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Hatten Sie nie Sehnsucht nach Rache, Benjamin Ferencz?

  • Benjamin Ferencz ist der letzte noch lebende Chefankläger der damaligen Nürnberger Prozesse.
  • Später hat er maßgeblich an der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofes ICC mitgewirkt.
  • Im RND-Interview spricht er über das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, über seine Arbeit als Chefankläger und über den ICC.
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Berlin. Er sichtete Akten in den befreiten Konzentrationslagern und klagte in den Nürnberger Prozessen insgesamt 22 Entscheidungsträger der Nazis an. Der Jurist Benjamin Ferencz war in Deutschland, als es befreit wurde. Im Interview spricht er über Recht, Menschlichkeit und das Selbstbewusstsein eines 27-Jährigen.

Mr. Ferencz, wie geht es Ihnen, wie stehen Sie die Corona-Krise durch?

Ich kann Ihnen diese Frage heute noch nicht beantworten. Ich mache gewöhnlich jeden Morgen 101 Liegestützen, für jedes meiner Lebensjahre eine. Danach kann ich dann sagen, wie es mir geht. Heute bin ich noch nicht dazu gekommen, Sie halten mich davon ab.

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Der Zweite Weltkrieg in Europa endete vor genau 75 Jahren am 8. Mai 1945. Können Sie sich an diesen Tag erinnern?

Ja, ich weiß es noch genau. Ich war in Berchtesgaden. Ich habe damals schon für die US-Armee Kriegsverbrechen verfolgt, und wir haben im Berghof Aktenschränke sichergestellt, nachdem die 101. Luftlandetruppe Berchtesgaden eingenommen hatte.

Wie haben Sie den 8. Mai erlebt?

Wir wussten ja schon einige Wochen vorher, dass die Deutschen kapitulieren würden. Es gab in unserer Einheit deshalb keine großen Feiern. Wir wollten eigentlich alle nur so schnell wie möglich nach Hause.

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Ihre Tätigkeit in Berchtesgaden hatte aber noch nichts mit Ihrem späteren Job als Chefankläger bei den Nachfolgeprozessen zum Nürnberger Prozess zu tun.

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Nein, ich war damals noch ein ganz normaler Feldwebel der Armee. Durch mein Jurastudium und meine Spezialisierung in Kriegsrecht hatte man mich allerdings damit betraut, Kriegsverbrechen zu untersuchen. Im Herbst 1945 bin ich aber erst einmal nach New York zurückgegangen und bin im Dezember ganz normal aus der Armee entlassen worden. Ich hatte damals keine Absicht, je wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Wie kam es, dass Sie dann doch zurückkehrten?

Das Pentagon hat Juristen gesucht, um die Nachfolgeprozesse zu den Nürnberger Prozessen vorzubereiten, und mein Professor in Harvard, Sheldon Glueck, hat mich wohl empfohlen. Ich war ja auch in einer perfekten Position dazu, diesen Job zu bekleiden. Ich war als Investigateur von Kriegsverbrechen bei der Befreiung mehrerer Konzentrationslager dabei, um dort Unterlagen sicherzustellen. Ich hatte Material, um mehr als 3000 Nazi-Verbrecher anzuklagen.

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas von den Konzentrationslagern gehört?

Ich habe schon als Jurastudent in Harvard davon gehört, wo ich 1943 meinen Abschluss gemacht habe. Mein Professor, Sheldon Glueck, war Mitglied einer internationalen Kommission von Juristen, die in London Beweise für Kriegsverbrechen sammelten. Außerdem haben die Deutschen ja kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie die Juden vernichten wollen.

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Der breiten amerikanischen Öffentlichkeit war das Ausmaß der Judenverfolgung aber vor dem Kriegsende nicht bekannt.

Jeder, der es wissen wollte, konnte es wissen. Die „New York Times“ hat sogar darüber berichtet.

Aber als Sie es dann mit eigenen Augen gesehen haben, war es dennoch ein Schock.

Es war unvorstellbar. Es ist für mich bis heute unvorstellbar. Der Boden war mit Leichen übersät. Unter ihnen lagen einige, die noch am Leben waren. Sie haben uns mit den Augen angefleht, ihnen zu helfen. Das Krematorium lief noch, es gab Berge von bis aufs Skelett heruntergehungerten Menschen davor. Ich hatte Schokolade in der Tasche und wollte den überlebenden Häftlingen die Schokolade geben, aber die Sanitäter haben uns gewarnt, dass sie sterben, wenn sie die Schokolade essen.

Wie sind Sie damals mit diesen Eindrücken zurechtgekommen?

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Man musste sich einreden, dass das nicht wirklich ist. Und dann habe ich mich einfach auf meinen Job konzentriert. Ich war da, um Beweise für Kriegsverbrechen zu sammeln. Also habe ich nach Akten gesucht und sie sichergestellt. Zum Glück waren die Deutschen ja sehr ordentlich und haben genau aufgeschrieben, wie viele Menschen sie ermordet haben.

Die Unterlagen wurden dann später in den Nürnberger Prozessen verwendet?

Nein, es gab ja lange vor den Nürnberger Prozessen in München Kriegsverbrecherprozesse durch die US-Armee. Wir haben sie die Lagerprozesse genannt, die Angeklagten waren die Offiziere, welche die Lager kommandiert haben.

Was war die juristische Grundlage für diese Prozesse?

Militärgesetz. Die Ankläger und die Richter waren US-Offiziere. Sie haben die Anklage verlesen – meist Folter und Mord von Kriegsgefangen. Dann haben sie gefragt, ob die Angeklagten sich schuldig oder nicht schuldig bekennen. Meistens haben sie „nicht schuldig“ gesagt. Dann hat man die Beweismittel vorgelegt – Akten mit Unterschriften – und das Urteil wurde verlesen, in der Regel Tod durch Erhängen. Es waren schnelle Verfahren, schnelle Urteile, und sie wurden schnell wieder vergessen, weil die Nürnberger Prozesse dann alle Schlagzeilen bekamen.

In Ihrem Eröffnungsplädoyer in Nürnberg haben Sie gesagt, dass es nicht um Rache gehe, sondern darum, durch internationale Gerichtsbarkeit das Menschenrecht zu garantieren, unabhängig von Rassen- oder Glaubenszugehörigkeit in Frieden und Würde zu leben. Hatten Sie, nachdem Sie im Konzentrationslager waren, nie eine Sehnsucht nach Rache?

Es ist ja eine ganze Zeit vergangen zwischen der Befreiung der KZs und dem Beginn des Tribunals. Das Tribunal begann erst 1947. Es ging uns damals darum, ganz unmissverständlich klarzumachen, dass das Recht auf einen fairen Prozess ein Menschenrecht ist, das keine Ausnahmen kennt.

Dieser tiefe Glaube an den Rechtsgrundsatz, woher kommt der bei Ihnen?

Das ist doch einfach nur gesunder Menschenverstand. Wenn Sie einen Streit mit Ihrem Nachbarn haben, aber kein Gericht, zu dem Sie gehen können – wie wollen Sie diesen Streit beilegen? Und wenn beide Parteien überzeugt sind, dass sie im Recht sind und bereit sind, dafür zu sterben – ich rede etwa von Religion oder von Nationalismus –, was machen Sie dann? Deshalb war es für mich immer wichtig, dass wir eine international verbindliche Gerichtsbarkeit schaffen. Es gibt dazu keine Alternative.

War es eine Überlegung damals, dass ein fairer Prozess gegen die Nazi-Verbrecher wichtig ist, um in Deutschland einen demokratischen Rechtsstaat zu errichten?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand damals daran gedacht hat, wie die deutsche Gesellschaft aussehen soll. Churchill und Roosevelt wollten den Deutschen signalisieren, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden. Sonst nichts. Es sollte Gerechtigkeit walten.

Sie waren damals 27 Jahre alt und hatten keine Prozesserfahrung. Woher haben Sie das Selbstbewusstsein genommen, einen solchen Prozess zu führen?

Ich habe gewusst, dass das, was ich tue, richtig ist. Daraus habe ich mein Selbstbewusstsein bezogen. Ich war in den Lagern gewesen, ich hatte mit eigenen Augen gesehen, was dort geschehen ist. Außerdem hatte ich ja schon während des Krieges Beweismittel gesammelt. Ich habe damals Telford Taylor, dem Hauptankläger in Nürnberg, gesagt: „Ich habe handfeste Beweise für den Massenmord an Millionen von Menschen, wir können diese Leute nicht laufen lassen.“ Daraufhin hat er mich gefragt, ob ich mir das zutraue. Und ich habe, ohne mit der Wimper zu zucken, „Ja“ gesagt.

Wie war damals Ihr persönlicher Eindruck von den Angeklagten?

Ich musste mir aus 3000 Fällen 22 aussuchen, weil wir nicht mehr Kapazitäten für einen Prozess hatten. Ich habe mir deshalb die obersten Entscheidungsträger ausgesucht. Viele von ihnen waren hochgebildet und kultiviert. Ich erinnere mich an Dr. Dr. Rasch, der in Babi Yar 32.000 Menschen in zwei Tagen ermordet hatte. Oder Dr. Otto Ohlendorf, SS-General, dessen Einheit unter seinem Kommando mindestens 70.000 Menschen ermordet hatte. Er war gut aussehend, gebildet, und er hatte durchaus humanistische Impulse. Er war Vater von fünf Kindern. Er hat die Hinrichtung mit Auspuffgasen in Lkw untersagt, weil er das unmenschlich fand. Ich bin vor seiner Hinrichtung zu ihm gegangen und habe ihn gefragt, ob er etwas braucht oder ob er etwas loswerden möchte. Dann fing er damit an, dass das alles zur Verteidigung des deutschen Volkes notwendig gewesen wäre. Ich habe mir das eine Minute lang angehört und habe mich dann verabschiedet. Seine Motivation war das, was alle Menschen in den Krieg treibt – Nationalismus.

Die Banalität des Bösen.

Ohlendorf war ein perfekter Gentleman, der 70.000 Menschen umgebracht hat. Die Begegnung hat mich gelehrt, dass im Krieg jeder zum Massenmörder werden kann. Das Problem ist der Krieg. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Menschheit aufhören muss, Kriege zu führen. Leider glorifizieren wir seit Jahrhunderten den Krieg. Meine ganzen Einsatzgruppenjungs, wie ich sie nenne, waren im normalen Leben anständige Leute, wie es sie in jedem Land gibt. Es gab noch nie einen Krieg ohne Kriegsverbrechen.

Es war Ihr Lebenswerk, die Grundlage für den ICC, den Internationalen Strafgerichtshof zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu legen, der 1998 ins Leben gerufen wurde.

Das war ein großer Moment für mich. Ich bin Kriegsveteran, ich habe die Schrecken des Krieges gesehen. Ich war sehr geehrt, als sie den Internationalen Strafgerichtshof eröffnet haben und ich das Eröffnungsplädoyer für den ersten Fall vor dem ICC halten durfte. Ich habe dieselbe Formulierung gebraucht wie damals, 1947 als 27-Jähriger. Ich habe gesagt, dass dies ein Appell der Menschlichkeit an das Gesetz ist. Das war vor elf Jahren. Es hat eine Weile gedauert.

Die USA haben sich von Anfang an geweigert, dem ICC beizutreten.

Ich finde das ganz fürchterlich. Wir müssen endlich auch in Amerika begreifen, dass wir alle Bewohner desselben Planeten sind. Wir sind alle eine Familie. Und es ist nicht schwer, die Ressourcen dieses Planeten so zu verteilen, dass wir alle in Frieden und Würde leben können. Das gelingt allerdings nur, wenn wir aufhören, jeden Tag Milliarden für die Rüstung auszugeben. Die Vereinigten Staaten lügen die amerikanische Öffentlichkeit seit vielen Jahren bewusst an, was ihre Opposition gegen die internationale Gerichtsbarkeit angeht.

Warum?

Das war von Anfang an politisch motiviert. Es geht hier immer nur darum, die rechte Minderheit zu befrieden, die den ganzen Tag schreit: Wir sind die Größten, wir werden immer die Größten sein, und wenn sich uns jemand in den Weg stellt, dann bringen wir ihn um. Das war schon unter Clinton so, ist unter Bush nicht besser geworden, und jetzt ist es ganz schlimm.

Sie sind also über den Isolationismus der gegenwärtigen Regierung nicht besonders glücklich?

Nein. Die USA behalten sich das Recht vor, ungestraft unschuldige Menschen zu töten, und das ist eine gefährliche Politik. Wenn wir das ganze Geld, das wir für Rüstung ausgeben, dafür ausgeben würden, uns um die Alten, Kranken und Schwachen zu kümmern, dann würden wir gar nicht erst die Art von Verzweiflung erzeugen, die zu dem führt, was wir Terrorismus nennen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein stolzer amerikanischer Patriot, aber ich bin auch ein stolzer Bürger der Welt. Ich würde es gern sehen, dass der Präsident seine Reden nicht nur mit „Gott schütze Amerika“ abschließt, sondern anfügt „und den Rest der Welt“.

Zur Person

  • Benjamin Ferencz ist 1920 in Ungarn geboren worden und mit seiner Familie 1921 nach New York ausgewandert. Er wuchs in einem von Kriminalität gezeichneten Viertel von Manhattan und in der Bronx auf. Ferencz studierte in Harvard Jura und erhielt 1943 den Abschluss bei Sheldon Glueck.
  • Während des Zweiten Weltkrieges untersuchte er als Ermittler der US-Streitkräfte Kriegsverbrechen. In dieser Funktion war er an der Befreiung mehrerer Konzentrationslager beteiligt. Zuvor kam Ferencz 1944 als einfacher Soldat zum Einsatz nach Frankreich geschickt worden.
  • Als erst 27 Jahre alter Anwalt war Ferencz 1947 Chefankläger im Nachfolgeprozess zu den Nürnberger Prozessen gegen die SS-Einsatztruppen, die in Polen und der Ukraine Hunderttausende von Juden ermordet hatten. In seiner späteren Laufbahn hat Ferencz maßgeblich an der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofes ICC in Den Haag mitgewirkt.
  • Benjamin Ferencz ist der letzte noch lebende Chefankläger der damaligen Nürnberger Prozesse. Er wohnt heute in Florida.
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