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  • "Rote Armee hat Hauptlast getragen": Matthias Platzeck im Interview zum Kriegsende vor 75 Jahren

Platzeck: “Die Hauptlast des Weltkriegs hat die Rote Armee getragen”

  • Der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, Matthias Platzeck, stellt sich in der geschichtspolitischen Debatte hinter Russlands Präsidenten Putin.
  • Der SPD-Politiker befürchtet, dass die Rolle der Sowjetunion kleingeredet wird.
  • Er fordert aber auch “Vertrauensarbeit” Russlands gegenüber Polen und den baltischen Ländern.
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Berlin. Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Wie soll dieser Tag begangen werden?

So wie es Richard von Weizsäcker bereits 1985 klar formuliert hat: als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Und wir sollten dabei nie vergessen, dass die Hauptlast dieses Weltkrieges die Rote Armee getragen hat. Ich sage das, weil in der letzten Zeit in der veröffentlichten Meinung eine gewisse Umdeutung zu beobachten ist. Es scheint, als seien die Landung in der Normandie oder die Schlacht in den Ardennen die entscheidenden Wendepunkte im Krieg gewesen. Dabei waren es die Schlachten vor Moskau, Stalingrad, im Kursker Bogen und anderswo im Osten, die den Zweiten Weltkrieg entscheidend beeinflusst haben.

Der Krieg gegen die Sowjetunion, wie vorher schon gegen Polen, war ein Vernichtungskrieg, in dem alle Normen außer Kraft gesetzt wurden, die es auch für Kriege gibt. Das Ziel der Deutschen war, diese Völker des Ostens schlicht zu vernichten. Das darf man nicht vergessen. Dass uns diese Völker danach Vergebung, Versöhnung, sogar Freundschaft angeboten haben, ist eine wirklich außergewöhnliche Geste – wir sollten ihr nach wie vor mit der nötigen Sensibilität begegnen.

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Das stark beschädigte Berliner Reichstagsgebäude 1945 zum Kriegsende. © Quelle: Henry Griffin/AP/dpa

Der 8. Mai 1945 ist ein ambivalenter Tag. Er führte zur Befreiung, aber die alliierten Armeen kamen als Sieger, nicht als Befreier. Kann man den 8. Mai als “Tag der Befreiung” begehen?

Ja, es gab im Osten Deutschlands nach 1945 lange keine Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung, sondern es wurde eine autoritäre Herrschaft installiert. Aber wir sollten den Fehler nicht machen, den Stalinismus mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Hitler hat eine bis heute unvergleichliche Diktatur errichtet, er hat einen bis heute unvergleichlichen Krieg geführt, er hat – bis heute unvergleichlich – ganze Völker auszurotten versucht.

Soll der 8. Mai bundesweit ein gesetzlicher Feiertag werden, wie es die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano und viele Mitstreiter fordern?

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Ich kann dieses Ansinnen nur unterstützen, wurde an diesem Tag doch durch alliiertes Handeln das bis heute schlimmste, viele Völker bedrohende Terrorregime beendet und ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen.

Die aktuelle Situation ist aufgeheizt – vor allem zwischen Polen und Russland. Wie geht es weiter?

Wir befinden uns zwischen Ost und West insgesamt in einer aufgeheizten Atmosphäre. Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, hat auf der letzten Konferenz gesagt: “Wir stehen vor einem Scherbenhaufen.” Die Situation ist explosiver als im vorigen Kalten Krieg. Dass in einer solchen Situation ein Datum wie der 75. Jahrestag des Kriegsendes mit Interpretationen und gegenseitigen Vorwürfen versehen wird, war erwartbar.

Aus Russland ist zu hören, die Polen hätten Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Leider hat auch das Europäische Parlament 2019 in einer Resolution den Schluss zugelassen, dass die Sowjetunion und Deutschland ungefähr gleichermaßen schuld am Zweiten Weltkrieg sind. Das hat mit den historischen Tatsachen ebenso wenig zu tun. Allerdings kann ich unsere polnischen Nachbarn und auch die baltischen Kollegen verstehen, dass sie vor dem geschichtlichen Hintergrund Bedenken, Ängste und Vorbehalte haben. Ich verstehe auch, dass sie nicht von einer Befreiung 1945 sprechen wollen.

Das Faktum bleibt aber, die Rote Armee hat 1945 Europa vom Hitler-Faschismus befreit, allerdings nicht in die Richtung, wie wir sie uns vorstellen, nämlich in die einer demokratischen Grundordnung. Ich würde mir von der russischen Seite wünschen, dass sie als der deutlich größere und militärisch überlegene Nachbar aktiv Vertrauensarbeit gegenüber Polen und den baltischen Staaten leistet. Leider ist das nicht die größte Stärke der russischen Seite.

Russlands Präsident Wladimir Putin stellt seine Geschichtspolitik im Yad-Vashem-Holocaust-Museum dar. © Quelle: Abir Sultan/EPA POOL/dpa

Wie beurteilen Sie Wladimir Putins Geschichtspolitik der vergangenen Monate, die Russland als größten Sieger und größtes Opfer des Kriegs darstellt?

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In vielen Darstellungen der vergangenen Monate ist die Rolle der Roten Armee marginalisiert und die der Westalliierten überhöht worden. Das hat natürlich zu Reaktionen in Moskau geführt, das verstehe ich wohl. Der Große Vaterländische Krieg, wie er im Russischen heißt, ist ein konstituierendes Element für die Russische Föderation. Dieser Sieg über den Faschismus, dieser aufopferungsvolle Kampf mit unzähligen Millionen Opfern ist in jeder Familie verankert. Darüber herrscht Konsens in der russischen Gesellschaft. Daher sollten wir vorsichtig mit eigenen Deutungen sein. Das geht in Russland sehr tief, das kommt von innen heraus, da muss man nichts befehlen oder anweisen. Das kommt tief aus den russischen Menschen selbst.

Dennoch ziehe ich zivilere Formen des Gedenkens, der Debatte immer vor. Vielleicht führen die stilleren Formen der Erinnerung, jetzt, wo die große Siegesparade wegfällt, zu neuen Erkenntnissen. Es wäre wünschenswert, wenn die aufgeheizte Debatte der vergangenen Monate jetzt leiser und näher an den historischen Wahrheiten geführt wird.

Die AfD stellt zum 8. Mai wieder die sowjetischen Kriegsverbrechen und Vergewaltigungen in den Vordergrund – welche Resonanz findet diese Sicht auf die Geschichte noch?

Wir haben nach 1990 gespürt, dass wir insbesondere im Osten Deutschlands über Dinge, die nach der Befreiung passiert sind, nur verschämt gesprochen haben oder die Dinge gar nicht in die Debatte gebracht haben. Es hat Vergewaltigungen gegeben, es hat Racheakte gegeben, es hat die Speziallager gegeben, teilweise an denselben Orten wie die Konzentrationslager der Nazis. Das Pendel ist nach 1990 ausgeschlagen zur anderen Seite. Das ist ganz normal, wenn Sie so lange den Deckel draufhalten und nur von deutsch-sowjetischer Freundschaft und nicht von den Schmerzen und Verbrechen sprechen dürfen. Allerdings sind diese Aspekte in den vergangenen 30 Jahren nun auch hinreichend beleuchtet worden.

Ich habe generell den Eindruck, dass wir in der Gefahr schweben, Ursache und Folge zu verwechseln. Das Kerndatum ist der 22. Juni 1941. Da hat die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion mit dem Ziel eines Vernichtungskrieges überfallen. Was danach kam, ist die Folge dieses Überfalls. Große Teile der Sowjetunion wurden zerstört, Millionen Menschen ermordet, Kulturschätze ungeahnten Ausmaßes zerstört oder geraubt. Das ist in deutscher Verantwortung geschehen. Das darf man nie vergessen.

Matthias Platzeck (66) ist Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. Der SPD-Politiker war von 2002 bis 2013 Ministerpräsident von Brandenburg und zwischen November 2005 und April 2006 SPD-Bundesvorsitzender.


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