Rückblick: Das Ende des amerikanischen Traums

  • Mit Barack Obama brach 2008 eine Zeit der Hoffnung an.
  • 2019 sind die USA unter Donald Trump gespalten wie nie.
  • Ein Blick auf ein Jahrzehnt, an dessen Ende Amerika in Unordnung dasteht – und den gesamten Westen mitreißt.
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Der Moment, in dem sich die Zeitenwende vollzieht, ist eigentlich kein Moment, es ist eher eine Abfolge von Tagen. Ende Januar 2017 steht Barack Obama am Rednerpult in seiner Stadt Chicago, beißt sich auf die Lippe und wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Bei allem, was ich in meinem Leben gemacht habe, bin ich am stolzesten darauf, euer Vater zu sein“, ruft er seinen Töchtern Malia und Sasha zu, die vor ihm im Publikum sitzen.

Er hätte auch sagen können: Mein Nachfolger kann meine politische Agenda zerstören, er kann meine Reformen zurückdrehen, aber meine Familie kann er mir nicht nehmen.

Es ist der Augenblick im McCormick-Convention-Center, in dem eine Ära endet und ein politischer Bruch in den Vereinigten Staaten von Amerika vollzogen wird. Für Obama und seine Familie, für die Demokratische Partei, für das politische System. Und für die Welt, die durch den neuen Präsidenten Donald Trump eine andere wird.

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Wenige Tage nach Obamas Rede sind in Washington Absperrungen aufgebaut. Ordner kontrollieren den Zugang zur Mall, der zentralen Achse der Hauptstadt, Menschen strömen hindurch, viele mit roten Baseballmützen auf dem Kopf.

Zwischen 2010 und 2019 spaltete sich die amerikanische Nation

Es ist ein grauer Januartag. Später, just während Trumps erster Worte als US-Präsident, wird es anfangen zu regnen. Dann wird Trump da oben stehen und auf die Regenschirme schauen, er wird „Make America great again“ vom Teleprompter ablesen und vielleicht die Lücken sehen, die sich vor ihm auftun, im hinteren Bereich der Mall.

Und danach wird er sagen, dass dies die am besten besuchte Vereidigung eines Präsidenten aller Zeiten war. Die Diskussion über diese Lüge oder doch maßlose Übertreibung wird Washington lange umtreiben. Es ist die erste politische Debatte der neuen Zeit. Sie setzt den Ton für alles, was danach kommen sollte.

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Hier Obamas letzte Rede in Chicago, die Tränen des Abschieds im Publikum und bei ihm selbst. Dort Trumps eigenartiger Beginn, die angeblichen Besucherzahlen, das Absurde des Moments. Wenn es eine Stelle gab in den Zehnerjahren der amerikanischen Politik, an der der Bruch sichtbar wurde, dann lag sie in jenen Januartagen 2017.

Wer verstehen will, was in diesem amerikanischen Jahrzehnt passiert ist, der muss allerdings weiter blicken als nur auf diese Tage. 2010 bis 2019, das sind die Jahre gewesen, in denen erkennbar wurde, wie sich eine mehrheitlich hoffnungsvolle Nation in eine gespaltene gewandelt hat. Das Jahrzehnt begann mit einem Präsidenten, der „Yes we can“ als Motto ausgab, der „Change“ forderte und die USA wieder in den Multilateralismus zurückführen wollte. Ein Präsident, der klug war und jung, dynamisch und optimistisch. Der erste Afroamerikaner im Weißen Haus; ein Hoffnungsträger besonders für das schwarze Amerika.

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Und es endete mit Donald Trump, der in den Siebzigerjahren mit geerbten Millionen die Chance ergriffen hat, in Manhattan ein Immobilienvermögen aufzubauen und sich damit zur glamourösen Figur stilisierte. Der später ein Fernsehstar wurde und dann Präsident. Er gewann das Amerika der weißen Arbeiterklasse für sich. Die Abgehängten aus den Vororten der Städte des Rust-Belts, den Arbeiterstaaten wie Michigan und Pensylvania.

Er gewann es mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen und gab den Bürgern wieder Hoffnung, indem er ihnen klarmachte, dass er sich gegen die stellte, die vermeintlich eine Ursache für ihre Misere waren. Migranten, Muslime, die Politiker in Washington, Mexiko, Europa, China.

Das westliche Modell der Nachkriegszeit, das auf Aufklärung und Teilhabe beruht, wurde von dieser Protestwahl schwer erschüttert. Sie war ein Misstrauensvotum gegen die Folgen der Globalisierung, ein Ausdruck der Spaltung Amerikas in linksliberal geprägte Städte und vergessene, ländliche Regionen. In Obama und Trump. Die weiße Mehrheit hat sich mit der Wahl Trumps das zurückgeholt, was sie als ihr Land versteht.

Und tatsächlich: In Amerika haben noch heute viele Bürger das Gefühl, das System diene nicht mehr seinen Bürgern, sondern einer Clique, die Macht und Wohlstand kontrolliert. Überraschend ist nur, dass es ausgerechnet Trump war, der von der tiefen Enttäuschung profitieren konnte. Ein Mann, der das Cliquentum in Washington auf ein neues Niveau getrieben hat und sich dabei bei seinen Anhängern immer noch erfolgreich verkauft als einer, der von außen kommt.

Was ist also los gewesen in den USA in diesem Jahrzehnt? Wie kann zu Beginn einer eine Mehrheit finden, der versöhnen will, und am Ende einer, der spaltet? Wo liegt der Bruch genau – wenn Obama und Trump nur Symptome einer tieferen gesellschaftlichen Bewegung sind?

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Eine knappe Stunde spricht Obama damals in Chicago. Die Rede ist eine wohlwollende Betrachtung seiner Amtszeiten – mit einer Aufzählung großer Erfolge: der Kampf gegen die Finanzkrise, der Aufschwung am Arbeitsmarkt, die Gesundheitsreform. „Hätte ich euch das damals gesagt, ihr hättet mir wahrscheinlich vorgehalten, meine Ziele ein bisschen hoch zu setzen“, sagt er. In Chicago herrscht Jubelstimmung.

Der erste schwarze Präsident der USA weckte zu Beginn des Jahrzehnts Hoffnungen bei Liberalen, Schwarzen, Minderheiten – und im Ausland. Journalisten schrieben über ihn wie über den Erlöser. Schon im ersten Jahr seiner Präsidentschaft erhielt er den Friedensnobelpreis – als Vorschuss, ohne wirklich etwas geleistet zu haben.

Doch als Obama sein Amt antrat, rutschte die Wirtschaft gerade in eine schwere Krise. Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und die folgende Rezession weckten Erinnerungen an die Große Depression der Dreißigerjahre. Zwei der drei größten US-Autokonzerne, General Motors und Chrysler, meldeten Insolvenz an. Die Arbeitslosigkeit stieg auf über 10 Prozent.

Das Leben in den USA war eines auf Pump

Die Krise legte strukturelle Mängel in der US-Wirtschaft offen, die zuvor ignoriert worden waren: Die Industrie war mit Ausnahme der großen Tech-Firmen im Silicon Valley wenig innovativ, der Export lahmte und das Wachstum der vergangenen Jahre beruhte vor allem auf der Verschuldung der Bürger. Das Leben in den USA war eines auf Pump; kurz nachdem Obama das Weiße Haus übernommen hatte, zerbarst die Illusion, man könne ewig so weitermachen.

Es war ein zentraler Bruch, der so in der damaligen Zeit gar nicht vollkommen erkannt werden konnte. Denn auch wenn die Gehälter vieler Arbeiter schon lange nicht mehr stiegen, so konnte Amerika mit den billigen Krediten und den steigenden Häuserpreisen doch ein zentrales Versprechen einlösen: Der nächsten Generation werde es besser gehen als der vorigen. „Dieses Versprechen galt nach der Häuser- und Finanzkrise nicht mehr“, sagt Thomas Kleine-Brockhoff, Chef des Thinktanks German Marshall Fund in Deutschland.

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Damit zerbrach einer der letzten Wege, auf dem einfache Bürger zu Wohlstand gelangen konnten. Denn was sonst in den USA geschah, war wirtschaftlich durchaus dynamisch, aber von der Bevölkerung weitgehend abgekoppelt. Internetkonzerne wie Google, Apple, Facebook oder Amazon stiegen zu den größten Unternehmen der Welt auf, zahlten aber kaum Steuern. Eine kleine Elite von Silicon-Valley-Informatikern wurde reich, der Rest der Bevölkerung lebte nur noch theoretisch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Es gehört zu Obamas historischen Leistungen, dass es seiner Regierung unter den schwierigen Umständen überhaupt gelang, die Wirtschaft wieder zu stabilisieren. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs mithilfe von Konjunkturprogrammen jährlich schon bald wieder um rund 2 Prozent. Die Zahl der Jobs stieg.

Aber die Krise hatte da bereits Opfer hinterlassen: die Industriearbeiter aus Michigan, Pennsylvania und Ohio verloren ihre Jobs genauso wie die Kumpel aus den Kohlebergwerken von West Virginia. Auch diese Menschen haben die Wahl entschieden, weil sie Trumps Versprechen glaubten, alles werde wieder wie früher.

Obama versuchte in seiner Amtszeit, den betroffenen Arbeitern mit massiven Infrastrukturprogrammen zu helfen – doch der republikanisch dominierte Senat blockierte alles. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffte immer weiter auseinander. Obama geriet in die Klemme. Denn sein größter innenpolitischer Erfolg – die verhinderte wirtschaftliche Katastrophe – ließ sich nicht so gut verkaufen wie Trumps Versprechen, alles werde wieder so schön wie früher: Make America great again.

Es ist eine bittere Ironie, dass es dann auch gerade Trump war, der als Präsident mit eigenen Infrastrukturprogrammen gegen die Misere der Arbeiterschicht anging. Strukturell geht es dieser Schicht auch heute nicht besser. Aber sie profitiert von dem Aufschwung aus der Obama-Zeit, den Trump mit Steuersenkungen für Unternehmen noch einmal anfeuerte, um den Preis einer Neuverschuldung in Rekordhöhe. Der nächste – demokratische – Präsident muss diese Krise dann lösen. Innenpolitik kann sehr unfair sein.

Außenpolitisch ist das Amerika des endenden Jahrzehnts noch ein wenig komplizierter zu vermessen. Barack Obama hatte ein Land übernommen, das ausgezehrt war, auch von den Kriegen der Vorgängerregierung unter George W. Bush. Seine Außenpolitik entwickelte sich schon im Wahlkampf zur Antithese der Bush-Zeit.

Im Amt strebte er nach Versöhnung mit den Europäern und wollte die USA wieder in die Mitte von multilateralen Bündnissen wie Nato und UN führen. Er empfand gerade den Alleingang Bushs im Irak-Krieg als politische Sünde, die er hinter sich lassen wollte.

Doch der Gegenkurs führte ihn in schwere Fehlentscheidungen. Der hektische Abzug aus dem Irak 2011 hinterließ ein Vakuum im Land, das mitverantwortlich war für die Erstarkung der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Aus heutiger Sicht noch schwerwiegender war 2013 die Entscheidung, nicht gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad vorzugehen, als dieser Chemiewaffen gegen das eigene Volk einsetzte.

Trump und Obama stehen da in einer gewissen Kontinuität. Auch Trump, wenngleich völlig unideologisch, will keine zusätzlichen Einsätze des Militärs. Den Abzug der Truppen aus dem Mittleren Osten setzt er fort. Doch er tut es unberechenbar; im Mittleren Osten riss er damit ein neues Vakuum: Als Teile der US-Truppen in diesem Jahr Nordsyrien verließen, füllten der türkische und der russische Präsident die Lücke. Sie verändern damit die Region auf Jahre.

Schon jetzt hat Trump die Weltordnung durcheinandergebracht

Trumps Außenpolitik wird durch diese Unberechenbarkeit gefährlich. Syrien ist ein Beispiel, doch auch der Umgang mit dem Iran ist heikel. Auch wenn Trump keinen Krieg will: Die scharfe Rhetorik beider Seiten kann einen womöglich sogar ungewollten Militäreinsatz auslösen – weil der Punkt, an dem es nicht zurückgeht, von den handelnden Personen nicht erkannt wird.

Schon jetzt hat Trump die Weltordnung durcheinandergebracht. Der Westen mit den USA als eindeutigem Anführer existiert nicht mehr. Mit den gleichzeitigen Disruptionen in Europa, dem Brexit an erster Stelle, sowie dem Aufstieg Chinas wird auch das globale Umfeld komplizierter. Die Welt ist insgesamt unberechenbarer geworden. Amerika ist dabei nur, wie bei so vielen Dingen, der lauteste Vorreiter.

Und die Aussichten? Auch nach Donald Trump werden die Vereinigten Staaten nicht mehr so werden, wie sie einmal waren. Der Verlust des amerikanischen Versprechens bleibt. Das dürfte sichtbarer werden, wenn Trump Geschichte ist, weil dessen Anhänger sich dann wieder verraten fühlen dürften.

„Die Welt braucht den Westen“ hat Thinktanker Thomas Kleine-Brockhoff sein jüngstes Buch genannt – es ist ein optimistisches Plädoyer für mehr Realismus in der Politik des Westens.

Auch bei den USA bleibt Kleine-Brockhoff wenigstens verhalten optimistisch. „Die Pendelschläge der vergangenen Jahre sind schwer zu verstehen“, sagt er. Wer Kennedy mit Nixon vergleiche und den mit Carter, Reagan mit Clinton, Bush mit Obama – der habe über Jahrzehnte ein Amerika der Brüche erlebt. Es mache die Zukunft schwer vorhersehbar. „Die kulturelle Atmosphäre hat sich mehrfach gedreht“, sagt Kleine-Brockhoff, „Amerika wird immer unberechenbar bleiben.“

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