Rückblick auf das Jahrzehnt: Schnee ist was von gestern

  • Das Wissen um den Klimawandel ist älter als ein Jahrzehnt.
  • Doch jetzt vergeht kein Tag mehr ohne Gedanken an ihn.
  • Kindern ist das manchmal schwer zu erklären.
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„Mama, du hast eine Nachricht auf dem Handy.“ Der UN-Klimagipfel einigt sich auf einen Kompromiss. Ist das nun gut oder schlecht? Was sollen Eltern auf so eine Frage antworten?

Mein Sohn ist acht Jahre alt. Vier Wochen bevor er im April 2011 geboren wurde, kam es zur Kernschmelze in drei Reaktorblöcken des japanischen Atomkraftwerkes Fukushima. Die Bilder haben Erinnerungen an unsere Kindheit geweckt, an den Super-GAU von Tschernobyl, an Kohletabletten und Stubenarrest wegen des verseuchten Regens. Wenige Jahre später hat Deutschland große Teile der Energiewende bereits vollzogen. Noch vor Kurzem galt das in der Umweltpolitik als Meilenstein. Unsere Sorge dagegen ist längst eine ganz andere: der Klimawandel.

Klimaschutz ist sogar Thema beim Kinderarzt

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Das Jahr 2020 beginnen wir in dem Bewusstsein, dass die Welt gerettet werden muss – und dass diese Herkulesaufgabe vielleicht nicht mehr zufriedenstellend zu schaffen sein wird. Der Klimawandel begegnet uns morgens beim Aufwachen in den Nachrichten und abends in Gesprächen mit Freunden bei einem Glas Wein. Der Klimawandel ist Teil unseres Alltags geworden. Und jeder von uns kann wissen, was da draußen passiert: Die Polkappen schmelzen, der Permafrost bildet sich zurück, der Meeresspiegel steigt möglicherweise noch schneller als erwartet, die Insekten sterben, die Singvögel auch. „There is no Planet B. – Kinderärzte for Future“, steht auch auf einem Plakat am Empfang der Arztpraxis, in die wir immer gehen, wenn unser Sohn geimpft werden muss.

Die Jahre 2016, 2017, 2014 und 2015 waren nach Angaben des Umweltbundesamtes global betrachtet die wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Es gab im Jahr 2019 Februartage, an denen die Menschen in die Baumärkte strömten, um Gartenzubehör zu kaufen, weil es so warm war, dass alle den Frühling beginnen wollten. Es kann vorkommen, dass wir noch im November draußen auf der Terrasse sitzen. Schnee ist in manchen Gegenden möglicherweise schon heute was von gestern. Früher haben wir einfach über das Wetter geredet, heute fragen wir: „Ist das noch Wetter? Oder schon der Klimawandel?“

Demonstranten fordern, wie hier in Frankfurt auf einem Plakat, dass ihr Protest zu Änderungen im Verhalten der Menschen und der Politik führt. © Quelle: imago images/Ralph Peters

Ebenfalls im Februar 2019 schrieb eine Gruppe von elf renommierten Wissenschaftlern um den US-Klimatologen Benjamin Santer im Fachjournal „Nature Climate Change“, dass Hinweise, der Klimawandel sei vom Menschen gemacht, den „Goldstandard“ haben. Der Klimawandel gilt somit als Fakt, der nicht mehr bezweifelt wird. Die Politik immerhin hat etwas begriffen: Sie schnürt Klimapakete, streitet um Tempolimits, Flugverbote und Förderungen für ­E-Autos. Freunde von uns verzichten auf Flugreisen. Der Begriff Flugscham macht sich breit. Einige steigen um, vom Auto aufs Lastenrad, vom Tetrapak auf die Flasche, vom Flüssigshampoo auf Haarseife, manche sogar vom Supermarkt auf „Lose Läden“.

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Wir bestellen weiter Pakete im Internet

Doch wir essen weiter Burger, bestellen Pakete bei Amazon und sehen abends auf Netflix Tierfilme über Eisbären, die durch eine Arktis laufen, die auf manchen Bildern wirkt, als wäre nichts gewesen. Zum Ende dieses Jahrzehntes passiert all dies zusammen.

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Wie wird das Leben aussehen, wenn die Pro­gnosen der Wissenschaft eintreten? Die deutsche Meteorologin und Astronautenkandidatin Insa Thiele-Eich, die ebenfalls Mutter ist, hat in diesem Jahr getwittert, dass sie manchmal nicht schlafen kann, aus Angst um diesen Planeten.

Ich kenne diese zermürbenden Gedanken. Die Angst bei jeder ungewöhnlichen Wetterlage, wie im Sommer 2018, als die Wetterdienste Rekordhitzetemperaturen meldeten, als Dürre, Waldbrände und Wasserknappheit Deutschland bewegten. Auch aus dem All war der trockene Boden zu erkennen – ISS-Astronaut Alexander Gerst schickte dramatische Fotos aus dem Weltraum.

Die Frage, ob man noch Kinder in diese Welt setzen sollte, haben sich schon Generationen vor uns gestellt. Auch sie plagten existenzielle Ängste. Aber sorgten sie sich auch, dass der Planet für nachfolgende Generationen unbewohnbar werden könnte? Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wenn mein Sohn stolz berichtet, dass er als Erwachsener einmal im Dorf seiner Oma in Ostfriesland leben will. Soll ich ihm sagen, dass dieser Landstrich Forschern der gemeinnützigen Agentur „Climate Central“ im US-amerikanischen Princeton zufolge vom Jahr 2050 an einmal im Jahr überflutet sein wird? Weil der Meeresspiegel doppelt so schnell steigt wie erwartet?

Es ist schwer geworden, diese Nachrichten zu ertragen. Manche wollen sie nicht als Wahrheiten akzeptieren. Sie bezeichnen Greta Thunberg als Lügnerin. Mein Sohn und seine Freunde demonstrieren ebenfalls. „Erwachsene sind doof“, stand auf dem Plakat, das Piet an einem Freitag durch die Innenstadt trug. Die Jugendlichen um ihn herum fanden das süß. Für mich war es bedrückend.

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Griechenland in der Schuldenkrise: Seit das Land 2010 die Zahlen zu seiner Staatsverschuldung nach oben korrigiert hat, folgt eine Hiobsbotschaft auf die andere. Zwei milliardenschwere Rettungspakete der EU sollen helfen, sehr schnell aber gerät die ganze Euro-Zone in den Strudel der Finanzkrise.  @ Quelle: EPA/Oretis Panagiotou/dpa
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Ich fürchte die Fragen unserer Kinder

Ich fürchte die Frage, die uns unsere Kinder mit Sicherheit eines Tages stellen werden: „Warum habt ihr nichts getan?“ Anders als noch bei unseren eigenen Eltern ist die jahrhundertealte Hoffnung, dass es unseren Kindern einmal genauso gut oder gar besser gehen könnte, als uns selbst, brüchig geworden.

In der Politik wurde in den letzten Monaten des Jahres 2019 viel über ein „Weiter so“ diskutiert, das es mit Blick auf die kränkelnden Volksparteien nicht mehr geben soll. Das trifft auch auf das Leben in den westlichen Industriestaaten zu. Dies wird sich ändern – vielleicht, weil wir aktiv etwas unternehmen, in jedem Fall aber, weil der Klimawandel begonnen hat.

Meinem Sohn habe ich auf seine Frage zum Abschluss der 25. Klimakonferenz in Madrid geantwortet, dass Menschen manchmal sehr viel Zeit brauchen, bis sie verstehen, was zu tun ist. Dass die Welt komplex ist. Doch dass man es gemeinsam schaffen kann, etwas zu verändern. Das immerhin ist eine Hoffnung, die man einem Kind zum Ende dieses Jahrzehnts mit auf den Weg geben kann.