Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Nuklearbombe als letztes Mittel

Atombombe als letztes Mittel: Wann und wo Russland zur Nuklearwaffe greifen könnte

Russland testet Nuklearwaffen: Dieses am 19. Februar 2022 vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt den Start einer ballistischen Interkontinentalrakete vom Typ „Jars“ von einem Flugplatz aus während einer militärischen Übung.

Warum der Einsatz von Nuklearwaffen gar nicht so unwahrscheinlich ist, was Putin damit bezweckt und wo eine Nuklearwaffe gezündet werden könnte: Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gibt die Professorin für Internationale Beziehungen an der Hertie School Berlin, Marina Henke, eine Einschätzung zu diesen sicherheitspolitischen Fragen. Sie ist zugleich Direktorin des Zentrums für internationale Sicherheit.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle News und Entwicklungen im Liveblog +++

Putin versetzt Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft

Russlands Präsident Wladimir Putin reagierte im Staatsfernsehen auf Sanktionen und „aggressives" Verhalten der Nato.

Frau Henke, Russlands Angriff auf die Ukraine hat viele Menschen überrascht. Müssen wir uns darauf einstellen, dass Präsident Wladimir Putin auch nukleare Waffen einsetzen wird?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Einsatz von Nuklearwaffen ist nicht Putins erste, zweite oder dritte Wahl. Aber der Westen muss immer berücksichtigen, dass Russland eine Nuklearmacht ist und dies den Krieg auf eine andere Ebene hebt als zum Beispiel den Balkankrieg oder den Irakkrieg. Putin hat in seinen Reden immer wieder direkt oder indirekt mit dem Wort „Nuklearwaffe“ gespielt. Diesen Donnerstagmorgen hat er gewarnt, dass jegliche Einmischung Konsequenzen nach sich ziehen würde, „die ihr in eurer Geschichte noch nie erlebt habt.“ Dadurch muss man annehmen, dass nukleare Waffen zumindest in der Theorie ein Teil der Kriegsplanung sind. Am plausibelsten wäre der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen als Signal an Nato und den Westen.

Was meinen Sie genau mit taktischen Nuklearwaffen?

Während strategische Nuklearwaffen ganze Landstriche zerstören, lassen sich kleine, taktische Nuklearwaffen für eine psychologische Kriegsführung einsetzen. Diese haben eine deutlich geringe Sprengkraft als größere strategische Nuklearwaffen. Putin könnte eine Nuklearbombe über der Ostsee oder dem Schwarzen Meer zünden. Dadurch würde zwar die Umwelt in großem Maße verseucht werden, aber es werden keine Menschen direkt zu Schaden kommen. Putin würde damit trotzdem das klare Signal an den Westen senden, dass er bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Er setzt damit ein Stoppschild für den Westen. In russischen Militärkreisen spricht man davon, die Nato durch eine solche Nuklearbombe so sehr in Schrecken zu versetzen, dass sie sich den Forderungen Russlands beugt. Ihre Einigkeit, den harten Kurs gegen Russland weiterzuverfolgen, könnte bröckeln.

Wie wahrscheinlich ist denn der Einsatz von kleinen Nuklearwaffen?

Putin muss sich völlig in die Ecke gedrängt fühlen und überzeugt davon sein, dass die Nato und die USA schuld an der Situation sind. Ich sehe zwei Möglichkeiten dafür: Beim ersten Szenario greift die Nato direkt in den Krieg in der Ukraine ein – das ist aber unwahrscheinlich. Im zweiten Szenario verläuft der Krieg in der Ukraine schlecht für Russland, es gibt viele Opfer und Putin macht dafür die Unterstützung aus dem Westen verantwortlich. Zum Beispiel durch Waffenlieferungen, wie es sie bereits von einigen Nato-Mitgliedsstaaten gibt. Um in diesem Fall ein Signal zu setzen, dass der Westen zu weit gegangen ist, könnte Putin eine kleine taktische Nuklearbombe zünden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Selenskyj beklagt weitere Angriffe von Russland: „Diese Nacht war hart"

In der Nacht zu Sonntag hat es weitere Angriffe auf die kritische Infrastruktur in der Ukraine durch Russland gegeben.

Wie groß wäre denn die Zerstörung?

Beim Einsatz über dem Meer wäre das Wasser und die gesamte Umwelt großflächig verseucht. Dass es auch gravierende Schäden an Land gibt, wäre in diesem Fall eher unwahrscheinlich. Die Menge an nuklearem Material und damit das Ausmaß der Zerstörung und der Verseuchung lässt sich einstellen. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Tests: Atombomben wurden in Wüsten und unter Wasser gezündet, die Amerikaner haben in Neumexiko, Nevada und auf Atollen Tests durchgeführt, die Russen vor allem in der Steppe von Kasachstan. Es gibt also umfangreiche Erfahrungen, wie genau nukleare Waffen eingestellt werden müssen. Der Einsatz solcher Waffen hat aber trotz geringer Zerstörung einen hohen psychologischen Effekt. Darauf wird Putin setzten, wenn es tatsächlich zum Einsatz solcher Waffen kommt.

Womit rechnen Sie?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich denke, dass Putin zu so einer Option wirklich nur im äußersten Notfall greifen wird. Denn sie ist mit unglaublichem Risiko behaftet. Er weiß das. Deswegen wird er wohl auch alles dafür tun, um beim Einsatz einer nuklearer Waffe eine größere direkte Zerstörung zu verhindern. Sein Ziel ist die Psyche der Menschen.

Ist denn wirklich davon auszugehen, dass es bei einem kleinen Einsatz nuklearer Waffen bleibt?

Ja, denn jede Atommacht weiß, dass es mit dem größeren Einsatz von Nuklearwaffen direkt einen Weltkrieg beginnen würde. Auf dieser Eskalationsebene befinden wir uns derzeit aber nicht. Wenn Putin kleine Nuklearwaffen einsetzt, heißt das noch lange nicht, dass er auch große Waffen einsetzen wird. Aber genau wegen dieser Erwartung ist der psychologische Effekt einer kleinen Nuklearwaffe schon so groß. Ihr Einsatz würde in jedem Fall eine große emotionale Aufruhr in der Bevölkerung und einen hohen Druck auf die Politik zur Folge haben. Taktische Nuklearwaffen sind eine politische, psychologische Strategie, die schon im Kalten Krieg immer wieder in Erwägung gezogen wurden.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.