• Startseite
  • Politik
  • Runde bei „Maybrit Illner“: Die Mär von der normalen Familie

Runde bei „Maybrit Illner“: Die Mär von der normalen Familie

  • Bei Maybrit Illner diskutieren die Gäste über Armut durch Kinder, Familienmodelle und Gleichberechtigung im Job.
  • Viele Beiträge wiederholen nur altbekannte Probleme.
  • Nur ein Gast sorgt mit seinen Ansichten für neuen Schwung in einer alten Debatte.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Deutschland ist ein reiches Land und doch sind 2,7 Millionen Kinder von Armut betroffen. Für viele Arbeitnehmer stellt das Kinderkriegen ein Armutsrisiko dar. Bei Maybrit Illner diskutieren die Gäste am Donnerstagabend zu dem Thema „Armutsrisiko Familie – heute Eltern, morgen arm?“.

Das Thema

Familien sind in Deutschland am häufigsten von Armut betroffen. Ein Alleinverdiener reicht oft nicht mehr aus, um alle zu ernähren. Bei Alleinerziehenden ist die Situation noch schlimmer. 200 Milliarden Euro gibt der Staat pro Jahr für die Förderung von Familien aus. Aber was hilft wirklich? In der Sendung diskutieren die Gäste über Betreuungszeiten, Chancengleichheit, Familienmodelle, steuerliche Vorteile und die Einführung der Kindergrundsicherung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Die Gäste

  • Familienministerin Franziska Giffey (SPD) wirbt während der Sendung immer wieder für das Konzept der Kindergrundsicherung, das die SPD im Bundestag vorgelegt hat. Dieser Beitrag solle für alle Kinder zwischen 250 und 478 Euro liegen und Kindergeld, Kinderzuschlag und Hartz IV für Kinder zusammenfassen. Denn, so betont Giffey mehrfach: „Kinder sind keine kleinen Langzeitarbeitslosen.“
  • Johannes Vogel ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und hat als einziger Mann in der Runde einen schwierigen Stand. Wann immer er an der Reihe ist, hält er daher eine ganze Reihe an Anmerkungen bereit. Er findet, dass es den Menschen selbst überlassen sein sollte, wie sie arbeiten und ihre Kinder betreuen lassen. „Die AfD bestärkt allerdings den gesellschaftlichen Druck auf Mütter enorm“, sagt er.
  • Die familienpolitische Sprecherin der AfD, Iris Dworeck-Danielowski, hält dagegen und sagt: „Es gibt keine Wahlfreiheit, wenn beide Eltern verdienen müssen, um über die Runden zu kommen.“ Dabei sei es häufig der freie Wille der Frauen, zu Hause zu bleiben, und diese harmonische Vorstellung der Kinderbetreuung solle unterstützt werden.
  • Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, hält diesen freien Willen für einen Irrtum und sagt: „Es gibt das Problem, dass die Rahmenbedingungen gar nicht so sind, dass beide Elternteile in Vollzeit erwerbstätig sein können. Da kann man nicht von freiem Willen sprechen.“
  • Marie-Christine Ostermann ist Unternehmerin und der Meinung, dass sich nicht die Gesetze, sondern die Unternehmen ändern müssen. „Man kann individuell gucken, welches das beste Konzept für die Arbeitszeiten ist“, sagt sie. Durch den Fachkräftemangel müssten sich sowieso viele Unternehmer ihren Mitarbeitern anpassen, um diese zu halten.
  • Fee Linke ist alleinerziehend und organisiert Demos gegen Kinderarmut. Sie hat selbst teilweise mit ihrer Familie an der Armutsgrenze gekratzt und fordert, dass auch alleinerziehende Eltern mit ihren Kindern als Familie angesehen werden. „Armut ist weiblich und in der Folge sind auch die Kinder mitbetroffen“, sagt sie.

Der souveränste Gast

Während die meisten von Illners Gästen nur alte Probleme wieder aufwärmen und Parteiwünsche in den Raum werfen, bringt allein Jutta Allmendinger spannende Einwürfe. So macht sie darauf aufmerksam, dass gerade alleinerziehende Frauen häufig von der Armut bedroht seien, und schlägt vor, diesen nicht nur mehr Bildungschancen zu eröffnen, sondern auch das Rentenmodell flexibler zu gestalten und die Frauen frühzeitig über die Folgen aufzuklären, die daraus resultieren können. „Wir brauchen einen neuen Lebensverlauf, unser alter ist längst überholt“, sagt die Wissenschaftlerin.

Anzeige

Sie stellt das gesamte klassische Arbeitsmodell infrage und bemerkt: „Warum gehen wir nicht auf ein Modell, in dem beide Eltern 32 Stunden in der Woche arbeiten? Dann geht nicht mehr alles auf die Kosten der Frauen.“

Der Aufreger des Abends

Anzeige

Nach einem kurzen Einspieler, der die Haltung der AfD zum Thema Familie zeigt, fragt Illner Dworeck-Danielowski, ob sie sich nicht für Homosexuelle einsetzen würde. Die Interessen von Schwulen und Lesben würden schon ziemlich ausgiebig von anderen Parteien, insbesondere den Grünen und der SPD, vertreten, antwortet diese darauf. „Wir sind eben die Partei, die sich vor allen Dingen auf die normale Familie fokussiert“, bemerkt sie.

Auf den Einwand von Allmendinger, dass auch Familien mit homosexuellen Eltern normal seien, gerät die AfD-Politikerin ins Stocken und schwenkt schnell auf Alleinerziehende um. Sie betont, dass dies kein Lebensmodell sei, das man bewusst wählen würde. „Es ist verheerend, so zu tun, als sei der Lebensentwurf Alleinerziehend ein Ideal.“ Dass rund jede fünfte Familie in Deutschland alleinerziehend ist, ließ Dworeck-Danielowski in ihrem Idealfamilienbild außer Acht und gab auch keine hilfreichen Anregungen, wie man diesen helfen könne.

Der gemeinsame Gegner

Bei all den unterschiedlichen Meinungen scheinen sich Illners Gäste vor allem in zwei Sachen einig zu sein – das Ehegattensplitting muss weg und die CDU ist schuld daran, dass es noch existiert. „Momentan haben wir in der Koalition noch Menschen, die dieses Modell favorisieren und nicht bereit sind, davon abzurücken – und es sind nicht die Sozialdemokraten“, formuliert Giffey diese Aussage diplomatisch. Wie praktisch, dass gerade kein CDU-Politiker anwesend ist. Sogar die AfD-Sprecherin stimmt dieser Aussage zu und gibt stirnrunzelnd zu bedenken: „Theoretisch wären dann ja verheiratete Paare, die keine Kinder haben und Vollzeit arbeiten, im Vorteil.“ Allmendinger kommentiert das mit einem knappen: „Das ist auch so, nicht nur theoretisch.“

Die ewige Wiederholung

Auf die Frage von Fee Linke, ob die Kindergrundsicherung, die sich die SPD wünscht, für Hartz-IV-Familien anrechnungsfrei ist, hätte Franziska Giffey mit einem einfachen Ja antworten können. Stattdessen verfällt sie in Politikersprech und es folgt ein Monolog, der sich plötzlich wieder um ganz andere Dinge dreht.

Anzeige

Selbst auf die erneute Anfrage antwortet die Ministerin wieder ausschweifend und wiederholend. Dieses anstrengende Verhalten zieht sich durch den gesamten Abend. Die spannenden Teile von Giffeys Antworten muss man sich in dieser Sendung regelrecht herausfiltern.

Fazit

Das Thema der Sendung ist eng verknüpft mit der Kinderarmut und doch sprechen die Gäste letztendlich größtenteils über die Chancengleichheit von Frauen und Männern im Berufsleben. Das zeigt, dass die Gleichberechtigung von Frauen im Berufs- und Familienleben auch einen großen Einfluss auf den Sozialstatus der Kinder hat. Der Handlungsbedarf ist riesig.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen