Rückblick: Im Namen Alans

  • Es ist das Jahrzehnt der größten Flucht seit dem Zweiten Weltkrieg.
  • Im September 2015 wurde in Bodrum ein syrischer Junge an den Strand gespült. Sein Tod beschämte die Welt für einen Moment.
  • Dann setzte Europa wieder auf Abschottung.
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Auf dem Bauch, die Arme schlaff neben dem Oberkörper, so liegt er da, in einem roten Hemd, kurzer Hose, Turnschuhen, als käme er gerade vom Spielen. Im ersten Moment sieht es aus, als würde er vielleicht schlafen. Aber das ist eine vergebliche Hoffnung, natürlich schläft so niemand, nicht dort, im Sand, mit dem Kopf in den auslaufenden Wellen, und nicht so, vollkommen erschlafft. Noch im Tod, so scheint es, sieht man dem Kind die Ermattung an, die Strapazen seiner letzten Stunden. Alan Kurdi wurde nur drei Jahre alt.

Das Bild des toten Jungen ging 2015 um die Welt. Die türkische Fotografin Nilüfer Demir machte es am frühen Morgen des 3. September am Strand von Bodrum. Es ist ein schwer erträgliches Bild, weil es um ein kleines Kind geht, das da zum Opfer wurde, und gerade weil dieses Kind da so scheinbar unversehrt liegt, aber jeder sich ausmalen kann, was mit ihm geschehen ist.

Ob man so ein Foto zeigen darf, haben sich Redaktionen im September 2015 gefragt. Ob es die Würde des Jungen verletzt, ihn so, in diesem intimen Moment, abzubilden, und ob man es den Menschen zumuten kann. Der Vater, Abdullah Kurdi, war dafür. „Die Menschen dürfen nicht wegsehen, was Schreckliches passiert auf dem Weg nach Europa, nur weil man uns vorher kein Visum geben will“, sagte er. Der Tod seines Sohnes, das Foto, alles das sollte wenigstens irgendeinen Sinn haben.

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Jahrzehnt des Todes auf dem Mittelmeer

So wurde das Bild des toten Alan zum Symbol: für all die Menschen, die auf dem Mittelmeer ihr Leben riskierten, um Krieg und Elend zu entfliehen. Und für die Gleichgültigkeit Europas.

Es war ein Jahrzehnt des Todes auf dem Mittelmeer. Seit 2014 sind dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zufolge auf dem Weg von Asien und Afrika nach Europa 18.969 Menschen ertrunken. Mehr als zwei Millionen Menschen haben sich bis heute auf diesen gefährlichen Weg gemacht. Die meisten, gut ein Fünftel, stammten aus Afghanistan, die zweitmeisten aus Syrien. Meist stiegen sie in marode, überladene Boote, die schon beim ersten Seegang kenterten.

Die Kurdis stammen aus Kobane im Norden Syriens. Vater Abdullah ist dort Friseur, bis er infolge des Krieges seine Arbeit verliert. Er sucht sich einen neuen Job in Damaskus, aber auf dem Weg zwischen den Städten wird er von Islamisten gefangen genommen und misshandelt.

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Er geht in die Türkei, verdingt sich für kargen Lohn auf Baustellen, schickt das wenige Geld nach Hause. Als der „Islamische Staat“ 2014 Kobane erobert, flieht seine Frau mit den zwei kleinen Söhnen zu ihm nach Istanbul, wo Tausende andere Flüchtlinge mit ihm um Jobs konkurrieren. Mal hat er Arbeit, oft nicht. Dann leben sie von Joghurt und Reis.

Im Sommer 2015 beschließen sie, es zu wagen. Abdullah Kurdis Schwester Tima, die in Kanada lebt, schickt das Geld für die Schlepper. „Das“, sagt sie heute, „bereue ich für den Rest meines Lebens.“

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Syrien, die Heimat der Kurdis, ist zu dieser Zeit einer der gefährlichsten Orte der Welt. Ein zerfallender Staat, ein großes Schlachtfeld, auf dem Regierungstruppen, Islamisten, Rebellen und Kurden gegeneinander wüten. Zu Tausenden verlassen die Menschen das Land, um zunächst auf Booten nach Griechenland und dann zu Fuß und in Zügen nach West- und Nordeuropa zu gelangen. Die Deutschen lernen in diesen Tagen ein ihnen neues Phänomen kennen: die Balkanroute.

Die Kurdis allerdings kommen gar nicht bis dahin. Der Abend des ­2. September ist ein schlechter Moment, um sich auf den Weg über das Meer zu machen. Wenige Kilometer sind es nur von der türkischen Küste bis zur griechischen Insel Kos. Aber die See ist in dieser Nacht rau, das Boot der Kurdis kentert. Abdullah Kurdi kann sich an dem Boot festhalten. Seiner Frau und den beiden Söhnen jedoch gelingt das nicht. Er habe noch versucht, sie festzuhalten, erzählt er. Aber es gelingt ihm nicht. Rehanna, Ghalep und Alan Kurdi ertrinken in dieser Nacht im Meer, sie gleiten ihm regelrecht aus den Fingern. Es ist der große traumatische Moment im Leben des Abdullah Kurdi. „Jedes Mal, wenn jemand sie erwähnt“, sagt er, „dann sehe ich sie wieder untergehen.“

Lässt sich so ein Unglück irgendwie verwinden? Kann Zeit selbst solche Wunden heilen? Wer heute mit Abdullah Kurdi und seiner Schwester Tima spricht, erlebt eine tief verletzte Familie, in der die Trauer das Leben überstrahlt. Der 44-Jährige wirkt gedämpft, er spricht wenig und raucht viel. Er könne davon nicht lassen, sagt er, trotz der Herzoperation, die er über sich ergehen lassen musste.

Tima und Abdullah Kurdi haben eine Stiftung gegründet

Abdullah Kurdi lebt in einem Haus in Erbil im Nordirak, das ihm die Regierung der autonomen Kurdenregion zur Verfügung gestellt hat. Zu den Jahrestagen des Unglücks besucht ihn seine Schwester dort. Abdullah Kurdi hat erneut geheiratet, seine Frau ist schwanger. Aber seinen Schmerz dämpft das offenbar kaum. Tima Kurdi erzählt von der Schlaflosigkeit ihres Bruders, seinen Albträumen und seinen extremen Stimmungsschwankungen. Seine äußere Unbewegtheit „entspricht nicht dem, was in seinem Inneren geschieht“, sagt sie. Immer wieder drängt sie ihn, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er jedoch weigere sich beharrlich. Als sei es seine Strafe, den Schmerz ohne Linderung zu durchleiden.

Nach dem Unglück sieht es kurz so aus, als würde das Schicksal der Kurdis die Welt zu einem Umdenken bewegen. England, Frankreich und Kanada zum Beispiel beschließen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Zwei Tage nach Alans Tod beschließt die Bundeskanzlerin, die deutschen Grenzen nicht vor den Tausenden Geflüchteten zu verschließen, die in Ungarn auf die Weiterreise warten. Am Münchner Hauptbahnhof werden sie mit Jubel begrüßt.

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Aber diese neue Offenheit ist nicht von Dauer. Schon bald darauf schottet sich Europa wieder ab. Mit Präsident Recep Tayyip Erdogan verabredet die EU den Türkei-Deal, der Flüchtlinge von Europa fernhalten soll. In Libyen unterstützt sie die Küstenwache, die Flüchtlingsboote daran hindern soll, bis in die internationalen Gewässer zu gelangen, in denen Rettungsschiffe aus Europa die Menschen an Bord nehmen können. Seit vergangenem Jahr trägt eines dieser Schiffe den Namen von Abdullah Kurdis ertrunkenem Sohn, „Alan Kurdi“. Die deutsche Organisation Sea-Eye hat es so benannt. Aber immer wieder kreuzt die „Alan Kurdi“ tage- oder gar wochenlang auf dem Mittelmeer, weil kein Staat die aus Seenot Geretteten aufnehmen will.

Tima und Abdullah Kurdi haben eine Stiftung gegründet. Einmal im Jahr fahren sie in Flüchtlingslager und verteilen dort Kleidung und Spielzeug an die Kinder. „Wenn es irgendeinen Grund gibt, der mich am Leben hält, dann ist es, diesen Kindern zu helfen“, sagt Abdullah Kurdi. Seine neueste Idee ist, auf der „Alan Kurdi“ mitzufahren. Andere Kinder vor dem Schicksal zu bewahren, das seinen eigenen Söhnen widerfuhr, das ist sein Traum. Er sei von dieser Idee wie besessen, sagte seine Schwester. Und es falle ihm schwer zu akzeptieren, dass er zu krank ist, um wochenlang auf dem Schiff unterwegs zu sein. Es werde, befürchtet sie, leider ein großer Traum bleiben.

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