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Was passiert in Moskau?

Putins Kriegs-Narrative am „Tag des Sieges“

Soldaten bei der Generalprobe für 9.-Mai-Parade in Moskau (Symbolfoto).

Moskau. Der „Tag des Sieges“ am 9. Mai steht bevor, das ist im russischen Alltag inzwischen kaum zu übersehen. Das schwarz-orange-streifige Sankt-Georgs-Band, mit dem schon in der Sowjetunion an den Sieg im Deutsch-Sowjetischen Krieg erinnert wurde, ist allgegenwärtig: Die Angestellten des Perekrjostok-Supermarktes im Moskauer Stadtteil Chamowniki tragen es genauso stolz am Revers wie die Teenager der Jugend-Militär-Organisation Junarmija (deutsch: Jugendarmee), die sich an der Metrostation Frunzenskaja versammeln, um gemeinsam zu einer Probe für ihren Auftritt am 9. Mai zu fahren.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Der „Tag des Sieges“ ist für viele Russen der wichtigste Feiertag im Kalender, doch in diesem Jahr wird er zwiespältig ausfallen. Denn einerseits steht kein besonderes Jubiläum an so wie etwa 2020, als ausgerechnet der 75. Jahrestag des sowjetischen Sieges über Hitler-Deutschland wegen Corona in den Juni verschoben werden musste. Dazu scheint der bescheidene Rahmen zu passen, in dem der 9. Mai in diesem Jahr begangen wird: Statt der 198 Bodenkampffahrzeuge aus 35 verschiedenen Kampfsystemen wie noch im Vorjahr werden bei der Militärparade auf dem Roten Platz nur 131 Fahrzeuge aus 25 Kampfsystemen erwartet.

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Doch das hat einen triftigen Grund, der dem „Tag des Sieges“ in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zukommen lässt: Viele Panzer, Artillerie- und Flugabwehrsysteme sind derzeit in der Ukraine stationiert und können daher nicht in Moskau und anderen russischen Städten defilieren. Genau wegen der Kämpfe in der Ukraine könnte es aber sein, dass mehr Russen den Feiertag öffentlich begehen werden, als es ohnehin schon immer der Fall ist. Denn in Krisenzeiten gilt es, Zusammenhalt zu demonstrieren. Zudem wartet die ganze Welt besonders gespannt auf die Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die er an diesem 9. Mai halten wird.

Was wird Putin sagen, was wird danach tatsächlich geschehen?

Im Augenblick werden von Beobachtern die verschiedensten Szenarien entworfen, die Putin im Sinn haben und ankündigen könnte. Diese reichen von einer Festschreibung des militärischen Status quo und der Ausrufung eines „Neurusslands“ in den bisher durch Russland besetzten Gebieten im Osten und Süden der Ukraine bis zu einer weiteren militärischen Eskalation des Konflikts durch eine russische Generalmobilmachung.

Doch bei der Unberechenbarkeit, die Putin zuletzt an den Tag gelegt hat, wird man letztendlich abwarten müssen, was er sagen und was nach diesem 9. Mai tatsächlich geschehen wird. Schließlich muss Ersteres lange nicht dem entsprechen, was tatsächlich intendiert wird. Zumindest sagt man im Westen, dies im Kontakt mit der russischen Staatsmacht inzwischen gelernt zu haben.

Unabhängig davon, wie es politisch konkret weitergeht, wird davon auszugehen sein, dass das Regime diesen 9. Mai dazu nutzen wird, die Narrative des Krieges gegen Nazi-Deutschland und des derzeitigen russischen Kampfes in der Ukraine miteinander zu verbinden.

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Seriöse Analyse des sowjetischen Sieges unerwünscht

Die Basis dafür hat der russische Präsident schon in den vergangenen Jahren gelegt. Vor allem seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt im Jahr 2012 nutzte Putin die Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai, um herauszustellen, dass es vor allem die Sowjetunion war, die den Faschismus im Zweiten Weltkrieg niedergerungen hat.

Das ist bei 27 Millionen Opfern, die es in fast jeder russischen, aber auch ukrainischen oder weißrussischen Familie gibt, kaum zu bestreiten, doch in ihrer Interpretation des sowjetischen Sieges geht die russische Staatsmacht inzwischen so weit, dass er keinesfalls kritisiert werden darf, auch wenn negative Aspekte in der historischen Analyse eigentlich mitbedacht werden müssten, etwa die jahrzehntelange unterdrückerische Nachkriegsherrschaft über Osteuropa.

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Dutzende Menschen seien zunächst noch unter den Gebäudetrümmern verschüttet gewesen, so der Gouverneur der Region Luhansk.

In den vergangenen Jahren hat Putin die USA in seinen Reden bei der Militärparade auf dem Roten Platz zudem indirekt als potenzielle Bedrohung für den Weltfrieden charakterisiert, eine störende Kraft, die sich anmaßt, den Planeten zu beherrschen.

Die Mär vom ukrainischen Faschismus

Die Kampfhandlungen in der Ukraine könnte er in seiner diesjährigen Rede zum 9. Mai insofern nicht als Offensive gegen die Ukraine, sondern als Verteidigungsmaßnahmen gegen die aggressive Nato beschreiben.

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Zumal das westliche Verteidigungsbündnis in der Lesart des Kremls gemeinsame Sache mit einem faschistischen Regime macht, nämlich dem der Ukraine. Und diesen Zusammenschluss könnte Putin als gedankliche Überleitung zwischen dem 9. Mai 1945 und dem 9. Mai 2022 erscheinen lassen: Damals kapitulierte die Wehrmacht in Berlin-Karlshorst gegenüber der Sowjetunion, und nun biete Russland dem Faschismus in der Ukraine selbstlos Einhalt, obwohl dieser ja wieder sehr mächtig sei, mit großen Staaten wie den USA und in Westeuropa im Hintergrund.

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Selbstverständlich ist das eine maßlose Übertreibung. Der Widerstandskämpfer und Faschist Stepan Bandera (1909–1959) wird in Teilen der Ukraine bis heute zwar noch verehrt, doch die Anhänger dieses Kults sind aus der „Werchowna Rada“, dem ukrainischen Parlament, inzwischen verschwunden. Und wenn Bandera ein diktatorisches Regierungssystem anstrebte, so ist der heutige Präsident der Ukraine nach einer Wahl ins Amt gekommen, die nach OSZE-Angaben demokratischen Prinzipien entsprach.

Doch solche Details werden nach offizieller russischer Darstellung an diesem 9. Mai sicher keine große Rolle spielen.

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