Rückblick auf die Zehnerjahre: Zwei Terroropfer erzählen

  • Paris, Brüssel, Berlin: Eine Spur von Anschlägen zog sich in diesem Jahrzehnt durch Europa.
  • Sie hinterließ neben Hunderten Toten unzählige Traumatisierte.
  • Eine Begegnung mit zwei Opfern in Brüssel – und mit ihrem Kampf zurück in den Alltag.
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Ohne die Pillen gegen die Panik geht es nicht, noch immer nicht. Walter Benjamin hat sie zur Sicherheit immer dabei. Weil er ja nicht weiß, in welche Situation er gerät, wenn er hinausgeht in die Stadt. Ob ihm Menschen nahe kommen, von denen er nicht weiß, wer sie sind, was sie wollen oder wollen könnten. Und die ihn vielleicht durch irgendwas an die erinnern, die damals neben ihm standen im Flughafen. Davor muss er sich schützen.

„Voilà“, sagt er und legt die Packung vor sich auf den Tisch, wie zum Beweis. Das Medikament heißt Xanax. Anwendungsgebiete: Angstzustände. Spannungsgefühle. Panikstörungen. „Wenn du sie nicht nimmst“, sagt er, „dann fällst du einfach auf die Straße.“

Und dann nimmt Walter Benjamin natürlich noch die Medikamente für sein Bein. Für das eine, das ihm geblieben ist und das ihn jetzt durch die Welt trägt, nach 14 Operationen.

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Walter Benjamin ist 51 Jahre alt. Raspelkurzes Haar, schwarze, runde Brille, Dreitagebart, so sitzt er da in grauem Sweatshirt in dem kleinen Lokal hinter dem Brüsseler Justizpalast, das er und Philippe Vansteenkiste als Treffpunkt vorgeschlagen haben. Was die beiden Männer verbindet, ist ein Datum: der 22. März 2016.

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Griechenland in der Schuldenkrise: Seit das Land 2010 die Zahlen zu seiner Staatsverschuldung nach oben korrigiert hat, folgt eine Hiobsbotschaft auf die andere. Zwei milliardenschwere Rettungspakete der EU sollen helfen, sehr schnell aber gerät die ganze Euro-Zone in den Strudel der Finanzkrise.  @ Quelle: EPA/Oretis Panagiotou/dpa

2018 wurden 32. 836 Menschen von Terroristen ermordet

An diesem Tag haben zwei Selbstmordattentäter am Brüsseler Flughafen Zaventem ihre Bomben gezündet. Ein weiterer sprengte sich kurz darauf in der U-Bahn-Station Maelbeek mit seinen Opfern in die Luft. 32 Menschen haben die Terroristen an diesem Tag in Brüssel getötet, mehr als 300 wurden verletzt. Philippe Vansteenkiste hat an jenem 22. März seine Schwester verloren, Walter Benjamin verlor sein rechtes Bein und beinahe auch sein Leben.

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Wenn man einen Namen für das zu Ende gehende Jahrzehnt sucht, einen Titel, der es charakterisiert, dann war dies ein Jahrzehnt des Terrors. Allein 2014 gab es weltweit so viele Opfer wie in keinem anderen Jahr: fast 35.000. 2018 wurden 32.836 Menschen von Terroristen ermordet.

In dieser Statistik spielt Europa nur eine Nebenrolle. Die vom Terror am stärksten geschundenen Länder sind, mit weitem Abstand, andere: Afghanistan (7379 Tote allein 2018), Irak, Syrien, Nigeria.

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Aber in diesem Jahrzehnt kam der Terror auch in Europa an. Da war der 7. Januar 2015, als zwei Männer die Räume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris stürmten und fast die gesamte Redaktion auslöschten. Oder der 13. November 2015, als eine Gruppe von Attentätern, ebenfalls in Paris, an fünf Orten insgesamt 130 Menschen tötete und fast 700 verletzte.

Spätestens danach herrscht in den europäischen Großstädten eine angespannte Nervosität. Im Grunde ist allen klar, dass die Terroristen es wieder versuchen werden. Es ist nur nicht klar, wo. Und wann.

Als Walter Benjamin am Morgen des 22. März 2016 in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens einen Knall hört, denkt er zunächst an einen Streich, irgendwelche Jungen mit ihren verspäteten Silvesterböllern. „Erst nach ein paar Sekunden wurde mir klar, dass das ein Feuerball war, der durch die Halle flog“, sagt er. „Und dass dies ein Terroranschlag war.“

Benjamin, studierter Fotograf, Inhaber einer Partnervermittlung in Brüssel, Enkel einer jüdischen Familie aus Berlin, ist an diesem Morgen auf dem Weg nach Tel Aviv. Er will seine Tochter besuchen, die bei ihrer Mutter in Israel lebt.

Es gibt wirksame Strategien gegen den Terror

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„Ich war und bin froh, dass sie dort lebt. Es klingt für viele in Europa paradox, aber: Dort, in diesem Land mit seinen strengen Kontrollen und der harten Linie gegenüber Terroristen, ist sie in Sicherheit.“

Walter Benjamin sagt, natürlich habe er nicht gewusst, dass es diese Anschläge in Belgien geben würde. Erst später, als er häufiger den Brüsseler Stadtteil Molenbeek besuchte, aus dem viele der Attentäter von Paris und Brüssel kamen, wurde ihm klar, welche Stimmung sich hier über Jahre aufgebaut hatte.

Aber was nutzt es, um diese Gefahr zu wissen? Sich von der Angst nicht lähmen zu lassen und weiterzuleben wie zuvor, das gilt in jenen Tagen als wirksamste Strategie gegen den Terror. Schon am Tag nach den Anschlägen von Paris sind die Cafés und Restaurants dort wieder gut gefüllt. Auszugehen, ungerührt weiterzuleben wird in diesen Tagen ein Akt kollektiven Trotzes, eine Verteidigung westlicher Werte, und natürlich fliegt Walter Benjamin zu seiner Tochter.

Etwa zehn Sekunden nach der ersten explodiert im Brüsseler Flughafen die zweite Bombe. Drei Meter neben Walter Benjamin. Als er wieder zu sich kommt, sieht er sein abgerissenes Bein rechts vor sich. Dann sieht er auf sein linkes Bein, bei dem aus einer mächtigen Wunde das Blut schießt. Neben ihm liegt ein Mann ohne Kopf. Daneben eine leblose Frau. Szenen wie aus einem Krieg.

Fast fünf Jahre liegt all das jetzt zurück. „Aber ich sehe alles so exakt und realistisch vor mir wie in einem Film“, sagt Walter Benjamin. Sein Gedächtnis gewährt ihm keine Schonung.

Verlor bei dem Anschlag ein Bein: Walter Benjamin.
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Dass er dieses Inferno überlebt, verdankt er vor allem zwei Menschen: einem Soldaten, der nach den Explosionen von Verletztem zu Verletztem eilt und bei ihm mit einem Druckverband die Blutung stoppt. Und Hassan Elouafi, einem Flughafentechniker, der in den langen 40 Minuten bis zum Eintreffen der Krankenwagen mit ihm spricht, ihn wach hält, ihm Mut macht und ihm sein Handy leiht.

Walter Benjamin hat sich bei seiner Mutter gemeldet, der einzigen Person, deren Nummer ihm in diesem Moment einfällt. Was er ihr gesagt hat? „Dass ich mein Bein verloren habe. Und dass ich vielleicht nicht überleben werde.“

Der Retter hält später Kontakt zu ihm. Elouafi besucht ihn im Krankenhaus. Sie freunden sich an. Bis heute telefonieren sie alle paar Tage miteinander. Nur im Moment herrscht gerade Funkstille, sagt Walter Benjamin. „Wir streiten. Über die Boykottaufrufe gegen Israel.“ Benjamin klingt genervt und gelassen zugleich. Er kennt das. Sie haben das häufiger.

Ein Muslim rettet den schwer verletzten Juden

Es ist ja auch eine ungewöhnliche Konstellation. Islamistische Attentäter begehen einen Anschlag. Ein Muslim rettet einen schwer verletzten Juden. Der Jude hat eine ägyptische Mutter. Seinen Namen Walter verdankt er seinem Großvater, einem Berliner Juden, der in Auschwitz ermordet wurde. Seine Großmutter überlebte, weil sie sich in einem Keller in Antwerpen vor den Nazis versteckte.

Im Grunde ist diese Freundschaft an sich schon ein Anti-Terror-Projekt. Schließlich geht es beim Terror genau darum: Grenzen zu errichten. Zwischen Religionen, Gruppen, Staaten, Lebensstilen. Wahrscheinlich war Brüssel deshalb kein zufälliges Ziel. Die Terroristen wollten, soweit man weiß, eigentlich den Amsterdamer Flughafen angreifen. Dann haben sie doch Brüssel genommen, ihre Heimatstadt, weil sie glaubten, die Polizei sei ihnen auf den Fersen. Aber Brüssel, die Hauptstadt Europas, ist wie der Flughafen Schiphol ein Symbol für Internationalität, für das Überwinden von Grenzen, für Begegnungen. Für das also, was die Terroristen hassen.

Walter Benjamin führte den Kampf zurück ins Leben auf zwei Ebenen oder, um im Bild zu bleiben, an zwei Fronten. Körperlich war lange nicht klar, ob er zumindest sein linkes Bein würde behalten können. Es brauchte mehr als ein Dutzend Operationen, erst nach eineinhalb Jahren konnte er zum ersten Mal wieder allein stehen. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit: er auf der Straße, in kurzer Hose, rechts die Prothese, das linke Bein noch in einem Metallgestell, und so reckt er die Arme mit den Krücken in die Höhe, wie nach einem Sieg.

Es ist der Gedanke an seine Tochter, der ihn all diese Strapazen durchstehen lässt: „Der Gedanke, sie zur Halbwaise zu machen oder dazu zu verdammen, sich um einen behinderten Vater zu kümmern, schien mir unerträglich.“

Vorbei ist dieser Kampf noch immer nicht, noch immer geht er mehrmals in der Woche zur Krankengymnastik. „Bergab gehen, Treppen hinuntersteigen“, sagt Benjamin, „das ist immer noch schwierig.“

Und dann gibt es noch einen Kampf, den psychischen. Wenn es eine Erfahrung maximaler Ohnmacht ist, zum Opfer eines Anschlags zu werden, dann hat Walter Benjamin noch im Krankenbett begonnen, sich dieser Rolle zu entziehen. Im Spital, bald nach dem Anschlag, gibt er die ersten Interviews. Er sagt Sätze, wie er sie auch heute sagt: „99,99 Prozent der Muslime sind tadellose Menschen.“ Oder: „Ich bin nicht wütend auf die jungen Menschen, die das getan haben. Sondern auf die Behörden, die keinen Plan für ihre Integration hatten.“

Es sind Sätze, die gehört werden. Benjamin schreibt ein Buch über seine Erfahrungen, das in Belgien mehr als 10.000-mal verkauft wird. Als er nach Israel fliegt, zu seiner Tochter, will Premier Benjamin Netanjahu mit ihm sprechen. Zwei Stunden dauert ihr Treffen.

Walter Benjamin hat sich eine Stimme verschafft. Es ist das, was den meisten Terroropfern nicht gelingt. Viele haben das Gefühl, vergessen zu werden. Das war in Brüssel nicht anders als nach dem Breitscheidplatzattentat in Berlin.

Die Folgen kennen wenige so genau wie Philippe Vansteenkiste. „Ich weiß von mehreren Opfern, die später versucht haben, sich umzubringen.“ Sie hatten das Attentat überlebt. Aber das Leben nach dem Attentat schien ihnen unerträglich.

Ein Verein kümmert sich um die Betroffenen

Vansteenkiste war Manager belgischer Firmen im Ausland, zuletzt arbeitete er in Neuseeland, als die Bomben explodierten. Seine Schwester, Anfang 50, Mitarbeiterin am Flughafen, sollte an jenem Morgen nach der Nachtschicht um 6 Uhr Feierabend haben. „Weil eine Kollegin krank war, hatte sie sich bereiterklärt, bis acht zu bleiben.“ Um 7.58 Uhr explodierte die erste Bombe. Seine Schwester war die einzige Flughafenangestellte, die bei dem Anschlag starb.

In den Wochen und Monaten danach diskutiert das Land viel über die Täter. Über die Gefahr erneuter Anschläge. Nur über die Opfer wird nicht geredet. Da greifen er und andere Betroffene, die er inzwischen kennt, zu einem letztem Mittel: Sie wenden sich an die belgischen Medien. „Danach“, sagt Vansteenkiste, „ging eine Schockwelle durchs Land.“

Beklagt, dass wenig Unterstützung bei den Terroropfern ankommt: Philippe Vansteenkiste.

Gemeinsam mit anderen Opfern gründete er V-Europe, einen Betroffenenverein, dessen Vorsitzender Philippe Vansteenkiste heute ist. 250 Mitglieder hat V-Europe heute. Vansteenkiste organisiert Treffen, Gedenkveranstaltungen, berät Hilfesuchende, trifft Minister, wirbt um Unterstützung. Seinen Managerjob hat er aufgegeben. Die Erfahrungen, die er mit Behörden und Regierungsstellen gemacht hat, handeln von durchaus gutem Willen, aufrichtigem Erschrecken und Interesse – aber auch von Bürokratie, Langsamkeit und Inkompetenz.

Im Februar 2019 hat das Parlament ein Gesetz zur besseren Unterstützung der Terroropfer beschlossen. Bis heute jedoch, beklagt Vansteenkiste, komme wenig bei den Betroffenen an. Noch immer sind statt einer zen­tralen Stelle Dutzende Ämter für sie zuständig. Im Moment arbeitet er mit V-Europe daran, mithilfe israelischer Spezialisten belgische Therapeuten in Traumabehandlung auszubilden, weil es in Belgien noch immer viel zu wenig Behandlungsmöglichkeiten gebe.

„Nach dem Anschlag realisierte das Land langsam, wie sehr es nicht vorbereitet war“, sagt Philippe Van­steenkiste. „Das nächste Mal, wenn es dazu kommt, wird es wenigstens etwas besser sein.“

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