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RKI-Chef Wieler im Interview: „Die Ausbrüche bei Omikron sind beeindruckend“

  • Der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, stand in dieser Woche im Kreuzfeuer der Kritik.
  • Im Interview mit dem RND bleibt Deutschlands oberster Seuchenschützer bei seiner Forderung nach sofortigen Kontaktbeschränkungen.
  • Er mahnt: „Die Pandemie wird von uns Menschen getrieben.“
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Herr Wieler, seit fast zwei Jahren ist das Land im Würgegriff der Pandemie. Wann werden wir endlich wieder frei sein?

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Pandemie vorbei ist, wenn alle Menschen eine Immunität entwickelt haben, sei es durch eine Erkrankung oder durch eine Impfung. Dann wird Corona eine Krankheit, die zwar weiterhin regelmäßig auftritt und an der weiterhin auch Menschen sterben werden. Aber es wird nicht mehr diese heftigen Wellen geben. Das nennen wir endemischen Zustand. Wann genau der erreicht wird, weiß heute niemand.

Die Spanische Grippe hat knapp zwei Jahre gedauert. Warum hält diese Pandemie länger an?

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Wir leben in einer völlig anderen Welt. Die Bevölkerungszahl ist viel höher, ebenso die Mobilität. Außerdem hat sich die Altersstruktur der Bevölkerung geändert. Es gibt viel mehr ältere Menschen, die stärker von der Pandemie betroffen sind. Vergessen dürfen wir auch nicht, dass unsere Gesundheitssysteme viel besser sind und wir uns so gut wie möglich schützen, sodass die Wellen letztlich verlängert werden. Damals ist das Virus viel schneller durch die Bevölkerung gerauscht, aber die Auswirkungen waren eben auch verheerender.

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Müssen wir uns daran gewöhnen, dass man sich alle paar Monate impfen lassen muss, um sich vor immer neuen Mutanten des Coronavirus zu schützen?

Bei einem Erreger wie den Coronaviren müssen wir immer mit Mutationen rechnen. Inwieweit diese dann aber relevant sind für das Impfprogramm, hängt davon ab, wie gut der Schutz früherer Infektionen beziehungsweise Impfungen noch wirkt und wie sich der mutierte Erreger durchsetzt. Wenn aber der endemische Zustand erreicht ist, dann wird es vermutlich sein wie heute bei der Grippe: In erster Linie Risikopatienten, also zum Beispiel Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen oder Schwangere, müssen sich dann regelmäßig boostern lassen. Wann das genau sein wird und wie regelmäßig man sich dann boostern lassen muss, kann heute keiner sagen.

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Wo liegt aktuell die größte Herausforderung, um die Pandemie zu besiegen?

Wir dürfen nicht vergessen: Die Pandemie wird von uns Menschen getrieben. Wir müssen es daher schaffen, erneut die Kontakte zu reduzieren. Das ist der entscheidende Schlüssel. Aber es wird sehr schwer. Denn es dürfte wohl niemanden geben, der nicht erschöpft ist von der Pandemie. Und wir haben nach wie vor eine kleine Gruppe von Menschen, die Corona schlicht leugnet, und immerhin noch elf Millionen Erwachsene, die sich noch nicht haben impfen lassen, obwohl sichere und wirksame Impfstoffe seit spätestens Mitte 2021 in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Das zusammen macht die Aufgabe nicht leichter.

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Omikron-Studie: Risiko von schweren Verläufen 20 bis 25 Prozent geringer
1:38 min
Nach einer Studie des Londoner Imperial College ist das Risiko eines Krankenhausaufenthaltes bei Omikron geringer als nach einer Infektion mit Delta.  © Reuters

Die Omikron-Welle rollt. Wissen wir inzwischen mehr darüber, wie gefährlich sie wirklich ist – kann es sein, dass sich das Virus zwar schneller verbreitet, aber nur leichtere Erkrankungen verursacht?

Die Möglichkeit besteht. Wir haben aber noch nicht genügend Informationen, um das wirklich abschließend sagen zu können. Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass die Krankheitsverläufe schwerer sind. Es gibt aber aktuell auch keine überzeugenden Hinweise darauf, dass sie leichter sind als bei der Delta-Variante. Ich erwarte, dass es in den kommenden Wochen eine valide Einschätzung geben wird. Aber selbst wenn es so wäre: Omikron ist extrem ansteckend und kann dem Immunsystem leichter entkommen. Wir haben auch noch sehr viele ungeimpfte Erwachsene und viele Kinder, die entweder noch nicht geimpft sind oder aufgrund ihres zu jungen Alters nicht geimpft werden können. Wenn es nicht gelingt, die Dynamik der Omikron-Welle zu bremsen, muss aufgrund der in kurzer Zeit zu erwartenden hohen Erkrankungszahlen mit einer Überlastung des Gesundheitssystems und einer Beeinträchtigung kritischer Versorgungsstrukturen gerechnet werden. Wenn viele Mitarbeitende zur gleichen Zeit erkranken oder als enge Kontaktpersonen in Quarantäne müssen, fehlen sie bei der Arbeit.

Wann wird Omikron in Deutschland zur vorherrschenden Virusvariante?

Je nachdem, wie wir uns verhalten, wird sich das Virus schneller oder weniger schnell ausbreiten. Es kann sein, dass Ende des Jahres bereits die Hälfte aller Neuinfektionen auf die Omikron-Variante zurückgehen. Es kann aber auch bis in die erste, zweite oder gar dritte Januarwoche dauern.

Ist zu befürchten, dass Omikron Deutschland wegen der niedrigen Impfquote härter treffen wird als andere Länder?

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Erst einmal möchte ich klarstellen, dass wir im europäischen Vergleich gar nicht so schlecht liegen mit unseren Impfquoten, in einem ähnlichen Bereich wie zum Beispiel Frankreich, Italien oder Spanien. In Bezug auf die Auffrischungsimpfung liegen wir sogar deutlich über dem Durchschnitt: Bereits 40 Prozent der Erwachsenen haben mit Stand heute die für die Omikron-Variante wichtige dritte Impfstoffdosis erhalten. Das reicht aber nicht, und die hohe Zahl ungeimpfter Menschen bereitet uns – wie auch anderen europäischen Ländern – Sorgen. Wie hart uns Omikron trifft, hängt aber auch vom Verhalten der Menschen ab. Wenn über die Feiertage die Kontakte reduziert und gleichzeitig das Impfen und Boostern auf einem hohen Niveau gehalten werden, dann können wir die Krankheitslast durch Omikron deutlich senken.

Wenn es um Kontaktbeschränkungen geht, haben alle von sich behauptet, nicht die Pandemietreiber zu sein – von Konzertveranstaltern bis zur Bahn und von Hoteliers bis zum Einzelhandel. Umgekehrt gefragt: Welche Schutzmaßnahmen sind wo besonders wirkungsvoll?

Je mehr Menschen in einem Raum sind und je länger der Kontakt dauert, desto größer ist die Gefahr, dass sich eine Infektion ausbreitet. Deshalb gibt es definierte Hotspots. Das sind Veranstaltungen, bei denen intensiv gefeiert wird – wie Clubs und Diskotheken, aber auch große private Feste wie Hochzeiten. Die Ausbrüche bei Omikron sind beeindruckend. Sehr viele Menschen, die sich mit einem Infizierten in einem Raum befinden, können sich anstecken. Sehr viele werden auch krank. Das ist eine andere Dimension, als wir sie von Delta kennen. Und auch Geimpfte, bei denen die Impfung länger her ist, können erkranken und zur Virusübertragung beitragen. Die Impfung schützt aber nach allem, was wir wissen, weiterhin sehr gut vor schweren Verläufen.

Da sind wir schnell beim Thema Schule, wo ja auch immer viele Menschen für lange Zeit in einem Raum sitzen. In vielen Bundesländern enden die Ferien am 3. Januar. Halten Sie das für richtig?

Grundsätzlich gilt: Masken sind für den Schutz vor dem Virus zentral. Damit schützt man sich und andere – aber nur, wenn alle Masken tragen, und zwar korrekt. Damit sowie durch Lüftungs- und Testkonzepte können wir die Infektionsgefahr in den Schulen reduzieren. Das gelingt aber auch nur, wenn die Inzidenz in der Gesamtbevölkerung nicht zu hoch ist.

Bund und Länder haben sich kurz vor Weihnachten auf neue Schutzmaßnahmen geeinigt. Reichen diese aus, um die vierte Welle einzudämmen und die Verbreitung von Omikron abzubremsen?

Unsere Empfehlung war, die Kontaktbeschränkungen schnell in Kraft zu setzen. Auch der Expertenrat hatte das empfohlen. Aber es ist eine Entscheidung der Politik.

Noch ist offen, ob und wie die Impfpflicht in Deutschland ausgestaltet wird. Was wäre aus Ihrer Sicht sinnvoll: Allgemein für alle Erwachsenen? Oder erst ab einem bestimmten Alter?

Grundsätzlich bin ich kein Freund der Impfpflicht. Man kann auch nicht annehmen, dass sich dann auch jeder impfen lässt. Was aber auch klar ist: Die weiterhin hohe Anzahl an ungeimpften Erwachsenen ist ein Problem. Diese tragen zu einer Überlastung des Gesundheitssystems in erheblichem Maße bei, und durch kontaktreduzierende Maßnahmen werden diese nicht auf natürliche Weise immun, sondern wir verschieben nur das Problem und damit das Ende der Pandemie. Man muss abwarten, wie die Debatte sich entwickelt

Ist ein Impfregister aus Ihrer Sicht notwendig?

Natürlich müsste man im Falle einer Impfpflicht wissen, wer schon geimpft ist und wer nicht. Die Möglichkeiten für eine Umsetzung sollten Teil der Debatte sein.

Könnte der neu zugelassene Totimpfstoff Novavax ein Gamechanger beim Impfen sein?

Die uns bislang vorliegenden Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs sind vielversprechend. Es werden sich sicherlich Menschen impfen lassen, für die die neuartigen Impfstoffe bisher nicht infrage kamen. Ob es den entscheidenden Schub bringt, muss abgewartet werden.

Wie erklären Sie sich die niedrige Impfquote im Land der Biontech-Erfinder – liegt es an unserer Mentalität, oder sind Fehler in der Kommunikation über den Impfstoff gemacht worden?

In einer pluralistischen Gesellschaft äußern sich auch sehr viele Akteure zu sehr vielen Aspekten. Manche Details haben die Menschen teilweise auch verunsichert. Bei anderen Impfstoffen ist etwa kaum über Effektivitäten diskutiert worden. Der generelle Nutzen von Impfungen ist damit teilweise zerredet worden. Problematisch ist natürlich auch, dass sich nicht wenige Bürgerinnen und Bürger in den sozialen Medien mit ihren Echokammern sehr einseitig informieren. Wenn man sich die Impfquoten im europäischen Vergleich ansieht, liegen wir auch über dem europäischen Durchschnitt, bei der Auffrischungsimpfung sogar mit ganz vorne.

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Omikron: Israel plant vierte Impfung für über 60-Jährige
1:14 min
Wegen der rasanten Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus sollen in Israel Personen über 60 Jahre eine vierte Impfdosis bekommen.  © Reuters

Die Ständige Impfkommission arbeitet ehrenamtlich, was außerhalb der Pandemie gut funktioniert hat. Muss die Stiko zu einer Einrichtung mit hauptamtlichen Mitarbeitern ausgebaut werden?

In fast allen Ländern sind Impfkommissionen mit Ehrenamtlern besetzt, und das ist auch gut so. Denn nur so haben die Fachleute eine maximale Unabhängigkeit, und wir können die besten Fachleute aus ganz Deutschland versammeln. Die Kommission wird bei der Aufarbeitung der wissenschaftlichen Daten und Analysen durch eine am RKI angesiedelte Geschäftsstelle unterstützt. Hier werden – in engem Austausch mit der Stiko – sämtliche wissenschaftlichen Publikationen zu Impfstoffen analysiert, Daten aus dem Meldesystem ausgewertet und Modellberechnungen angefertigt. Diese Analysen werden den Stiko-Mitgliedern vorgestellt und in wissenschaftlichen Hintergrundpapieren zusammengefasst. Damit haben wir ja eigentlich schon hauptamtliche Mitarbeiter, die Spezialisten sind in der systematischen Aufarbeitung und Bewertung der Evidenz. Die Mitglieder der Stiko müssen diese Daten dann bewerten und in eine Empfehlung übersetzen. Jedoch müsste die Ausstattung der Geschäftsstelle besser sein.

Heißt das, dass wir manche Entscheidung zu Corona-Impfstoffen schneller hätten bekommen können, wenn die Geschäftsstelle der Stiko besser ausgestattet gewesen wäre?

Nein. Die Stiko gehörte bei vielen Entscheidungen europaweit zu den ersten. Der Punkt aber ist, dass eine Kompensation durch Überstunden und Wissenschaftler, die sonst andere Aufgaben haben, nicht auf Dauer machbar ist. Es liegen auch noch andere Aufträge bei der Stiko jenseits von Corona. Die konnten in den vergangenen Monaten nicht oder nur in sehr geringem Umfang bearbeitet werden. Dieser Engpass und auch die zukünftigen Aufgaben im wachsenden und eher komplexer werdenden Impfbereich ist nur mit mehr Ressourcen zu lösen.

Sie sind Tierarzt und Mikrobiologe und mussten in den vergangenen zwei Jahren auch Krisenmanager, Regierungsberater, Kommunikator und – wenn wir das so formulieren dürfen – Influencer sein. Hat Sie diese gewaltige Aufgabe persönlich verändert?

Ich habe dazugelernt. Die Arbeit ist ein bisschen anstrengender als vor zwei Jahren, aber ich mache sie weiter nach bestem Wissen und Gewissen.

Wir finden, Sie sind in Ihren öffentlichen Auftritten emotionaler geworden. Was ist da passiert?

Ich stelle die Informationen und die Daten mehr in den Zusammenhang als zu Beginn der Pandemie und wähle dazu auch ganz bewusst mehr Bilder und prägnante Formulierungen. Mir ist klar geworden, dass Informationen nicht so stark verfangen, wenn man sie nur nüchtern und rational vorträgt. Meine Stärke bleibt aber die sachliche Darstellung.

Gab oder gibt es bei Ihnen Momente der Verzweiflung in der Pandemie?

Nein. Verzweifelt bin ich nicht, das war ich auch nie. Dafür bin ich ein zu optimistischer Mensch. Und der Optimismus ist auch berechtigt. Die Mehrheit unserer Bevölkerung übernimmt Verantwortung. Die Mehrheit lässt sich impfen. Die Mehrheit ist solidarisch.

Sie haben sich selbst als Papagei bezeichnet, der immer wieder das Gleiche sagt. Sind Sie bereit, das bis zum Ende der Pandemie weiter zu tun?

Ja, klar. Ich werde die Fakten immer wieder wiederholen, solange das notwendig ist.

Und das werden Sie weiter im Amt des RKI-Präsidenten tun?

Ja. Ich habe keine anderen Pläne.

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