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  • RKI: Corona Containment Scouts sollen zweite Pandemie-Welle verhindern

Covid und die Detektive

  • Auf den Gesundheitsämtern liegt jetzt die Hauptlast bei der Verhinderung einer zweiten Corona-Infektionswelle.
  • Das Robert-Koch-Institut hat 380 Studenten als Containment Scouts angestellt, die den Behörden bei der Nachverfolgung von Fällen helfen sollen.
  • Experten halten die Zahl von 50 Neuinfektionen pro Woche, aber der die Corona-Maßnahmen wieder verschärft werden sollen, für zu hoch.
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Bielefeld. Die Büroetage im dritten Stock in der Bielefelder Marktstraße ist ein Ort der Improvisation. Ein DIN-A-4-Zettel, rasch mit Tesafilm befestigt, weist den Weg hinaus, oben markieren gelbe Post-its und handgeschriebene Zettel, wer in welchem Büro sitzt.

Eigentlich sollten in diesen Räumen jetzt städtische Mitarbeiter die Volkszählung im nächsten Jahr vorbereiten. Und eigentlich sollte Jessica Treek jetzt in der Uni sitzen und ihrem Masterabschluss in Politik und Geschichte näherkommen.

Aber statt der Statistikabteilung hat jetzt das Gesundheitsamt die Räume in Beschlag genommen. Und Jessica Treek, 23 Jahre alt, hochgestecktes blondes Haar, dicke schwarze Brille vor wachen jungen Augen, hält hier nun, um es mit Angela Merkel zu sagen, „Deutschlands Zukunft in den Händen“. Seit zwei Wochen, um genau zu sein. „Ich wollte helfen, wollte selbst etwas tun in dieser Situation“, sagt sie. Dazu hat sie nun Gelegenheit.

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Jessica Treek studiert eigentlich Politik und Geschichte - für ein halbes Jahr kämpft sie nun im Gesundheitsamt Bielefeld als Containment Scout gegen die Rückkehr des Virus. © Quelle: Thorsten Fuchs

Jessica Treek ist eine jener Verstärkungskräfte, die dafür sorgen sollen, dass Deutschland nicht überrollt wird. Dass die vielgefürchtete zweite Welle dieser Pandemie das Land nicht überfordert oder sich im besten Falle gar nicht erst aufbaut.

Es war im März, da legte die Bundesregierung eilig ein Programm auf, um die oft ausgebluteten Gesundheitsämter im Kampf gegen das Virus zu stärken. Mehr Geld für Computer und Software sollte es geben, feste Ansprechpartner beim Robert-Koch-Institut, und vor allem mehr Personal. 500 zusätzliche Kräfte versprach das Bundesgesundheitsministerium anzuheuern, die den lokalen Behörden bei der oft mühsamen Nachverfolgung von Infektionswegen helfen sollten, Virusjagd mit Telefon und Laptop. Gesucht wurden Studenten, für sechs Monate, Anforderungsprofil: „Belastbarkeit und Stresstoleranz“, Monatsgehalt: 2325 Euro brutto.

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Ort der Improvisation: Das Namensschild an der Tür zu Jessica Treeks Büro. © Quelle: Thorsten Fuchs

Die Resonanz war gewaltig, 11000 Bewerbungen zählte das RKI. Dennoch sind noch immer nicht alle Plätze besetzt, aber 380 der sogenannten Containment Scouts, teilt das RKI aktuell mit, seien inzwischen im Einsatz, die meisten in Nordrhein-Westfalen, vier davon in Bielefeld.

„Wir dachten: Wow, die kommen vom RKI! Die sind vom RKI geschult“, so erinnert sich Ina-Marei Strate-Schneider, promovierte Fachärztin für Allgemeinmedizin und stellvertretende Leiterin des Bielefelder Gesundheitsamtes, an die Zeit vor der ersten Begegnung.

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Vorbereitung bis in die Nacht

Von der anderen Seite, von Containment-Scoutin Jessica Treek, klingt die Erinnerung ganz ähnlich, nur mit einer kleinen Ernüchterung am Ende: „Da hieß es: ‚Ihr seid vom RKI! Klasse! Wisst ihr was?‘ Und wir dann: ‚Nö.‘“ Wobei ihre Kollegin, die 27-jährige Lehramtsstudentin Katrin Schäfer, immerhin den Link zu einer Materialsammlung bekam, zwei Aktenordner stark, „die habe ich dann bis nachts gelesen“, sagt sie. Aber als Fachkraft für Gesundheitsschutz hätte auch sie sich da nicht bezeichnet.

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Die Einarbeitung haben sie im Gesundheitsamt rasch nachgeholt.

Man muss an dieser Stelle vorwegnehmen, dass jetzt, nach zwei Wochen im Einsatz, beide Seiten sehr begeistert übereinander sprechen. Die stellvertretende Amtsleiterin lobt ihre „wachen, sympathischen intelligenten und engagierten jungen Scouts“, die zum Beispiel auch einmal bei Facebook und Instagram schauen, wenn sie eine Person sonst nicht gleich finden.

Als wären sie schon lange bei der Behörde

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Jessica Treek wiederum spricht nach diesen zwei Wochen so selbstverständlich von „Abfragen beim EMA“, beim Einwohnermeldeamt, dass man meint, sie habe nie etwas anderes gemacht, als in einer Behörde den Kontaktpersonen von Corona-Infizierten hinterherzutelefonieren. Und dann ist da ein durchaus tiefes Gefühl von Sinn: „Ich habe das Gefühl, für meine Stadt etwas tun zu können“, sagt Katrin Schäfer.

Nur, 380 Scouts für Deutschland in allen Ehren: Kann das gutgehen? Reichen die Kapazitäten, um zu verhindern, dass die Infektionszahlen so sehr steigen, dass Deutschland zurückfällt in einen noch schmerzhafteren Lockdown?

Die App - der BER des deutschen Gesundheitswesens?

Die Last, die auf den Gesundheitsämtern ruht, wird jedenfalls immer größer. Seit sich Bund und Länder in der vergangenen Woche darauf geeinigt haben, dass die Lockerungen der Corona-Maßnahmen nun nicht mehr zentral vorgegeben werden, sind nun umso mehr die Kommunen gefragt. Die Gesundheitsämter sind es, die Infizierte befragen, Kontaktpersonen in Quarantäne schicken, Infektionsketten durchbrechen müssen. Die App, die ihnen dabei helfen könnte, droht inzwischen zum BER des deutschen Gesundheitswesens zu werden, wie der Virologe Alexander Kekulé jüngst fürchtete, so oft wurde ihre Einführung schon verschoben. Und dabei ist die Zahl der Mediziner im öffentlichen Gesundheitsdienst allein zwischen 1995 und 2014 um ein Drittel gesunken, wie deren Verband errechnet.

Auch in Bielefeld traf das Virus Anfang März auf ein stark ausgedünntes Amt. Für die rund 340000 Einwohner waren da, auch wegen Krankheitsfällen, nur ein Gesundheitsaufseher in Vollzeit, eine Teilzeitkraft, ein Azubi und zwei Ärzte zuständig, die noch andere Aufgaben hatten. „Wir hätten das aus eigenen Kräften nicht bewältigt“, sagt Ina-Marei Strate-Schneider.

"Wir hätten das alleine nicht bewältigt": Dr. Ina-Marei Strate-Schneider, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes Bielefeld. © Quelle: Thorsten Fuchs

Also haben sie Mitarbeiter aus anderen Bereichen abgezogen. 63 Personen arbeiteten hier zu Corona-Spitzenzeiten Tag und Nacht in Nachverfolgung und Krisenmanagement, dazu zehn Anwärter, „bis zur Erschöpfung“, wie Strate-Schneider sagt. Sie waren offenbar recht erfolgreich, die Quote der Neuinfektionen pro 100000 Einwohner binnen sieben Tagen stieg nicht über 24, „auch weil wir eine Woche vor dem übrigen NRW mit dem Lockdown begonnen haben“, wie die Vize-Amtsleiterin meint. Neue Maßnahmen sollen nun erst bei 50 Neuinfektionen greifen, so ist es vorgegeben. Inzwischen sind die meisten Mitarbeiter wieder in ihre alten Bereiche zurückgekehrt. Aber dafür gibt es jetzt ja die Containment Scouts, immerhin.

Wer nun Jessica Treek und Katrin Schäfer bei ihrer Nachverfolgungsarbeit zuhört, der erfährt, dass diese Arbeit vieles ist: aufwendig, meist mühsam, oft psychologisch anspruchsvoll, manchmal konfrontativ.

“Nein, Sie dürfen auch nicht mit dem Hund Gassi gehen”

Einige typische Sätze: „Da Sie positiv getestet wurden, müssen Sie und alle, die in Ihrem Haushalt leben, sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben.“ – „Sie dürfen weder raus noch zum Einkaufen gehen.“ – „Nein, Sie dürfen auch nicht mit dem Hund Gassi gehen.“

Und dann, das eigentlich Schwierige: Mit wem der- oder diejenige denn in den letzten Tagen zusammen war, für mehr als 15 Minuten, dem kritischen Wert? Bei der Arbeit vielleicht? Private Treffen? Nachbarn? Oft ist Nachverfolgung so etwas wie ein gemeinsames Einkreisen. Und wenn sie dann eine Kontaktperson ausfindig gemacht haben, dürfen sie den Namen des Infizierten nicht nennen. Datenschutz. „Wen haben Sie denn in den letzten Tagen getroffen?“, so müssen die Gespräche dann beginnen.

„Manchmal dauert die Nachverfolgung eines Kontakts einen halben Tag“, sagt Katrin Schäfer. „Manchmal länger.“

Die Zweifel werden größer

Jessica Treek sagt, in den vergangenen Tagen gäbe es verstärkt andere Dialoge. „Aber wenn die Fußballer jetzt sogar wieder spielen dürfen …“ So beginnen jetzt manche Gespräche. Oder: „Ich war zwei Monate in einem einsamen Gebiet in Schweden. Und ich soll dennoch in Quarantäne?“ Die Zweifel werden größer. Auch das spüren sie.

Das Corona-Kabinett hat einmal vorgegeben, wieviel Personal es für die Nachverfolgung in den Ämtern braucht: Man kam auf ein Team à fünf Personen pro 20000 Einwohner. „Für Bielefeld wären das 85 Mitarbeiter“, sagt die stellvertretende Amtsleiterin. So viele waren es hier selbst zu Spitzenzeiten nicht.

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © Thorsten Fuchs/RND

Ist eine Grenzwert von 50 Neuinfektionen also nicht viel zu hoch gegriffen? Könnten Gesundheitsämter bei so vielen Fällen ihr schwieriges Geschäft so noch betreiben?

“Das ist nicht zu schaffen”

Ute Teichert, die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, hat dazu eine klare Meinung: „Wie die Gesundheitsämter damit klarkommen sollen, ist mir ein Rätsel. Das ist nicht zu schaffen“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Ina-Marei Strate-Schneider vom Gesundheitsamt, eine offenbar grundzuversichtliche Frau, sagt, sie hätten inzwischen so viele Kollegen aus anderen Abteilungen geschult, sie sei guten Mutes. Aber sie sagt auch: „Ich würde jedenfalls jederzeit mein Allermöglichstes dafür tun, dass es soweit bitte nicht kommt."

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