Recht auf Homeoffice – Heils überflüssiges Gesetz

  • Arbeitsminister Hubertus Heil will Beschäftigten einen Rechtsanspruch auf mobiles Arbeiten einräumen – wenn der Job auch außerhalb des Büros erledigt werden kann.
  • Die Reform ist übergriffig und überflüssig, kommentiert unser Korrespondent Andreas Niesmann.
  • Die meisten Unternehmen und deren Mitarbeiter sind längst weiter als der Minister.
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Berlin. Wenn die Corona-Krise ein Gutes hatte, dann ist es die neue Selbstverständlichkeit, mit der Beschäftigte von zu Hause oder von unterwegs arbeiten. Das Homeoffice, an das sich viele Unternehmen nicht herangewagt hatten – sei es aus Trägheit, Überforderung oder Misstrauen gegenüber den Belegschaften – hat sich mit dem Lockdown flächendeckend durchgesetzt.

Dieser Wandel der Arbeitswelt wird sich nicht zurückdrehen lassen, selbst wenn Corona eines Tages besiegt sein wird – im Gegenteil. Wir beginnen erst zu erahnen, welche riesigen Potenziale das Homeoffice birgt: Weniger Verkehr, weniger Stress und weniger Büroflächenbedarf in den Innenstädten stehen mehr Flexibilität, mehr Zeit und damit mehr Lebensqualität gegenüber. Perspektivisch könnte mobiles Arbeiten Teil einer Antwort auf die großen Fragen unserer Zeit sein: Was tun gegen Stadtflucht, Wohnungsnot, Klimawandel?

“Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist”, heißt es bei Victor Hugo. Umso erstaunlicher, dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nun offenbar glaubt, einen Rechtsanspruch auf mobiles Arbeiten per Gesetz vorschreiben zu müssen. Der Sozialdemokrat springt auf einen Zug auf, der längst unter Volldampf fährt.

Im Koalitionsvertrag steht nichts von einem Rechtsanspruch

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Zur Begründung verweist er auf den Koalitionsvertrag, der die Förderung des mobilen Arbeitens als Ziel nennt. Die Corona-Pandemie allerdings war nicht in Sicht, als CDU, CSU und SPD den Vertrag ausgehandelt und unterschrieben haben. Die Realität hat die Koalitionäre längst überholt. Und: Von einem Recht auf 24 Tage Homeoffice im Jahr ist in dem Dokument gar keine Rede.

Heil geht weit über den Koalitionsvertrag hinaus. Es ist eine Strategie, die der Niedersachse bereits häufiger angewendet hat, etwa bei der Grundrente. Mit weitreichenden Forderungen baut er eine Verhandlungsposition gegenüber der Union auf und schärft das inhaltliche Profil der SPD.

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Dafür greift Heil tief in die Tarifautonomie und die Vertragsfreiheit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ein. Er tut das ohne Not, denn wo mobiles Arbeiten betrieblich sinnvoll und von Beschäftigten gewünscht ist, wird es sich so oder so durchsetzen. Unternehmen, die mit der Zeit gehen, werden flexible Lösungen anbieten – schon um gutes Personal anzuwerben und zu halten. Die Frage der Arbeitszeitgestaltung wird Teil von Bewerbungsgesprächen und Vertragsverhandlungen sein. Neue bürokratische Hürden, wie Heils Gesetzesentwurf sie nun vorsieht, sind da eher hinderlich.

Es gehört zum Wesenskern der SPD, die Menschen notfalls ein bisschen zu ihrem Glück zwingen zu wollen. Arbeitgeber und Beschäftigte aber wissen selbst am besten, welche Form der Arbeit sinnvoll ist und welche nicht. Flexibilität, gemeinsame Verantwortung und unideologisches Vorgehen sind zielführender als staatliche Vorgaben. Auch das hat die Corona-Krise eindrucksvoll bewiesen.

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