Werbung für „freie Waffen“

Rechtsextreme rufen zur Bewaffnung gegen Migranten auf

Das nun verbotene rechtsextreme „Compact“-Magazin bewarb und verkaufte einen Waffenratgeber des rechten Kopp-Verlags.

Das nun verbotene rechtsextreme „Compact“-Magazin bewarb und verkaufte einen Waffenratgeber des rechten Kopp-Verlags.

Berlin. Mit dem Verbot des „Compact-Magazins“ ist auch das gut laufende rechtsextreme Geschäft mit der Angst um einen seiner lautesten Anbieter ärmer. „Die Politik hat uns zu Schafen erzogen und Wölfe ins Land gelassen“, sagte der junge „Compact-TV“-Moderator Paul Klemm wenige Wochen vor dem Verbot in einem Onlinevideo. Für den rechtsextremen Nachwuchs-Medienmann folgt daraus: Die Deutschen müssen wieder lernen, wie sie sich verteidigen können – auch mit Waffen.

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Wie so viele Texte und Videos des „Compact-Magazins“ handelt es sich bei dem Videoclip um Werbung, nicht um ein journalistisches Format. Neben eigenen Magazinausgaben und überteuerten Björn-Höcke-Silbermünzen verkaufte „Compact“ in seinem Onlineshop auch eine Reihe rechter und rechtsextremer Bücher. In den Wochen vor dem Verbot des Unternehmens rührte „Compact“ vor allem für ein Buch die Werbetrommel: einen Ratgeber zur Bewaffnung. Der etwas mehr als 100-seitige Ratgeber „Freie Waffen für den Eigenschutz“ wurde von dem Freiburger Survival-Trainer und Prepper-Geschäftsmann Lars Konarek für den rechten Kopp-Verlag geschrieben.

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„Compacts“ Chef vom Dienst ist Ex-Pressesprecher der NPD

Das schon vor seinem Verbot vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte „Compact-Magazin“ bewarb das Buch bis zuletzt beinahe täglich. Mit markigen Worten rief es seine Leserinnen und Leser dazu auf, sich zu bewaffnen. „‚Ne Knarre für Susi, ‚ne Wumme für Kalle …“ ist einer der als journalistischer Artikel getarnten Werbetexte auf der „Compact“-Webseite überschrieben. Anders als in den USA herrschen in Deutschland zwar sehr strenge Waffengesetze. Konareks Ratgeber zeige aber, „warum man dennoch nicht auf effektiven Selbstschutz verzichten muss“. Autor dieses Werbetextes war „Compacts“ Chef vom Dienst Daniell Pföhringer. Erst durch die Verbotsverfügung des Bundesinnenministeriums wurde in den vergangenen Tagen bekannt, dass dieser Name lediglich ein Pseudonym ist – dahinter verbirgt sich der ehemalige Pressesprecher der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag.

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18 Mal nutzte „Compact“ seit Mitte Juni allein seinen E-Mail-Newsletter, um ein düsteres Bild von der Sicherheitslage in Deutschland zu zeichnen, zur Selbstbewaffnung aufzurufen und dafür zu werben, den Waffenratgeber im „Compact“-Onlineshop zu bestellen. Am 20. Juni warnte „Compact“ etwa vor einer Terrorgefahr zur Fußball-EM in Deutschland, behauptete, noch nie habe es rund um die Spiele „so viel Gewalt, so viele schwere Übergriffe, so viele Attacken mit Waffen“ gegeben. Der Ratgeber zeige, „wie Sie sich ganz legal gegen Angreifer zur Wehr setzen können“.

In einer weiteren Newsletter-Ausgabe heißt es, man müsse sich jetzt wappnen gegen „Kriegsgefahr, Migration, Islamismus“ im „Messermänner-Land Germany“.

Um welche Waffen geht es also? Konarek stellt in seinem Buch nebst grundsätzlichen Erwägungen zur Selbstverteidigung eine ganze Reihe sogenannter freier Waffen vor – für die es keine waffenrechtliche Erlaubnis braucht und die jede und jeder frei erwerben kann. Teleskopschlagstöcke und Baseballschläger etwa, Quarzsandhandschuhe, Elektroschocker, kleine Messer in Schlüsselform, Pfeffersprays, aber auch potenziell tödliche Armbrüste.

Zu jeder der Waffen beschreibt Konarek die Anwendung und außerdem die Wirkung auf das Gegenüber. Er listet Vor- und Nachteile auf, gibt auch rechtliche Hinweise. Etwa dass ein Teleskopschlagstock – „eine kompakte und effektive Waffe zur Selbstverteidigung“ – unter das Waffengesetz fällt und deshalb zwar gekauft, aber gar nicht einsatzbereit mitgeführt werden darf. Als legales Selbstverteidigungsmittel für jedermann fallen solche Schlagstöcke deshalb aus, der rechte Kopp-Verlag verkauft sie in seinem Onlineshop trotzdem in der Kategorie „Sicherheit für Unterwegs“. Den entsprechenden Werbelink hat Konarek direkt in sein Buch gedruckt.

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Polizisten stellen eine Armbrust mit Zielfernrohr sicher (Archivbild).

Polizisten stellen eine Armbrust mit Zielfernrohr sicher (Archivbild).

Schon auf dem Titelbild des Buches ist Konarek beim Schießen mit einer Armbrust zu sehen. So eine Waffe, schreibt er zwar, sei seiner Meinung nach „trotz ihrer starken Wirkung nur bedingt zur Selbstverteidigung geeignet“. Es gebe nur wenige Szenarien, „wo ich mir den Einsatz der Armbrust vorstellen könnte“. Im Rahmen der Krisenvorsorge sei die Beschaffung einer Armbrust „zur Verteidigung Ihres Heims“ unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll. Er weist seine Leserinnen und Leser aber auch darauf hin, wie effektiv eine Armbrust sei: Mit den richtigen „Jagdspitzen“ könne man „sogar eine Autotür oder eine schusssichere Weste der Schutzklasse 1 durchschießen“.

Auch Armbrüste verkauft der Kopp-Verlag gleich im eigenen Onlineshop. Wie das „Compact“-Magazin hat auch der Kopp-Verlag einige Expertise im rechten Geschäft mit der Angst: Das Unternehmen verkauft nicht nur seit drei Jahrzehnten Bücher, die beständig vor einem Zusammenbruch der Gesellschaft warnen (oder von Ufos, Außerirdischen und angeblichen Verschwörungen erzählen). Es bietet auch das vermeintlich dringend benötigte Survival-Equipment und Langzeitnahrung zum Überleben nach dem Tag X zum Kauf an – und die bereits erwähnten Waffen.

Eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) an Kopp-Autor Konarek, ob er mit dem rechtsextremen „Compact“-Magazin zusammengearbeitet hat, um sein Buch zu bewerben, blieb unbeantwortet.

16.07.2024, Bayern, Kempten: Eine Mitarbeiterin einer Bahnhofsbuchhandlung hält eine Ausgabe des Magazins «Compact», um es danach aus dem Sortiment zu nehmen. Bundesinnenministerin Faeser hat das vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte «Compact»-Magazin sowie die Conspect Film GmbH verboten. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums durchsuchen Einsatzkräfte seit den frühen Morgenstunden Räumlichkeiten der Organisation sowie Wohnungen führender Akteure. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

„Compact“-Verbot: Kein Schlag gegen die Pressefreiheit

Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat das „Compact“-Magazin verboten. Damit wehrt sich die Demokratie gegen ein rechtsextremes Propagandaunternehmen, das den Umsturz will, kommentiert Felix Huesmann.

Das extremistische Multimedia-Unternehmen „Compact“ mit seinem gedruckten Magazin, Onlinekanälen und auch dem zugehörigen Onlineshop ist seit dem vergangenen Dienstag verboten. Doch das rechte Geschäft mit der Angst geht nicht nur im Kopp-Verlag weiter.

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Beworben und verkauft wird das Waffenbuch beispielsweise auch durch den Neonazi-Versand „Sturmzeichen“ des unter anderem wegen Körperverletzung und Volksverhetzung mehrfach zu Haftstrafen verurteilten Rechtsextremisten Sascha Krolzig, der auch das Neonazi-Magazin „N.S. Heute“ herausgibt. Auch der AfD-nahe „Deutschland-Kurier“ wirbt auf seiner Webseite für den Waffenratgeber.

Rechtsextreme Bewaffnung besorgt Sicherheitsbehörden

Dass Rechtsextreme sich bewaffnen, besorgt die deutschen Sicherheitsbehörden seit Jahren zunehmend. Auch rechtsextreme Aufrufe zur Bewaffnung mit sogenannten freien Waffen sind kein Einzelfall, sondern bis hinein in rechtsterroristische Kreise verbreitet. Darauf weist auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hin: „In dem in Teilen der Szene bekannten Handbuch ‚Militant Accelerationism: A Collective Handbook‘ wird explizit dafür geworben, in Staaten mit restriktiven Waffengesetzen wie Deutschland alternative Formen der Bewaffnung in Betracht zu ziehen“, teilt das Bundesamt auf RND-Anfrage mit. Bei dem Handbuch handelt es sich um ein Nachschlagewerk für potenzielle Rechtsterroristen, das seit 2021 in entsprechenden Online-Communities verbreitet wird.

„Grundsätzlich stellen Waffen jeglicher Art in den Händen von Extremisten eine Gefahr dar“, heißt es aus dem BfV. „Mit entsprechenden Aufrufen können Szeneangehörige auf Möglichkeiten der Bewaffnung auch mit legalen Mitteln aufmerksam gemacht werden. Regelmäßige Funde von erlaubnisfreien Gegenständen im Rahmen von Exekutivmaßnahmen lassen darauf schließen, dass sich Extremisten dieser Möglichkeiten bereits bewusst sind und zielgerichtet mit diesen Gegenständen ausrüsten.“

Prepper mit Waffenaffinität

Prepper bereiten sich auf Krisen oder auf einen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung vor - unter ihnen auch Rechtsextreme.

Prepper bereiten sich auf Krisen oder auf einen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung vor - unter ihnen auch Rechtsextreme.

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Eine hohe Affinität zu Waffen gibt es auch unter Preppern, also Menschen, die sich intensiv auf einen Zusammenbruch der Gesellschaft vorbereiten. Der Sozialwissenschaftler Mischa Luy promoviert an der Ruhr-Universität-Bochum über diese Szene, in der es zahlreiche Überschneidungen zum Rechtsextremismus gibt. „Der überwiegende Teil derer, die ich für meine Forschung interviewt habe, besitzt Waffen – entweder scharfe Schusswaffen oder freie Waffen, die jeder besitzen darf“, sagt Luy.

„Die Grundannahme vieler Prepper ist, dass die Gesellschaft instabil und vulnerabel ist und man nicht darauf vertrauen kann, dass der Staat einen schützt. Stattdessen sind diese Menschen überzeugt, das selbst in die Hand nehmen zu müssen, um das eigene Leben und Hab und Gut zu verteidigen“, erklärt Luy. „Eine ähnliche Rhetorik findet sich auch bei Rechtsextremen, die versuchen, aus dieser Verunsicherung politisches Kapital zu schlagen.“

Wie sehr Rechtsextreme in der seit Jahren florierenden Prepper-Industrie mitmischen, zeigt wohl niemand besser als der stellvertretende Vorsitzende der Neonazi-Kleinpartei „Die Heimat“ (vormals NPD), Sebastian Schmidtke. Auf der Parteiwebseite wird der Berliner Neonazi als „Survival-Influencer“ vorgestellt. Schmidtke betreibt aber nicht nur unter dem Namen „LebensArt“ einen Youtube-Kanal zu Outdoor-, Survival-, und Prepper-Themen, sondern auch einen Onlineshop. Neben Büchern von Lars Konarek und anderen Kopp-Autoren verkauft Schmidtke dort ebenfalls Armbrüste, andere Waffen und Prepper-Ausrüstung zur „Krisenvorsorge“.

Nicht nur das Bewerben und Verkaufen von Büchern wie Lars Konareks Waffenratgeber sind in Deutschland völlig legal. Auch Waffen wie Armbrüste sind bislang frei verkäuflich. Dabei sind sie teilweise so hochgerüstet, dass sie ein ganzes Magazin an tödlichen Pfeilen innerhalb einer halben Minute verschießen können.

Faeser will Waffenscheinpflicht für Armbrüste

Bundesinnenministerin Nancy Faeser will das künftig verhindern. Die SPD-Politikerin will das deutsche Waffenrecht insgesamt weiter verschärfen. „Für die in der rechten Szene sehr beliebten Armbrüste gilt fortan eine Erlaubnispflicht“, heißt es in Faesers im Februar 2024 vorgestellten Maßnahmenkatalog gegen Rechtsextremismus. Dass eine solche Waffenrechtsreform tatsächlich kommt, ist bislang jedoch nicht absehbar. Insbesondere aus der FDP gibt es Widerstand dagegen. Die Liberalen sind der Ansicht, die bestehende Gesetzeslage sei ausreichend – sie müsse bloß konsequent durchgesetzt werden.