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Russisches Engagement in Deutschland: Mehr als nur die „Russen-Aldis“

Automontage im Mercedes-Benz-Werk im Industriepark Jessipowo bei Moskau. Die deutsche Autoindustrie hat Milliarden in Russland investiert.

Berlin.Vor zwei Jahren startete in Leipzig der erste „Russen-Aldi“, wie der Discounter von den Sachsen genannt wird. Ein Glas Letscho für 85 Cent, eine Packung Röstkaffee für 2,77 Euro. Die Ware liegt in Lagerregalen oder in Kartons auf Paletten, für „Schnickschnack“ bleibt keine Zeit, wenn die Kosten niedrig bleiben sollen, heißt es in der Firmenphilosophie.

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Der „Russen-Aldi“ gehört im weitesten Sinne zur russischen Unternehmensgruppe Torgservice, die unter den Markennamen Karat, Svetofor und Mere Läden in Litauen, Rumänien, Polen und Deutschland betreibt. Die Mere-Filiale in Leipzig ist die sechste in Deutschland. „Russen-Aldis“ gibt es inzwischen auch in Zwickau, Halle, Homburg, Schönebeck und Wilhelmshaven.

Engagiert sich für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen: Andrej O. Sobolev, Chef des Handels- und Wirtschaftsbüros bei der russischen Botschaft in Berlin.

Engagiert sich für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen: Andrej O. Sobolev, Chef des Handels- und Wirtschaftsbüros bei der russischen Botschaft in Berlin.

„Bis Mitte diesen Jahres sollen vier weitere Mere-Märkte in Deutschland folgen“, weiß Andrej O. Sobolew zu berichten. Beim Chef des Handels- und Wirtschaftsbüros in der russischen Botschaft in Berlin laufen die Informationen über Russlands Im- und Export, Investitionen und Neuentwicklungen zusammen.

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Sobolew legt Wert darauf, dass das russische Engagement in Deutschland sich nicht mit Discountern erschöpft. Als positive Beispiele im produktiven Bereich nennt er unter anderem die Deutsche Großwälzlager GmbH in Rostock, die zum russischen Maschinenbauriesen Kirow-Werke in St. Petersburg gehört. Kirow hat in Rostock rund 15 Millionen Euro investiert und stellt mit einem deutschen Partner Maschinenbauteile, wie Lager und Drehkränze her.

Onlinehändler Wildberries legt in Deutschland los

Ebenfalls in Mecklenburg-Vorpommern engagiert sich die russische Gruppe Ilim Timber, die weltweit zu den führenden Produzenten von Nadelschnitt- und Nadelsperrholz gehört. 2010 übernahm Ilim Timber zwei bankrotte Sägewerke der Klausner-Gruppe in Wismar und im bayerischen Landsberg und führt sie seither erfolgreich weiter. In Bayern sind 290 Mitarbeiter beschäftigt, in Wismar 460.

Mit Beginn des neuen Jahres ist Wildberries, ein großer russischer Onlinehändler, auf dem deutschen Markt gestartet. Er bietet rund 4 Millionen Artikel von 40.000 Marken an: Damen-, Herren- und Kinderbekleidung, Schuhe und Accessoires, Schönheitsprodukte, Spielzeug-, Sport- und Schreibwaren, Elektronik und Bücher. „Unser Wettbewerbsvorteil ist ein breites Sortiment verschiedener Marken zu attraktiven Preisen“, sagt Development Director Vyacheslav Ivaschenko. Deutschland ist nunmehr das zehnte Land, in dem Wildberries präsent ist.

Der Geschäftsführer des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Michael Harms, ist trotz vieler Probleme optimistisch für 2021.

Der Geschäftsführer des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Michael Harms, ist trotz vieler Probleme optimistisch für 2021.

Umgekehrt gibt es nach wie vor große deutsche Engagements in Russland, wenn auch die Zahl der Unternehmen – bedingt durch die Corona-Krise und die politischen Diskrepanzen – gesunken ist. So erweitert der Landmaschinenbauer Claas (Harsewinkel bei Gütersloh) im südrussischen Krasnodar seine Mähdrescherproduktion. Das fränkische Familienunternehmen Knauf (Gipskartonplatten) hat 2020 in der Nähe von St. Petersburg eine neue Produktionslinie für 50 Millionen Euro in Betrieb genommen und beschäftigt in Russland in 15 Werken etwa 4000 Mitarbeiter.

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Der Saarländische Einzelhändler Globus weihte im Herbst bei Moskau einen Logistikhub für 50 Millionen Euro ein und will in Russland weiter wachsen. Nach Angaben der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau investierte die deutsche Wirtschaft bis Ende September 2020 „stolze 1,3 Milliarden Euro im größten Flächenstaat der Erde“.

Handelsumsatz ging im vergangenen Jahr zurück

Allerdings ging der deutsch-russische Handelsumsatz nach Berechnungen des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft (OA) von Januar bis November 2020 um 23,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Dabei ging die Einfuhr russischer Waren nach Deutschland um 31 Prozent zurück, die Ausfuhr nach Russland um 14 Prozent. Die Zahl der in Russland tätigen deutschen Unternehmen ging nach Angaben der russischen Steuerbehörde von 4279 (2019) auf 3971 im Jahr 2020 zurück.

„Die Corona-Krise und ihre wirtschaftlichen Folgen hinterlassen natürlich Spuren in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen”, sagt Ostausschuss-Geschäftsführer Michael Harms. Vor allem die starke Abwertung des Rubel und die coronabedingten Grenzschließungen machten den Unternehmen zu schaffen.

Dennoch, so Harms, seien die deutschen Unternehmen mit ihrer eigenen Geschäftslage in Russland überwiegend zufrieden, wie die große Geschäftsklimaumfrage des OA vom Dezember gezeigt hat. Danach bewerten 37 Prozent der Unternehmen ihre Lage in Russland als gut bis sehr gut, 52 Prozent mit befriedigend. Elf Prozent bezeichnen ihre wirtschaftliche Situation als schlecht oder sogar sehr schlecht.

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Nach Einschätzung von 70 Prozent der befragten 109 deutschen Unternehmen haben sich die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland im Jahr 2020 verschlechtert. Dennoch spricht sich eine große Mehrheit (89 Prozent) für den Abbau der Sanktionen gegen Russland aus. Der SPD-Politiker Matthias Platzeck, Chef des an Dialog orientierten Deutsch-Russischen Forums, sagte im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), es sei an der Zeit, kritisch zu hinterfragen, was die Sanktionen eigentlich gebracht haben und wem sie nützen.

Deutsch-Russisches Themenjahr soll Wachstumsschub bringen

Mit Blick auf das gerade begonnene Jahr 2021, betont OA-Geschäftsführer Harms, Russland bleibe für deutsche Unternehmen ein aussichtsreicher Wachstumsmarkt gerade bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Industrie 4.0 oder dem Umbau der Energiewirtschaft. Harms: „Im Dezember haben wir das deutsch-russische Themenjahr für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung eröffnet, das der Ost-Ausschuss von deutscher Seite federführend betreut und von dem wir uns bis 2022 einen kräftigen Schub erhoffen.“

Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer hat in dieser Woche in Moskau ein Mittelstandskomitee ins Leben gerufen, das sich nach eigenen Angaben den „Herausforderungen, mit denen deutsche Familien- und Mittelstandsunternehmen auf dem russischen Markt konfrontiert sind“, widmet. Zudem soll es im Dialog mit Ministerien, Behörden und Branchenverbänden konkrete Initiativen anstoßen. Maxim Schachow, CEO des Automobilzulieferers Schaeffler in Russland, wurde zum Vorsitzenden gewählt.

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