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Ricarda Lang will Grünen-Chefin werden: „Wir sind nicht die besseren Menschen“

  • Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, bewirbt sich jetzt um den Parteivorsitz.
  • Die 27-Jährige geht davon aus, dass es künftig mehrere Machtzentren in der Partei geben wird.
  • Auf Dauer sieht sie die Grünen als führende progressive Kraft im Land.
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Frau Lang, seit einiger Zeit wird gemutmaßt, dass Sie Vorsitzende der Grünen werden wollen. Wollen Sie?

Ja. Die Grünen wurden gegründet, um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten, und zwar über Generationen hinweg. Dabei hat die Partei bald gelernt, dass das besser gelingt, wenn man mit am Tisch sitzt, statt vor der Tür zu stehen. In den letzten Jahren haben wir daran gearbeitet, die Partei zu öffnen und Politik für die ganze Gesellschaft zu machen. Jetzt gilt es, darauf aufzubauen. Es geht darum, wie wir uns in der Regierung neu erfinden, wie wir noch mehr Menschen erreichen, wie wir 125.000 Mitglieder organisieren und die sozial-ökologische Transformation tatsächlich schaffen. Dafür habe ich viele Ideen und möchte meine Erfahrung aus den vergangenen Jahren einbringen. Deshalb kandidiere ich als Parteivorsitzende.

Wie wollen Sie als mögliche neue Parteichefin die Fäden zusammenhalten, dass die Grünen sich in Regierungsverantwortung nicht auseinanderdividieren?

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Wichtig ist, dass wir das Regierungshandeln in die Partei kommunizieren und zugleich die Lebensrealität und die Erwartungen der Menschen in den Regierungsalltag tragen. Das sollte die Parteiführung nicht aus einer Schiedsrichterposition vom Spielfeldrand tun, sondern als Mitspieler. Ich möchte die Umsetzung des Koalitionsvertrages unterstützen und gleichzeitig über den Regierungsalltag hinausdenken und das Profil der Grünen weiter schärfen. Die Grünen sind noch nicht am Ziel angekommen, die führende progressive Kraft in diesem Land zu werden. Ich möchte, dass wir diesen Anspruch ausfüllen können.

Das heißt, Sie wollen die SPD bei der Bundestagswahl 2025 überholen?

Unser Fokus gilt den kommenden vier Jahren. Dafür sind wir gewählt worden. Aber natürlich soll zukünftig auch noch mehr drin sein. Es wird Aufgabe des neuen Bundesvorstandes sein, das, was möglich ist, auch zu realisieren.

Im Interview mit den RND-Korrespondenten Eva Quadbeck und Markus Decker: Ricarda Lang, bislang Stellvertretende Bundesvorsitzende und Frauenpolitische Sprecherin von Buendnis 90/Die Grünen. © Quelle: Janine Schmitz/photothek.de
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Das Machtzentrum der Partei wird mit Robert Habeck und Annalena Baerbock aber schon in der Regierung sitzen.

Es wird in Zukunft nicht das eine Machtzentrum in der Partei geben. Das würde unseren 125.000 Mitgliedern auch gar nicht gerecht werden. Es wird unterschiedliche Rollen und damit auch verschiedene Machtzentren geben. Das Wichtige ist, dass wir eng zusammenarbeiten, um unseren Auftrag einer sozial-ökologischen Wende zu erfüllen.

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Mit welchen Themen wollen Sie die Grünen weiterentwickeln?

Ich stehe für Gerechtigkeit. Dass ich in der vergangenen Woche im Bundestag den Kanzler wählen konnte, dieser Weg war für mich nicht vorgezeichnet. Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die in einem Frauenhaus gearbeitet hat. Ich habe erlebt, wie sie um alles kämpfen musste. Ich bin auch dafür angetreten, dass es Menschen wie meine Mutter in Zukunft leichter haben. Ein Klischee sagt: Grün muss man sich leisten können. Meine Familiengeschichte ist ein Beleg fürs Gegenteil. Ich möchte die glaubwürdige Stimme sein, dass wir gerecht für alle Politik machen.

Wo sehen Sie Ihre persönlichen Fähigkeiten, die Grünen zu führen?

Ich kenne die Partei auf allen Ebenen und mit all ihren Facetten – von der Bundeszentrale bis zum kleinen Ortsverband auf dem Land, wo man mit einer Handvoll Menschen einen ganzen Wahlkampf stemmt. Ich kann Menschen begeistern und bin bereit, dazuzulernen. Mir ist es wichtig, über eingestaubte Feindbilder und Parteigrenzen hinweg an guten Lösungen zu arbeiten. Aber ich stehe auch für Klarheit und Leidenschaft in der Sache. Man könnte sagen, allen ein Angebot zu machen, aber nicht allen gefallen zu müssen.

Sie haben in Ihrer offensiven Art auch schon viel Gegenwind erlebt. Haben die Anwürfe Sie verändert?

Mit Gegenwind habe ich überhaupt kein Problem, solange er nicht in Hass und Hetze umschlägt. Das bringe ich mit meinem Team zur Anzeige, und sonst beschäftige ich mich nicht damit. So halte ich es auch in Interviews, weil ich über meine Ideen und meine Ziele für die Gesellschaft statt über Drohungen und Beleidigungen sprechen möchte.

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Das Hauptthema der Grünen ist der Klimaschutz. Wie lösen Sie das Dilemma auf, dass – je erfolgreicher sie sind – sie als Partei umso weniger wichtig werden?

Klimaschutz ist zu wichtig, um ihn zum Spezialthema einer Partei zu machen. Aber von dem Dilemma, das Sie beschreiben, kann ich – man muss fast sagen „leider“ – wenig spüren. Bei den Koalitionsverhandlungen mussten wir um jeden Fortschritt beim Klimaschutz ringen. Für Politik auf der Höhe der Wirklichkeit, die Klimaschutz als existenzielle Menschheitsaufgabe versteht, braucht es starke Grüne deshalb dringender denn je.

Sehen Sie als mögliche nächste Grünen-Chefin auch Ihren Job darin, der Regierung auf die Füße zu treten?

Wir werden eine eigenständige Rolle gegenüber der Regierung einnehmen. Da geht‘s nicht darum, jemandem auf die Füße zu treten. Mit der Rolle des Nörglers kann ich nicht viel anfangen. Ich will, dass die Partei selbst einen Anteil hat am gelingenden Klimaschutz und noch mehr Menschen davon überzeugt.

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Eine Partei führen heißt schon, den Mut zu haben, klare Ansagen zu machen.

Den Mut habe ich.

Trauen Sie SPD und FDP über den Weg, dass sie die Klima-, Energie- und Verkehrswende wirklich wollen?

Ich traue ihnen zu, dass wir gemeinsam den Koalitionsvertrag umsetzen werden. Wir Grünen werden immer wieder klarmachen, dass es beim Klimaschutz keine Trippelschritte mehr geben kann. Ich möchte aber auch sagen: Das Pariser Klimaabkommen und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz richten sich nicht allein an die Grünen. Das ist Aufgabe aller politischen Verantwortungsträger. Dieses Bewusstsein ist noch nicht überall gleich stark ausgeprägt. Die Menschen erwarten viel von uns, aber sie werden auch unsere Koalitionspartner an jeder eingesparten Tonne CO₂ messen. Wir tun das genau so.

Die nächste große Entscheidung ist, ob Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsident wiedergewählt wird – oder jemand anderes das Amt bekommt. Die Union sagt, es müsse diesmal eine Frau werden. Das haben die Grünen auch immer gesagt; außerdem wurde Katrin Göring-Eckardt lange als Kandidatin gehandelt. Wollen Sie eine Frau?

Ich finde es bemerkenswert, dass der Union das Thema Frauenförderung ausgerechnet jetzt einfällt, wo sie in der Opposition gelandet ist. Die Regierung ist nicht mal eine Woche im Amt, jetzt muss sie erst mal voll an Fahrt aufnehmen.

Sie sagen aber nicht, dass die Grünen Herrn Steinmeier auf jeden Fall wieder unterstützen werden.

Wir klären die Frage zur gegebenen Zeit.

Wann wird sie beantwortet und von wem?

Wie gesagt, zu gegebener Zeit, nachdem wir sie wie üblich gemeinsam in der Partei – und mit unseren Koalitionspartnern – besprochen haben.

Die aktuellen Entscheidungsträger Annalena Baerbock und Robert Habeck haben ja einen sehr partnerschaftlichen Führungsstil geprägt – bis es um die Macht, also die Kanzlerkandidatur, ging. Belastet es die Partei noch, dass das Vertrauensverhältnis nicht mehr so eng ist, wie es vorher war?

Annalena und Robert haben in den letzten vier Jahren ein unfassbar starkes Fundament an Vertrauen, an Teamgedanken und an einer politischen Idee, wie Ökologie im 21. Jahrhundert funktionieren kann, aufgebaut. Ein starkes Fundament beweist sich dann, wenn es mal ruckelt – ob es dann zerbricht oder weiter besteht. Und das Fundament besteht.

Wen rufen Sie an, wenn es kniffelig wird – Herrn Habeck oder Frau Baerbock?

Beide. Wir machen eine Telefonschalte.

Die Grünen werden auch künftig von einer Doppelspitze geführt. Haben Sie da einen Wunschpartner?

Es gibt ja schon eine Kandidatur von Omid Nouripour. Und ich kann mir das mit ihm sehr gut vorstellen.

In welchem Stil?

Als ich vor Jahren zur Vorsitzenden der Grünen Jugend gewählt wurde, war Omid einer der Ersten, der sich bei mir gemeldet hat. Das Verhältnis zwischen Partei und Jugendorganisation war damals ein wenig angespannt. Er sagte: Habt Ihr nicht einfach mal Lust, in die Arbeitsgruppe Außenpolitik zu kommen. Wir haben dann die Konflikte auf den Tisch gelegt und uns kennengelernt. Genau das kann auch unser gemeinsamer Führungsstil sein: ehrlich und kooperativ – immer entlang der Frage: Was wollen wir gemeinsam erreichen?

Nun sind die Grünen ja bei der Frage nach den Ministerposten wieder mehr in das Lagerdenken verfallen, als das in der Opposition der Fall war.

Wir waren 16 Jahre lang in der Opposition und hatten mehr gute Leute als freie Positionen. Deshalb waren die Entscheidungen schwierig. Aber entscheidend ist, ob man sich danach noch respektvoll in die Augen schauen kann. Das können wir.

Bei der Auseinandersetzung hat man gesehen, dass der linke Flügel nicht geeint war. Ist das jetzt Ihre Aufgabe?

Man ist immer Vorsitzende für die gesamte Partei, nicht für einen Teil. Meine Aufgabe im Fall meiner Wahl ist es, die ganze Partei zusammenzuhalten.

Wie erklären Sie denn Außenstehenden, dass die Grünen, die ja immer irgendwie auch die Welt retten wollen, am besten solidarisch, bei der Vergabe von Posten ihre Ellbogen ausfahren und vor allem gucken, dass sie im Kabinett sind?

Indem ich sage, dass Politik manchmal ein kniffliger Job ist, bei dem es hart zugehen kann. Aber am Ende stehen die politischen Handlungsmöglichkeiten stets über persönlichen Interessen.

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Doch am Ende gibt’s bei den Grünen auch nicht weniger Egoisten als im Rest der Gesellschaft.

Wir sind nicht die besseren Menschen. Das sollte auch nicht unser Anspruch sein. Wir machen Politik für die Menschen in unserem Land. Das Ziel ist, das Leben dieser Menschen zu vereinfachen, zu verbessern, und nicht, sie zu erziehen. Und als Politiker ist man genauso Mensch wie jeder andere auch.

Rechnen Sie eigentlich noch mit Überraschungskandidaturen?

Es gibt viel positives Feedback auf meine Kandidatur. Aber wenn ich eines gelernt habe in den letzten Jahren, dann: In der Politik sollte man sich niemals zu sicher sein.

Sie sind mit Mitte 20 früh eingestiegen. Wollen Sie auch auf längere Frist Berufspolitikerin sein und irgendwann wie Wolfgang Schäuble 50 Jahre im Bundestag sitzen?

Ich habe mein Leben noch nicht bis zu meinen 70er-Jahren durchgeplant. Aber für mich ist Politik eher eine Aufgabe als ein Berufsbild.

Video
Die Koalitionsverhandlungen in Bildern
0:49 min
Dominik Butzmann begleitete die Koalitionsverhandlungen mit der Kamera und lieferte damit spannende Einblicke hinter die Kulissen.  © Dominik Butzmann/laif

Sind Sie sicher, dass Sie auf all das, was Sie jetzt haben – eine sehr ansehnliche Diät, mehrere Mitarbeiter und viel öffentliche Aufmerksamkeit – eines Tages auch wieder verzichten könnten?

Ja. Natürlich ist das ein Job, der den Alltag sehr verändert, und es wäre vermessen zu denken, dass das nichts mit einem macht. Aber ich glaube immer zu wissen, warum und für wen ich das tue. Mir hilft es zum Beispiel sehr, wenn ich nach langen Koalitionsverhandlungen meine Mutter anrufe und mit ihr spreche, um zu wissen: Tue ich das noch für die Sache? Oder tue ich es für mich selbst?

Würde Ihnen Ihre Mutter Bescheid sagen?

Ja, sie wäre die Erste.

Haben Sie eigentlich Vorbilder in der Politik?

Simone de Beauvoir ist ein Vorbild. Sie hat die Situation der Frauen in unserer Gesellschaft aufgebrochen – mit Scharfsinn, Leidenschaft und Humor. Sich den Humor beibehalten zu können, auch da, wo die Realität hart ist, das wäre mein Wunsch. Ich möchte niemals zynisch werden.

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