• Startseite
  • Politik
  • Riesige Jacob Blake-Protestwelle: Sechs NBA-Teams boykottieren Spiele

Eine riesige Welle des Protests in neuer historischer Dimension

  • Wenn Sportler protestieren, werden sie häufig allein gelassen. Der Football-Spieler Colin Kaepernick, der vor vier Jahren öffentlich während der US-Nationalhymne gegen den Rassismus in seinem Land demonstrierte, ist ein berühmtes Beispiel.
  • Aber nun scheint sich grundlegend etwas zu ändern. Sechs NBA-Mannschaften haben gestern aus Protest gegen die Schüsse auf Jacob Blake ihre Spiele boykottiert.
  • Zahlreiche Akteure aus anderen Sportarten schlossen sich an. Damit entsteht gerade eine neue riesige Protestwelle im US-Sport in einer neuen historischen Dimension.
|
Anzeige
Anzeige

Sportler sind nicht unbedingt als politisch widerspenstige Wesen bekannt. Zu sehr sind sie von Sponsoren, Landesverbänden, Nationalmannschaften und anderen Strukturen abhängig. Aber vollends fremd ist Protest Sportlern auch nicht. Immer wieder in der jüngeren Geschichte wählten unter anderem Leichtathleten, Boxer, Footballer und Basketballer die große Bühne, um Nein zu sagen. Nein zu Rassismus, nein zu ungerechten Verhältnissen, nein zum Krieg.

Aber wer diesen Schritt wagte, spürt in der Regel schnell den eisigen Wind, der ihm daraufhin entgegenwehte. Ein Wind, der Sportexistenzen zerstören kann. Insofern ist das, was Mittwochabend nach dem Spielboykott des NBA-Basketball-Teams der Milwaukee Bucks geschah, eine historisch sensationell neue Entwicklung.

Vor genau vier Jahren blieb der NFL-Football-Spieler Colin Kaepernick während der obligatorischen Nationalhymne sitzen – aus Protest gegen den nicht aufhörenden Rassismus in den USA. Bei den folgenden Spielen kniete er nieder. Während der Nationalhymne, die vor jedem American-Football-Spiel gesungen wird, nicht aufzustehen, ist in den USA ein Sakrileg: Hymne und Flagge sind Nationalheiligtümer. “Ich will darauf aufmerksam machen, was in diesem Land passiert. Hier geschehen viele ungerechte Dinge. Und niemand muss dafür geradestehen. Das muss sich ändern”, sagte Kaepernick nach seiner ersten Aktion. Mit schwerwiegenden Folgen: Am Ende der Saison war der Quarterback arbeitslos – und ist es bis heute.

Auch den beiden Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos wehte nach ihrer Protestaktion bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City sofort starker Gegenwind entgegen. Die beiden 400-Meter-Läufer hatten bei der Siegerehrung ihre Faust in den mexikanischen Himmel gereckt. Es war eine Solidaritätsbekundung mit der “Black Power”-Bewegung und dadurch mit der Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung der Schwarzen in den USA. Das IOC schmiss die beiden Athleten daraufhin aus dem olympischen Dorf, ihre Karrieren im Spitzensport waren beendet.

Anzeige
Protest 1968: Die US-Athleten Tommie Smith (M.) und John Carlos schauen nach unten, während sie während der Wiedergabe der US-Nationalhymne bei der Siegerehrung bei den Olympischen Sommerspielen die Fäuste nach oben strecken, links der australische Silbermedaillengewinner Peter Norman. © Quelle: Anonymous/AP/dpa

Es gibt weitere Beispiele: Als Muhammad Ali aus religiösen Gründen 1967 den Wehrdienst verweigerte, dauerte es mehr als drei Jahre, bis er wieder boxen durfte und seine Haftstrafe auf Bewährung aufgehoben wurde. Aber man muss gar nicht so weit zurückgehen: Daryl Morey, Manager der NBA-Basketball-Mannschaft Houston Rockets, twitterte vor gut einem Jahr seine Solidarität mit der Protestbewegung in Hongkong. Augenblicklich distanzierte sich die NBA-Führung – bibbernd an ihre guten Geschäfte mit China denkend – von Morey. Die Liste von Sportlern und Sportfunktionären, die nach ihrem Protest oder ihren politischen Äußerungen allein dastanden, ist lang. Noch länger allerdings ist die Liste der Sportler, die in schwierigen politischen Situationen geschwiegen haben. Hier sei nur an die deutsche Fußballnationalmannschaft im diktatorischen Argentinien bei der WM 1978 erinnert oder an die fehlenden kritischen Worte der beiden Vereine Paris St. Germain und Bayern München vor ein paar Tagen beim Champions-League-Finale in Richtung des die Menschenrechte verachtenden Staates und Sponsors Katar.

Anzeige

Dem Boykott der Bucks folgt eine große Solidaritätswelle

Gestern aber äußerten nicht vereinzelt Sportler einsam ihren Protest, sondern sie fielen in ein warmes Bett der Solidarität. Es begann, als die Basketballer der Milwaukee Bucks sich weigerten, die Halle zu ihrem fünften Play-off-Spiel gegen ihren Gegner Orlando Magic zu betreten. Stattdessen traten sie mit einem Statement vor die Kameras. Anlass für ihren Streik sind die Schüsse eines Polizisten, die am vergangenen Sonntag den 29-jährigen Afroamerikaner Jacob Blake bei einer Kontrolle siebenmal in den Rücken trafen. Blake, Vater von vier Kindern, wird nach jetzigen Erkenntnissen von der Hüfte abwärts gelähmt bleiben. Ein Teil seiner Kinder hatte die schreckliche Tat unmittelbar miterlebt. Der Tatort Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin ist nur eine knappe Stunde entfernt von Milwaukee.

Die Bucks um Superstar Giannis Antetokounmpo sagten in ihrem Statement: “Trotz der überwältigenden Plädoyers für Veränderungen hat es keine Handlungen gegeben. Unsere Konzentration kann deswegen heute nicht dem Basketball gelten.” Wenn man auf den Platz gehe und Milwaukee sowie Wisconsin repräsentiere, werde von ihnen als Spieler erwartet, dass sie das Maximum geben und rechenschaftspflichtig sind. Dasselbe fordern sie, “von unseren Gesetzgebern und der Strafverfolgung”.

Der Boykott der Bucks war der Schneeball, der eine Lawine auslöste. Bucks’ Gegner Orlando Magic sowie die Teams der anderen zwei Spiele, die gestern stattfinden sollten, weigerten sich zu spielen. Die NBA verschob daraufhin die Play-offs von gestern. Wie es weitergeht, ist bislang unklar. Selbst ein Abbruch der Saison scheint nicht ausgeschlossen zu sein. Die beiden Clubs aus Los Angeles, die Lakers und die Clippers, drängten am späten Donnerstagnachmittag auf einen Abbruch der Saison.

Tennisstar Naomi Osaka verzichtet auf ihr Halbfinale

Anzeige

Aber der Protest der Sportler blieb nicht auf den Basketball beschränkt. Auch Teams aus der amerikanischen Baseballliga MLB schlossen sich an. Das ist insofern bemerkenswert, als die Liga – zumindest was die Zuschauer angeht – als traditionell weiß und konservativ gilt. Auch die Basketballerinnen der WNBA sagten gestern alle Spiele ab. Bei den US-Fußballern fanden fünf von sechs Spielen nicht statt. Und Tennisstar Naomi Osaka verzichtete bei der US-Open-Generalprobe in New York auf ihr Halbfinale. Auf Twitter schrieb sie: “Noch bevor ich eine Athletin bin, bin ich eine schwarze Frau.” Sie wolle nicht die immer gleiche Debatte führen. “Wann ist es endlich genug?”, fragt sie.

Bereits einen Tag vor der Boykottwelle am Mittwoch hatte der Coach der LA Clippers in einer emotionalen Rede den momentan stattfindenden Parteitag der Republikaner aufgegriffen. Trump, so sagte Doc Rivers, rede immer von Angst, die seine Wähler haben müssen, etwa wenn die Demokraten in die Regierung gewählt werden. “Aber wir sind es doch, die getötet werden. Wir sind es, die niedergeschossen werden.” Und mit tränenerstickter Stimme sprach er von der Liebe zu seinem Land, die das Land nicht erwidere.

Dass sportliche Ligen und Verbände die Sportler unterstützen oder zumindest bislang nicht für ihren Protest und Boykott bestrafen, ist neu. Wie mächtig eine Liga wie die NBA sein kann, zeigt eine Zahl: 2019 haben die Klubs der NBA einen Umsatz von rund 8 Milliarden Euro verbucht. Dass Teile dieser Umsätze trotz der durch Corona sowieso schon gebeutelten Finanzen der Klubs nun durch die Proteste aufs Spiel gesetzt werden, zeigt, wie ernst es Klubs und Spielern zurzeit ist.

LeBron James twittert: “Schnauze voll”

Zudem hat die NBA einen riesigen Einfluss. Ihre Spiele werden in mehr als 190 Ländern weltweit übertragen. Gestern war dort der Protest der Sportler zu sehen – oder eben gar nichts. Zudem strahlt der US-Basketball über die Sporthallen hinaus in die Welt der Popkultur, der Mode sowie des Konsums und damit in die Wirtschaft. Was in der NBA geschieht, wird wahrgenommen. Und wenn ein Star wie Lakers-Spieler LeBron James mehr als eindeutig in Großbuchstaben twittert: “WIR FORDERN EINE VERÄNDERUNG. SCHNAUZE VOLL.”, dann haben diese Worte Gewicht. Wie viele Jugendliche und auch Erwachsene werden ihren Stars nun nacheifern oder zumindest über die Situation von Afroamerikanern in ihrem Land intensiver als bislang nachdenken? Bis Donnerstagmittag hatten mehr als 1,1 Millionen Menschen diesen Tweet geliked.

Anzeige

Wie lange die NBA und weitere Teile der amerikanischen Sportwelt nun ihren Boykott fortführen, werden die kommenden Tage zeigen. Die Nachricht aber sollte angekommen sein: Der Sport in den USA geht in diesen Stunden nicht einfach zur Tagesordnung über. Zum ersten Mal gehen die Spiele nicht einfach weiter. Das ist das Historische dieses 26. August 2020 – auf den Tag genau vier Jahre, nachdem Colin Kaepernick unter Buhrufen der Zuschauer zur Nationalhymne nicht aufstehen wollte.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen