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Rechtsrock, Gewalt und Drogenhandel: Razzia bei Thüringer Neonazis

  • Eine Thüringer Neonazi-Gruppe soll im großen Stil mit Drogen gehandelt haben.
  • Am Freitag führten mehr als 500 Polizisten deshalb Durchsuchungen in drei Bundesländern durch.
  • Die Turonen Thüringen sind Teil der militanten rechtsextremen Szene und laut Beobachtern auch mit verbotenen Neonazi-Organisationen vernetzt.
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Berlin. Mit einer großangelegten Razzia in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen ist die Polizei am Freitag gegen ein kriminelles Neonazi-Netzwerk vorgegangen. Schwerpunkt der Durchsuchungen war Thüringen. Die Polizei fand ersten Angaben zufolge Drogen und Bargeld. Auch Waffen seien gefunden worden, sagte ein Sprecher des Thüringer Landeskriminalamts dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Es müsse jedoch noch geprüft werden, ob es sich um schussfähige Waffen handele. Gegen acht Beschuldigte wurden Haftbefehle vollstreckt. Den Neonazis wird bandenmäßiger Drogenhandel und Geldwäsche vorgeworfen. Laut Berichten des MDR soll es außerdem um den Handel mit Waffen gehen. An den Durchsuchungen von insgesamt 27 Wohn- und Geschäftsräumen waren mehr als 500 Polizisten beteiligt.

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) wertete die Durchsuchungen als wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Rechtsextremismus. „Dieser Aktion ging eine jahrelange Vorbereitung voraus”, sagte er dem RND. „Der Verfassungsschutz war der Impulsgeber. Bei der Gruppe, die als rechtsextremistisch bekannt ist, hat man dann festgestellt, dass es weitere Ermittlungsansätze über den Rechtsextremismus hinaus in die organisierte Kriminalität hinein gibt. Die Kollegen vom Landeskriminalamt haben anschließend mit großem Aufwand weiter ermittelt, sodass man jetzt in der Lage war, die entsprechenden Maßnahmen durchzuführen.”

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Razzia gegen Neonazi-Netzwerk: Drogen und Geld gefunden
1:04 min
Bei einer großangelegten Razzia gegen ein Neonazi-Netzwerk in mehreren Bundesländern hat die Polizei bislang Bargeld und Drogen gefunden.  © dpa

Kontakte zu verbotenen Neonazi-Gruppen

Bei der Neonazi-Gruppe handelt es sich um die bereits seit 2015 aktiven Turonen Thüringen, die auch unter dem Namen Bruderschaft Thüringen und Garde 20 auftreten. „Die Turonen sind in den vergangenen Jahren zur entscheidenden Neonazi-Struktur in Thüringen geworden”, sagte die Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss (Linke) dem RND.

Sie begrüßte das Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen die Gruppe, kritisierte jedoch, die Turonen hätten „in den vergangenen sechs Jahren in Thüringen weitgehend unbehelligt ihren kriminellen und extrem rechten Aktivitäten nachgehen” können.

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Die Neonazis seien nicht nur durch gewalttätige Übergriffe aufgefallen, sondern hätten auch enge Kontakte zu verbotenen Neonazi-Organisationen im In- und Ausland gepflegt. „Einige Mitglieder der Turonen sind Teil von Blood and Honour und Combat 18”, sagte König-Preuss. Das internationale Neonazi-Netzwerk Blood and Honour ist in Deutschland bereits seit dem Jahr 2000 verboten, im Januar des vergangenen Jahres verbot Bundesinnenminister Horst Seehofer auch die militante Neonazi-Gruppe Combat 18.

Ein rechtsextremistischer Überfall im Jahr 2014

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Unter den Neonazis, die jetzt wegen organisierter Kriminalität ins Visier der Behörden gerückt sind, seien auch Beteiligte an einem rechtsextremen Überfall im thüringischen Ballstädt im Jahr 2014, sagte Katharina König-Preuss. Neonazis hatten damals eine Kirmesgesellschaft überfallen und mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt.

Die juristische Aufarbeitung des Überfalls hatte jahrelang gestockt und muss nun von Neuem beginnen, nachdem der Bundesgerichtshof ein Urteil gegen mehrere mutmaßliche Täter im Mai 2020 wegen Formfehlern aufgehoben hatte. In Ballstädt wurde nun auch das „Gelbe Haus” durchsucht, eine zu den Turonen gehörende Immobilie. Allein seit 2019 wurden laut Angaben der Thüringer Landesregierung in 32 Fällen Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder der Gruppe geführt, unter anderem wegen Körperverletzung, Betrug und Volksverhetzung.

Organisation von Rechtsrockkonzerten

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Die Turonen seien in den vergangenen Jahren für die Organisation großer Rechtsrockkonzerte etwa im thüringischen Themar, aber auch in der Schweiz verantwortlich gewesen, erklärt Katharina König-Preuss. Dadurch verfügt die Gruppe mutmaßlich nicht nur über erhebliche finanzielle Mittel, sondern auch über ein großes Netzwerk in der rechtsextremen Szene.

Laut König-Preuss reicht dieses Netzwerk bis zu Mitgliedern einer verbotenen kriminellen Neonazi-Organisation in Österreich und zu rechtsextremen Gruppen in Osteuropa. Und auch zu anderen rechtsextremen Gruppen in Deutschland bestünden enge Kontakte: Ein Mitglied der Turonen habe in der Vergangenheit für die NPD kandidiert und sei mit dem verurteilten NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben befreundet, berichtete die Abgeordnete. “Die Turonen haben Verbindungen in fast alle Neonazi-Strukturen in Deutschland.”

Dass gegen die Rechtsextremen nun wegen Drogenhandels ermittelt wird, überrasche sie nicht. „Dass Neonazis mit Drogen handeln, ist in Ostdeutschland keine Ausnahme”, sagte König-Preuss. Entsprechende Gerüchte über Rauschgifthandel der Turonen habe es außerdem bereits seit Monaten gegeben. Ob die Neonazis sich mit dem durch kriminelle Aktivitäten eingenommenen Geld selbst bereichern, oder die rechtsextreme Szene finanzieren würden, sei schwer auseinander zu halten. “Man kann die kriminellen Aktivitäten nicht von den Neonazi-Strukturen trennen. Sonst verkennt man, wie Neonazis agieren, und dass die Turonen dies nicht nur aus einem rein kriminellen Interesse heraus machen, sondern seit Jahren auch versuchen, die führende Neonazistruktur in Thüringen zu werden und zu bleiben.”

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