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Roland Jahn: „Das Ziel war, dem Treiben der Stasi ein Ende zu setzen“

  • Am 15. Januar 1990 stürmten Bürgerrechtler die Stasi-Zentrale in Berlin, um die Akten zu sichern.
  • Der heutige Stasi-Unterlagenbeauftragte Roland Jahn war als Journalist dabei.
  • Er sagt, die Besetzung sei ein sichtbarer Ausdruck der Friedlichen Revolution gewesen - und die Stasi-Akten die Trophäe.
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Berlin. Herr Jahn, vor 30 Jahren haben engagierte DDR-Bürger die Stasi-Zentrale gestürmt, um die Akten zu sichern. Erinnern Sie sich noch an diesen Tag?

Ja, sehr genau. Denn ich war damals dabei und bin reingegangen in diese Stasi-Zentrale. Das war eine Mischung aus Euphorie und Genugtuung, aber auch Beklemmung und Ungewissheit. Es war für mich und viele andere, die jahrelang von der Stasi schikaniert worden waren, ein bedeutender Moment. Die Besetzung ist ein sichtbarer Ausdruck der Friedlichen Revolution, und die Stasi-Akten sind die Trophäe, die wir bis heute hoch halten.

Was war ihr Ziel?

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Das Ziel war, dem Treiben der Stasi ein Ende zu setzen und dafür zu sorgen, dass das geschehene Unrecht aufgearbeitet wird und Bürger rehabilitiert werden. Dazu gehörte die Sicherung der Akten. Das begann in den Bezirken der DDR, zuerst in Erfurt, als fünf junge Frauen die Stasi-Bezirksverwaltung besetzten. Es gab kein Vertrauen in den Auflösungsprozess der Stasi, der ja eigentlich schon im Gange war. Die Losung „Freiheit für meine Akte“ hat das Handeln bestimmt. In diesem Sinne habe ich auch das Bürgerkomitee begleitet, das sich seinerzeit gegründet hat.

Nun waren Sie ja damals Journalist. Stand das nicht im Widerspruch zur Teilnahme an der Erstürmung?

In dem Moment konnte ich das nicht trennen. Ich bin ja auch Mensch – Mensch mit einer Biografie, in die die Stasi tief eingegriffen hat. Ich war im Gefängnis. Die Stasi hat mich gewaltsam ausgebürgert und meine Familie schikaniert. Deshalb war ich getragen von vielen Gefühlen. Am Ende war es ein Hauch Genugtuung, weil ich wusste: Dem Treiben der Stasi wird hier ein Ende gesetzt.

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Hätten Sie sich vorstellen können, dass aus der Erstürmung mal so eine Behörde entstehen würde und Sie deren Chef werden könnten?

Nein. Mein Anliegen war, die Akten der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Wie man das organisiert, war die zweite Frage. Der Übergang 1990 war ein ganz spannender Prozess – bis hin zu den freien Wahlen und dem Einigungsvertrag. Im September hat ja noch eine zweite Besetzung der Stasi-Zentrale stattgefunden, weil das Thema im Einigungsvertrag hinten runtergefallen war. Diese zweite Besetzung hat dazu geführt, dass es im Einigungsvertrag ein Zusatzprotokoll gab, das wiederum dazu geführt hat, dass wir heute ein Stasi-Unterlagengesetz und diese Behörde haben.

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Die Zahl der Anträge auf Akteneinsicht ist 2019 sogar noch einmal gestiegen – nämlich auf 56.526. Zugleich nimmt das öffentliche Interesse an der Stasi seit Jahren ab.

Das ist kein Widerspruch. Ich finde sogar gut, dass die Stasi als Thema nicht mehr so präsent ist. Denn es geht um die SED-Diktatur und ihre Aufarbeitung insgesamt. Es geht um den Alltag in der DDR. Wir wollen ein differenziertes Bild zeichnen. Dazu ist das Stasi-Unterlagenarchiv eine wichtige Quelle. Im Übrigen warten die Opfer teilweise bis heute auf ihre Rehabilitierung.

Nun sollen die Akten ins Bundesarchiv überführt werden. Ist das nicht eine Absage an das, was die Besetzer von 1990 wollten?

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Im Gegenteil, dass das Stasi-Unterlagenarchiv nun Teil des Bundesarchivs wird, sichert die Zukunft der Akten. Dadurch wird zum Beispiel die Digitalisierung vorangebracht. Zu diesem Zweck wird unter anderem ein Archiv-Zentrum errichtet – am historischen Ort, der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Dort sollen auch die Akten der SED und der DDR-Ministerien gesichert werden.

Sie selbst sagen immer gern: „Je besser wir die Diktatur begreifen, desto besser können wir die Demokratie gestalten.“ Wie erklären Sie sich angesichts dessen eigentlich, dass die Demokratie gerade in Ostdeutschland so in der Krise ist?

Auch das ist kein Gegensatz. Denn ich betone ja immer: „Je besser wir die Diktatur begreifen, desto größer ist die Chance, Demokratie zu gestalten.“ Das ist also kein Automatismus. Die Menschen müssen etwas dafür tun. Allerdings kann die Vergangenheit unsere Sinne schärfen, gerade für die Werte einer Demokratie, für Respekt vor der Meinung des anderen und einen würdevollen Umgang miteinander. In dieser Hinsicht ist es gut, das Stasi-Unterlagenarchiv zu nutzen.

Wo liegen die Ursachen für die Demokratiekrise?

Auf alle Fälle liegen sie nicht nur in der DDR-Geschichte. Wir müssen die langen Linien deutscher Geschichte betrachten – bis in die Gegenwart hinein. Es gibt keine einfachen Wahrheiten. Wichtig ist, dass wir uns auf das besinnen, was unser Grundgesetz sagt. Die Menschenrechte sind die Grundlage unserer Gesellschaft. Über den Rest können wir uns streiten.


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