Rechtsextreme immer erfolgreicher beim Schüren von Ängsten

  • Die Angst davor, wegen Migranten sozial abzusteigen, findet nach Ansicht des Soziologen Klaus Dörre immer mehr Gehör in der Bevölkerung.
  • Und rechtsextreme Propaganda ziele genau darauf ab.
  • Der Forscher aus Jena warnt vor einer weiteren Verschärfung der Verhältnisse.
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Bochum. Rechtsextremen gelingt es nach den Worten des Jenaer Soziologen Klaus Dörre zunehmend, in der Bevölkerung Ängste vor sozialem Abstieg zu schüren. Dabei erklärten sie die Migranten zur Gefahr, erläuterte der Wissenschaftler am Donnerstagabend bei einem Vortrag in der Bochumer Evangelischen Stadtakademie.

Ihr Argument laute: Nur wenn man hier lebende Zuwanderer abschiebe oder für potenzielle Neuankömmlinge die Grenzen schließe, ließen sich soziale und wirtschaftliche Sicherheit erhalten. Eine solche Programmatik finde vor allem bei den Menschen Gehör, die seit Jahren oder Jahrzehnten auf gerechte Verteilung hofften, aber stets aufs Neue enttäuscht würden.

Als Beispiel nannte der Soziologe Menschen, die durch geringe Löhne oder Jobverlust finanziell in Schwierigkeiten geraten. Wenn diese Bürger miterlebten, dass Flüchtlinge in Deutschland Hilfe vom Staat erhalten, würden die Migranten in ihren Augen zu "Boten des Unglücks". Rechtsextreme Propaganda ziele darauf, die Hilfe der öffentlichen Hand als "kollektive Kränkung" darzustellen. Dörre verdeutlichte, dass aufgrund einer wachsenden Zahl an prekären Arbeitsverhältnissen sich die soziale Frage weiter zu verschärfen drohe.

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Von "Helden" zu "Deppen"

In besonderer Weise würden sich im Osten Deutschlands die Beschäftigten des Braunkohletagebaus als Verlierer betrachten, sagte Dörre. Während sie in DDR-Zeiten als "Helden" galten, hätten sie nun den Eindruck, die "Deppen" der Nation zu sein. Bis heute fühlten sie sich von einem Tweet einer Grünen-Politikerin mit einem Foto und der Aussage "Nazis oder Kohle - braun ist immer scheiße" gedemütigt, erklärte der Wissenschaftler. Die Politikerin habe sich zwar nachher entschuldigt, aber der Satz sei in das kollektive Gedächtnis der Arbeiter eingegangen. Dadurch werde auch eine Wagenburgmentalität gefördert, die Bergleute ohnehin schon an den Tag gelegt hätten, sagte der Soziologe.

Einfluss gewinnen die Rechtspopulisten nach seinen Worten inzwischen auch auf die Gewerkschaften. In Studien-Interviews hätten selbst Betriebsräte unverhohlen rechtsradikale Positionen geäußert und dabei auch Gewalt als legitimes Mittel erachtet, sagte der Wissenschaftler, der früher an der Ruhr-Universität Bochum tätig war. Für die Gewerkschaften sei der Umgang mit der Klientel schwierig, weil ihr mitunter die aktivsten Kräfte angehören würden. Der Satz von IG-Metall-Chef Jörg Hoffmann "Wer hetzt, fliegt" habe zur Folge gehabt, dass Hunderte von Mitgliedern ausgetreten seien.

RND/epd

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