Verteidigungsministerium gegen Hardliner

Machtkampf in der russischen Militärführung – buhlen um Putins Gunst

Russlands Präsident Wladimir Putin (M.) in Begleitung von Verteidigungsminister Sergej Schoigu (r.) und dem neuen Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte in der Ukraine, Waleri Gerassimow (Archivbild).

Russlands Präsident Wladimir Putin (M.) in Begleitung von Verteidigungsminister Sergej Schoigu (r.) und dem neuen Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte in der Ukraine, Waleri Gerassimow (Archivbild).

Seit nun elf Monaten tobt Russlands brutaler Angriffskrieg gegen die Ukraine. Deutlich länger, als es sich Kremlchef Wladimir Putin zu Beginn vorgenommen hatte. Kämpfe gehören weiter zum Alltag, nennenswerte Bewegungen auf dem Schlachtfeld gibt es aber seit Wochen kaum. Umso wuseliger wirkt das Bild in der russischen Militärführung. Der Grund: ein eisern geführter Machtkampf um Putins Gunst.

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Konkret geht es um den neuen russischen Oberbefehlshaber in der Ukraine, Waleri Gerassimow. Dieser hatte Mitte Januar den Posten vom bisherigen Kommandeur Sergej Surowikin übernommen. Surowikin gilt als besonders skrupelloser General, in Syrien war er für zahlreiche Angriffe auf zivile Ziele berüchtigt. Und so wundert es auch nicht, dass unter seiner Leitung in der Ukraine die Attacken auf die kritische Infrastruktur forciert wurden. Heute ist Surowikin nur noch der Vize seines Nachfolgers Gerassimow. Doch der neue Oberbefehlshaber gerät nach zwei Wochen offensichtlich schon ins Wanken.

Nach britischer Einschätzung stößt Gerassimow nicht nur in der russischen Truppe auf Skepsis – sondern auch bei Putins Hardliner-Fraktion. „Gemeinsam mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu gilt er zunehmend als abgehoben und ihm wird vorgeworfen, auf Präsentation statt Substanz zu setzen“, teilte das britische Verteidigungsministerium unter Berufung auf Geheimdienstinformationen am Montag mit.

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27.12.2022, Russland, St. Petersburg: Wladimir Putin, Präsident von Russland, und Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus,  sprechen am Rande eines informellen Treffens der Staatsoberhäupter der ehemaligen Sowjetstaaten, die Mitglieder der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten sind, im Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg. Foto: Alexey Danichev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

„Lukaschenko kann nicht Nein zu Putin sagen“

Immer wieder steht die Sorge im Raum, dass Belarus sich dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine anschließen wird. Das hängt vor allem von der Beziehung zwischen Putin und Lukaschenko ab - erklärt der Rostocker Politikwissenschaftler Alessandro Tripolone.

Grund ist, dass Gerassimow viel Wert darauf legen soll, die Disziplin in der Truppe zu erhöhen. Dabei gehe um nicht vorschriftsmäßige Uniformen, die Nutzung von Mobiltelefonen und zivilen Fahrzeugen sowie nicht der Norm entsprechende Haarschnitte, teilte das britische Ministerium weiter mit. „Die Maßnahmen stoßen auf skeptisches Feedback. Den größten Spott aber gab es dafür, den Standard der Truppenrasur zu verbessern.“

Hat Putin den Machtkampf selbst provoziert?

Vor allem Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin fremdelt offen mit den Gerassimow und Schoigu. Mit Surowikin hatte er zuvor den Oberbefehlshaber als seinen Alliierten. Neben ihm hatte Prigoschin weitreichende Befugnisse in der Kriegsführung sowie das Kommando über die Bachmut-Offensive. Nach US-Schätzungen umfasst die in der Ukraine operierende Wagner-Truppe rund 50.000 Kämpfer – wovon 40.000 ehemalige Strafgefangene sein sollen. Bürgerrechtler gehen jedoch davon aus, dass nur noch 10.000 Häftlinge bei der Truppe sind.

Auch der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, berüchtigt als „Putins Bluthund“ und selbst Befehlshaber eigener Kämpfer in der Ukraine, zeigt sich wenig begeistert von den Entwicklungen im Verteidigungsministerium.

Sowohl Prigoschin als auch Kadyrow gelten als skrupellos. Was bei ihnen zählt, ist der Erfolg – egal mit welchen Mitteln. Und auch deshalb dürften sich die zwei Putin-Schergen die Forderung des Kremlchefs an seinen neuen Ukraine-Oberbefehlshaber auch selbst auf den Zettel geschrieben haben: die Eroberung des Donbass bis März. Vor allem der Wagner-Chef scheint dabei große Ambitionen zu haben.

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Der Leiter der Wagner-Gruppe, Jewgeni Prigoschin, bei der Beerdigung eines Wagner-Kämpfers auf einem Friedhof außerhalb von St. Petersburg.

Der Leiter der Wagner-Gruppe, Jewgeni Prigoschin, bei der Beerdigung eines Wagner-Kämpfers auf einem Friedhof außerhalb von St. Petersburg.

Zuletzt verbuchte Prigoschin die Eroberung Soledars sowie die Fortschritte rund um Bachmut als Erfolge seiner Wagner-Gruppe, wie das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) vergangene Woche berichtete. Am Montag dankte er medienwirksam seinen Kämpfern für ihren Einsatz, sagte die Schlacht der Roten Armee um Stalingrad im Jahr 1942 gegen die deutsche Wehrmacht sei dagegen „eher ein Urlaub“ gewesen.

Ein eindeutiger Fingerzeig in Richtung Gerassimow und Schoigu – mit der unmissverständlichen Botschaft: Ohne mich geht es auf dem Schlachtfeld nicht voran. Gleichermaßen offenbart es einen internen Kampf um Putins Aufmerksamkeit. Ein Eifern um dessen Gunst – und damit auch um Macht.

Ein namentlich nicht genannter Nato-Militärgeheimdienstoffizier sagte der „Vice“, der Kremlchef könnte den Hahnenkampf sogar selbst provoziert haben. „Putin hat ein System entworfen, bei dem der Zugang zu ihm und seiner Gunst das Einzige ist, was zählt“, sagte er und setzte fort: „Also bilden Rivalen Machtzentren, um Putin zu beeinflussen, der selbst andere Leute dazu bringen muss, die Schuld für die katastrophale Leistung des russischen Systems auf sich zu nehmen.“ Angesichts der fehlenden Erfolge an der Front würden Gerassimow und Schoigu in direkter Schusslinie stehen. „Und Kadyrow und insbesondere Prigoschin warten, ob sie stolpern“, so die Analyse des Nato-Offiziers.

Wagner-Chef hat Machtansprüche

Laut ISW scheint der Wagner-Chef allerdings in seinen Bestrebungen über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Die in Washington ansässige Denkfabrik teilt in ihrem jüngsten Bericht vom Dienstagabend mit, der Stern Prigoschins sei „nach Monaten des scheinbaren Aufstiegs untergegangen“. Dies sei Mitte Januar besonders deutlich geworden, als Putin in einem Fernsehinterview die Eroberung Soledars ausdrücklich nicht der Wagner-Gruppe zuschrieb. „Putin mag sich durch Prigoschins Aufstieg und seine taktlose Selbstbehauptung bedroht gefühlt haben“, schrieb das ISW. Zumal der Wagner-Chef bislang noch nicht sein Versprechen einlösen konnte, Bachmut einzunehmen.

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Nach Einschätzung der Denkfabrik hatte sich Prigoschin ausgemalt, das russische Verteidigungsministerium durch die Einnahme Bachmuts als Versager dastehen zu lassen und darüber seine politische Macht im Kreml gegenüber Verteidigungsminister Schoigu ausbauen zu können. Bereits im Oktober habe er das Verteidigungsministerium in einem privaten Gespräch mit Putin scharf kritisiert und darauf hingewiesen, dass die Armee vollständig auf Wagner-Streitkräfte angewiesen sei. Auch die offizielle Anerkennung der Wagner-Gruppe in Russland dürfte eines seiner Ziele gewesen sein, obwohl das russische Strafrecht den Einsatz paralleler Militär- und Söldnerverbände verbietet.

Russische Söldnertruppe Wagner meldet Einnahme von Soledar

Soledar in der ostukrainischen Industrieregion Donbass liegt nur wenige Kilometer von der strategisch wichtigen Stadt Bachmut entfernt.

USA rechnen mit weiteren „tiefgreifenden Führungswechseln“

Augenscheinlich zu viel für Putin. Die Rochade von Surowikin auf Gerassimow gilt als Versuch des Kremlchefs, das Ansehen der zuletzt wegen zahlreicher Niederlagen in dem Krieg in die Kritik geratenen Militärführung des Landes wieder zu stärken. Der Einfluss der Hardliner wurde durch den Umbau der Befehlsstruktur dagegen geschwächt. Denn Surowikin galt für die Scharfmacher als Hoffnungsträger, schneller Erfolge zu erzielen.

Im Westen beschreibt man die Vorgänge in der russischen Militärführung vor allem mit einem Wort: Chaos. „Meine Einschätzung ist, dass Gerassimows Beförderung und die Art und Weise, wie sie geschah und wie Surowikin zurückgedrängt wurde, ein Zeichen für ein gewisses Chaos in der Führung ist“, schrieb etwa der Militärforscher Rob Lee vom King‘s College in London auf Twitter.

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Auch in Washington geht man von purer Desorganisation im russischen Militärbereich aus. „Zuerst hatten sie keinen wirklichen Oberbefehlshaber, dann haben sie Surowikin befördert, dann gab es offensichtlich Meinungsverschiedenheiten zwischen Surowikin und Gerassimow und Schoigu. Also haben sie Surowikin degradiert und Gerassimow an die Spitze gesetzt“, sagte der Staatssekretär für US-Verteidigungspolitik, Colin Kahl, am Mittwoch. Es sei jedoch unklar, ob der neue Oberbefehlshaber nun auch das Kommando über die Wagner-Truppen übernehme. Dies offenbare eine „ziemlich tiefgreifende“ Dysfunktionalität innerhalb der russischen Befehlsstruktur, so Kahl. „Tiefgreifende Führungswechsel“ dürften deshalb auch weiterhin zu erwarten sein.

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