau das Gleiche, wie am Tatort ein Autogramm zu hinterlassen wie dieses." Dazu verbreitete er eine Autogrammkarte des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

RND/AP

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