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Russischer Impfstoff: Gesundheitsministerium distanziert sich von Eilzulassung

  • Das Bundesgesundheitsministerium hat sich von der schnellen Zulassung eines Corona-Impfstoffs in Russland distanziert.
  • Präsident Putin hatte verkündet, Russland lasse als erstes Land der Welt einen Impfstoff gegen das Virus für die breite Verwendung zu. Bisher wurde der Impfstoff allerdings nur an wenigen Menschen getestet.
  • In Europa sei das undenkbar, erklärte das deutsche Gesundheitsministerium dem RND.
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Berlin. Das Bundesgesundheitsministerium blickt skeptisch auf die beschleunigte Zulassung eines Coronavirus-Impfstoffes in Russland. Zwar gebe es derzeit keine Gespräche des Ministeriums mit russischen Kontakten zu deren Impfstoff-Entwicklung, sagte eine Sprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Deshalb lägen dem Ressort von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) keine Informationen über Zulassungsanforderungen in Russland, den Ablauf eines solchen Verfahrens und rechtliche Rahmenbedingungen vor.

Das Ministerium betont jedoch: “Die Zulassung eines Impfstoffs in Europa setzt neben dem Nachweis der pharmazeutischen Qualität, hinreichende Erkenntnisse aus klinischen Prüfungen zum Beleg von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit voraus.” Diese Prüfung des Serums in einer großen klinischen Studie – sogenannte “Phase-III-Studien” – will Russland erst nach der Zulassung beginnen.

Spahn-Sprecherin: Phase-III-Studie von besonderer Bedeutung

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Davon distanziert sich das Bundesgesundheitsministerium: “Die Durchführung von Phase-III-Studien ist hierbei von besonderer Bedeutung”, sagte die Sprecherin dem RND. “Es muss ein positives Nutzen-Risiko Verhältnis des Impfstoffs nachgewiesen werden, bevor er in der Breite angewendet werden kann.” In der EU gelte: “der Patientensicherheit kommt höchste Priorität zu”. “Zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des russischen Impfstoffs sind hier keine Daten bekannt”, erklärte die Sprecherin weiter.

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Putin meldet Start des ersten Corona-Impfstoffes
1:04 min
Als erstes Land der Welt lässt Russland einen Impfstoff gegen das Coronavirus für die breite Verwendung zu.  © Reuters

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Dienstag die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs gegen das Corona-Virus bekanntgegeben. “Das russische Vakzin gegen das Coronavirus ist effektiv und bildet eine beständige Immunität”, sagte er der Agentur Interfax zufolge. Die Registrierung sei am Dienstagmorgen erfolgt, hieß es. Eine seiner beiden Töchter habe sich schon impfen lassen, sagte Putin.

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Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Erst wenige Menschen haben ihn im Rahmen einer Studie erhalten. Eine Zulassung vor dem Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien widerspricht dem international üblichen Vorgehen. So stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Vorfeld klar: “Jeder Impfstoff muss natürlich alle Versuchsreihen und Tests durchlaufen, bevor er genehmigt und ausgeliefert wird.” Es gebe klare Richtlinien für die Entwicklung von Impfstoffen.

“Riskante” Zulassung ohne reguläre Daten

Eine reguläre Zulassung ohne die umfangreichen Daten aus einer Phase-III-Prüfung mit mindestens mehreren Tausend Probanden erscheine riskant, erklärte auch Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. In der Etappe könnten unter anderem mögliche seltene Nebenwirkungen detektiert werden. Die Zahl der Probanden betrage in der Regel mehrere Tausend bis Zehntausende. In Deutschland gibt es eine Zulassung erst nach Abschluss der letzten Phase.

Russlands Gesundheitsminister Michael Muraschko erklärte, das Gamaleja-Institut und die Firma Winnopharm sollten das Medikament produzieren. Zuerst sollen Lehrer und Ärzte geimpft werden. Nach Behördenangaben beginnt die Impfung noch im August oder im September. Der Stoff solle auch ins Ausland exportiert werden. Unabhängig von der Zulassung läuft in Russland eine dritte Testphase.

Weltweit wird in mehr als 170 Projekten nach Corona-Impfstoffen gesucht und mehrere Forscherteams haben vielversprechende Zwischenergebnisse veröffentlicht. Allerdings rechnen Experten generell mit einem marktfähigen Impfstoff zumeist erst im kommenden Jahr.

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Zweiter Impfstoff bereits in der Entwicklung

Das Gamaleja-Institut hatte bereits im Mai mitgeteilt, einen Impfstoff entwickelt zu haben. Nach eigener Darstellung liefen die ersten Tests erfolgreich. Das Präparat wurde demnach an 50 Soldaten erprobt, die sich freiwillig gemeldet hätten. Russland hat bislang aber keine wissenschaftlichen Daten zu dem Impfstoff für eine unabhängige Bewertung veröffentlicht.

Kremlchef Putin hatte schon früh Druck bei der Entwicklung gemacht. Nach Angaben von Muraschko wird derzeit ein zweiter Impfstoff gegen Sars-CoV-2 klinisch getestet. Weitere sollen folgen.

Benannt nach dem ersten Satelliten im All

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Der Impfstoff wurde in Erinnerung an das russische Vordringen in den Weltraum 1957 auf den Namen „Sputnik V“ getauft. Das berichtete das russische Staatsfernsehen am Dienstag in Moskau. Der Chef des russischen Investmentfonds Kirill Dmitrijew sprach kürzlich von einem „Sputnik-Moment“. „Die Amerikaner waren überrascht, als sie Sputniks Piepen hörten. Mit diesem Impfstoff ist es genauso“, sagte er dem US-Sender CNN. Seine vom Kreml gegründete Stiftung finanziert die Impfstoff-Produktion.

In Russland wird die Entwicklung des neuen Impfstoffs verglichen damit, dass die Sowjetunion einst als erste Nation in den Weltraum vorgedrungen war. Russland sieht sich als Rechtsnachfolger des vor rund 30 Jahren aufgelösten kommunistischen Imperiums. Die stolze Weltraumnation hatte 1957 den ersten Satelliten - den Sputnik - ins All gebracht und damit das Zeitalter der Raumfahrt begründet.

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa.

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