• Startseite
  • Politik
  • Reichsgründung vor 150 Jahren: Die Debatte ums Erbe geht wieder los

150 Jahre Kaiserproklamation: Das Reich und seine Bürger

  • Schwarz-Weiß-Rot, die Farben des Kaiserreichs, flattern wieder bei den Gegnern der heutigen Demokratie.
  • Und auch die ernsthafte Debatte über das Erbe des Kaiserreichs geht wieder los.
  • 150 Jahre nach der Ausrufung des preußischen Königs Wilhelm zum deutschen Kaiser ist das letzte Wort über ein schwieriges Erbe noch nicht gesprochen.
|
Anzeige
Anzeige

Versailles/Berlin/Großschönau. Eine Gruppe von etwa 30 Menschen, Gegner der Corona-Maßnahmen, stellt den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) vor seinem Wohnhaus. Es beginnt eine heftige Diskussion. Kretschmer bricht das Gespräch ab, als er bei einer Teilnehmerin eine Maske in Schwarz-Weiß-Rot entdeckt. Das sind die Farben des deutschen Kaiserreichs, vor 150 Jahren gegründet.

„Mit einer Reichsbürgermaske rennen Sie hier durch die Gegend und finden das gut?“, fragt der erboste Kretschmer. „Äh Reichsbürger?“, gibt die Frau zurück. „Hat nichts mit Nazi zu tun“, unterstützt sie ein Mann. Kretschmer dreht sich um und geht. „Bezieht sich aufs Kaiserreich. Haben Sie nicht aufgepasst in Geschichte?“ rufen die Demonstranten hinterher.

Video
Steinmeier zu Sturm auf Kapitol: "Hass und Hetze gefährden die Demokratie"
1:29 min
Angesichts der Ausschreitungen in Washington mahnte der Bundespräsident, im Wahljahr solle man sich besinnen, wie wichtig es sei, die Demokratie zu wahren.  © Reuters
Anzeige

Schwarz-Weiß-Rot ist in bestimmten Kreisen wieder in Mode – die Fahnen der 1918 hinweggefegten Monarchie wurden auf der Treppe des Reichstagsgebäudes geschwenkt und immer wieder bei Querdenker-Demos herumgetragen. „Hat nichts mit Nazi zu tun“, sagen die Träger, doch schon lange gilt Rechtsextremen die (erlaubte) Reichsflagge als Ersatzsymbol für verbotene Hakenkreuzfahnen. Und das Kaiserreich selbst gilt für Neonationalisten als ähnlich harmlos: Sie zählen die Errungenschaften auf, die rasante Modernisierung, den Wirtschaftsaufschwung, Bismarcks Sozialgesetze, die Politisierung eines großen Teils der Bevölkerung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier diskutierte jetzt mit Historikerinnen und Historikern über diese aggressiven neuen Fans des alten Reichs. Steinmeier rief den „Anblick von Reichskriegsflaggen auf den Stufen des Reichstagsgebäudes, die Bilder seiner versuchten Erstürmung vor wenigen Monaten“ ins Gedächtnis und bezieht sich ebenso auf den Sturm des Kapitols in Washington.

Diese Bilder „sollten uns vor Selbstgewissheit schützen“, meint er. „Die Demokratie braucht nicht nur selbstbewusste, sie braucht auch kluge und wehrhafte Verteidiger“, sagt er.

Anzeige

Aber was ist mit den Erfolgen der Zeit? Die rasante Modernisierung der deutschen Gesellschaft, der Beginn der Frauenbewegung, vor allem der nur mit dem heutigen China vergleichbare wirtschaftliche Aufstieg? „Unintendierte Nebeneffekte“ nennt es der Marburger Historiker Conze bei der Diskussion mit Steinmeier, und auch der aus London zugeschaltete Preußen-Experte Christopher Clark will „keine Modernisierungsutopie im Nachhinein dichten“.

Warum ist das Erbe des Kaiserreichs immer noch umstritten? Am Jubiläum kann es eigentlich nicht liegen, das wird – auch wegen der Pandemie – eher unbegangen liegen gelassen. Zu fern ist die Inszenierung der Kaiserproklamation von Versailles am 18. Januar 1871. Schulstoff. Ist da mehr?

Das deutsche Kaiserreich von 1871 wurde in einem Lazarett ausgerufen, in Hörweite der Front der Schlacht um Paris. Vor 150 Jahren wurden im Schloss Versailles, dem Palast der französischen Könige, die verwundeten deutschen Soldaten des Kriegs gegen Frankreich behandelt. Genauer gesagt waren es preußische, bayerische, württembergische, badische Militärs, denn eine gemeinsame deutsche Armee gab es genauso wenig wie eine einheitliche Staatsbürgerschaft.

Ein kriegerisches Großpreußen – ist das alles?

Daran änderte sich auch nach der Zeremonie am 18. Januar 1871 nichts. Das neue deutsche Kaiserreich war ein preußisch dominierter Bundesstaat, unter die Führung der dominierenden Macht hatten sich – mehr oder weniger freudig – all die mittleren und kleinen Königreiche, Fürstentümer und Hansestädte eingereiht. Das Reich, das im Spiegelsaal eines eroberten Schlosses, quasi als Besatzungsmacht begann, war ein unklares Gebilde im Werden.

Unklar war noch bis zum Vorabend der Kaiserproklamation, wie der neue Titel denn nun genau heißen sollte: Nochkönig und Baldkaiser Wilhelm besteht darauf, „Kaiser von Deutschland“ zu werden. Sein Kanzler Otto von Bismarck will es schlichter, diplomatischer, und schlägt den Titel „Deutscher Kaiser“ vor. Das mag trivial klingen, nimmt aber Rücksicht auf die Landesfürsten. Föderalismus bei der Arbeit, damals wie heute. Die Freuden und Leiden der Ministerpräsidentenkonferenzen dieser Tage spiegeln sich im Spiegelsaal von Versailles.

Wilhelm bleibt stur, Bismarck ebenso – und während der Zeremonie klingt es dann noch einmal ganz anders: „Seine Kaiserliche und Königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch! Hoch! Hoch!“, ruft der Großherzog von Baden in den Spiegelsaal, die Fürsten reihen sich zur Gratulation auf – und die Frage, was dort für ein Kaiser gekrönt wurde, blieb diplomatisch offen.

Neugierige Krankenschwestern im Versteck – die einzigen Frauen im Saal

Im Lazarett von Versailles ist auch die Krankenschwester Sarah Hahn aus Neuendettelsau eingesetzt. Sie schleicht sich mit einigen Kolleginnen in den Spiegelsaal, die Damen verstecken sich hinter den Fahnenträgern – und bekommen als einzige Frauen und verborgene Vertreterinnen des „normalen Volks“ die Zeremonie hautnah mit. „Zum ersten Mal in meinem Leben hör ich ihn reden, den Gefeierten. Wir stehen ja keine drei Schritte hinter ihm“, schreibt sie. „Er beauftragt dann seinen Kanzler, die Proklamation vorzutragen. Bismarcks Stimme, silberklar, ertönt und erklärt Wilhelm zum Kaiser. Der Toast, ausgebracht von Friedrich I. von Baden, ruft dreimal donnerndes Hoch hervor, bei dem alle Fahnen in die Höhe fliegen und die Federbüsche auf den emporgehobenen Kopfbedeckungen der Großen sich fröhlich schütteln.“

Die Federbüsche ersetzten zu feierlichen Anlässen die Spitze der Pickelhaube. Auch auf den Historiengemälden Anton von Werners, die den eiligen Termin für die Nachwelt verklären, ist diese sprichwörtliche Kopfbedeckung nicht zu sehen. Die Pickelhaube steht symbolisch für den preußisch-deutschen Militarismus, und als berühmteste Karikatur der Kaiserproklamation gilt eine österreichische Zeichnung: Eine riesige Pickelhaube wird über eine Gruppe Menschen gestülpt. „Deutschlands Zukunft“ steht darüber. Unter der Zeichnung folgt die Pointe: „Kommt alles unter einen Hut? Ich glaube, es kommt eher unter eine Pickelhaube!“

Der 18. Januar war natürlich ein zutiefst preußischer Termin – 170 Jahre zuvor, 1701, hatte sich Kurfürst Friedrich III. zum „König in Preußen“ gekrönt, es begann der – nur durch Napoleon zeitweise unterbrochene – Aufstieg der Hohenzollern zur dominierenden (Militär-)Macht in Deutschland.

Nur eines blieb bis heute – die „Pickelhaubengeschichte“, wie sie die Historikerin Hedwig Richter abfällig nennt. Richter, Autorin des Buchs „Demokratie. Eine deutsche Affäre“, sucht primär die Aufbrüche des neuen Kaiserreichs. Sie versucht die Erzählung vom militaristischen Großpreußen, das in Versailles bejubelt wurde, durch eine neue zu ersetzen.

Richter lenkt den Blick nicht auf die Kaiserproklamation, sondern auf die am 1. Januar 1871 ohne Pomp in Kraft getretene Verfassung. „Das Kaiserreich hatte eines der modernsten Wahlrechte seiner Zeit!, sagt sie. !Für die Reichstagswahlen galt das allgemeine gleiche Wahlrecht für Männer ab 25 Jahren, immerhin 23 Prozent der Bevölkerung durften wählen.“ In Großbritannien waren es zur gleichen Zeit nur 16 Prozent. Zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg sei eine „Massenpolitisierung zu beobachten“, es „war die Zeit der Parlamentarisierung und der Reformbewegungen“, der Sozialstaat wurde geschaffen, der Wohlstand wuchs nicht nur für Junker und Großindustrielle.

Für Richter ist es „nichts als Pickelhaubengeschichte“, wenn Steinmeier vergangenes Jahr zum 3. Oktober in Potsdam die Einheit 1871 und die 1990 kontrastierend gegenüberstellt: „Die nationale Einheit 1871 wurde erzwungen, mit Eisen und Blut, nach Kriegen mit unseren Nachbarn, gestützt auf preußische Dominanz, auf Militarismus und Nationalismus“, sagt das Staatsoberhaupt. „Es war ein kurzer Weg von der Gründung des Kaiserreiches bis zur Katastrophe des Ersten Weltkrieges.“

Dann kommt Steinmeier zum Zusammenbruch der DDR: „Wie anders dagegen die Bilder, die wir alle von der Zeitenwende vor dreißig Jahren in uns tragen. Feiernde Menschen auf der Mauer, Freudentränen, Umarmungen. Soldaten und Volkspolizisten, die ihre Waffen fallen ließen. Die Angst hatte die Seiten gewechselt. Eine Staatsmacht war ohnmächtig, weil die Menschen ihr nicht mehr folgten.“

Das Reich von 1871 wollte seine Macht allen zeigen, der Spätstarter auf der imperialen Bühne hatte einiges aufzuholen. Chauvinismus, Kolonialismus – die Deutschen zogen rapide nach. Nationalismus – der für Frankreich katastrophal endende Krieg von 1870/71 mit seinen mehr als 180.000 Toten und 230.000 Verwundeten, der Verlust des Elsass und Lothringens und die ultimative Demütigung der Kaiserproklamation im besetzten Schloss den Sonnenkönigs zementierten die „Erbfeindschaft“ so stark, dass sie erst nach zwei weiteren von Deutschland entfesselten Kriegskatastrophen überwunden werden konnte.

Jede Menge „Reichsfeinde“

Und auch im Osten sorgte der neue deutsche Nationalismus für harte Abgrenzung: Über Jahrhunderte konnten auch Polen Preußen sein, etwa in der Provinz Posen – nun wurde hier germanisiert, was das Zeug hielt.

Als „Reichsfeinde“ galten zudem die Katholiken und noch mehr die Sozialisten. August Bebel und Wilhelm Liebknecht nutzten die Bühne des Reichstags, um die Kaisertreuen zu provozieren und ihre wachsende Anhängerschaft an sich zu binden. Während Wilhelms Armee im Frühjahr 1871 in der belagerten französischen Hauptstadt die Pariser Kommune zusammenschießen lässt, prophezeit Bebel in Berlin: „Meine Herren, und wenn im Augenblick Paris unterdrückt ist, dann erinnere ich Sie daran, dass der Kampf um Paris nur ein kleines Vorpostengefecht ist, dass die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht, und dass, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats ‚Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Noth und dem Müßiggange!’ der Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats werden wird.“

Clara Zetkin trommelte für die Revolution, Marie Juchacz kämpfte für die Rechte der Arbeiterinnen. Die bürgerliche Frauenbewegung legte den Grundstein für den Feminismus. „Frauen wurden in den Industriestaaten in dieser Zeit noch immer massiv unterdrückt“, sagt Hedwig Richter. „Aber es war doch die Zeit, in der das hinterfragt und allmählich verändert wurde.“

Die Demokratie wurde im Reich und gegen die Herrschenden erkämpft

Das Reich, die „mit Eisen und Blut erzwungene“ Einheit (Steinmeier) wurde zur Selbstverständlichkeit. Auch Internationalisten sahen den Nationalstaat als zeitgemäße Zwischenepoche. Und als die Mehrheits-SPD 1914 den Krediten für den nächsten Krieg zustimmte, tat sie das auch im Wunsch, endlich dazuzugehören zum Staat.

150 Jahre später wirken Pickelhaube, Federbusch und Dynastien ferner denn je. Und wer auf den Stufen des Reichstagsgebäudes die Farben des Kaiserreichs schwenkt, tut das entweder, um seine strafbewehrte Propaganda für ein späteres Reich zu tarnen, oder aus reiner Ablehnung für die Demokratie. Eine Demokratie, die vor und nach 1871 mühsam erkämpft wurde.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen