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Auf Knien Stärke zeigen? Die Geschichte einer Geste

Demonstranten knien bei einem Protest in Cleveland als Zeichen der Solidarität nieder. Der gewaltsame Tod von George Floyd durch einen weißen Polizisten führte zu landesweiten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Demonstranten knien bei einem Protest in Cleveland als Zeichen der Solidarität nieder. Der gewaltsame Tod von George Floyd durch einen weißen Polizisten führte zu landesweiten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Die beiden Leichtathleten stehen auf dem Siegerpodest, sie haben gerade olympisches Gold und Bronze geholt. Als die US-Hymne beginnt, recken Tommie Smith und John Carlos, zwei schwarze US-Amerikaner, ihre Faust in den mexikanischen Himmel.

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Die beiden ignorieren den Wunsch des Internationalen Olympischen Komitees, die Politik aus dem Sport herauszuhalten. Auch wenn Smith die Geste Jahrzehnte später in seiner Autobiografie als Gruß für die allgemeinen Menschenrechte bezeichnet, wird er 1968 als “Black Power”-Gruß, als Solidarisierung mit der Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung der Schwarzen in den USA, interpretiert.

Urahnen des Sportlerprotests: Die 200-Meter-Läufer Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt.

Urahnen des Sportlerprotests: Die 200-Meter-Läufer Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt.

Wer seinen Arm ausstreckt und seine Faust in den Himmel reckt, vergrößert seinen Körper. Es ist ein Zeichen der Stärke, eine Aufforderung, sich gegen das Unrecht zu erheben. “Get up, stand up”, sang Reggae-Star Bob Marley 1973. “Stand up for your rights!” Die (Sprach-)Bilder des Protests ähneln sich immer wieder: Die Unterdrückten, Benachteiligten, Verdammten dieser Erde sollen aufstehen und sich dem Unrecht widersetzen, das ihnen widerfährt. Die Menschen, die am Boden sind, sollen aufbegehren, den aufrechten Gang üben, ihren Rücken gerade machen und für ihre Rechte kämpfen. Standhaft. Das Wort “Aufstand” sagt schon alles.

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Demonstranten wählen den Kniefall als Symbol ihres Protests

Doch in den USA hat sich seit der Ermordung des Schwarzen George Floyd ein anderes Symbol durchgesetzt: der Kniefall. Demonstranten setzen ein Knie auf die Straße, das andere Bein bleibt auf dem Fuß stehen. Das nicht kniende Bein verharrt im 90-Grad-Winkel.

Protestler berichten: “Ich will Gerechtigkeit, Frieden und Veränderung”

An vielen Orten der Welt gehen die Menschen derzeit auf die Straße, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren.

Das mag verwundern: Denn das Niederknien ist das Gegenteil des Aufstehens, man macht seinen Körper nicht größer und stärker, sondern verkleinert ihn, krümmt ihn. Wer sich niederkniet, begegnet seinem Gegenüber nicht auf Augenhöhe (es sei denn, es ist ein Kind), sondern blickt es von unten an. Der Kniefall ist auch ein Symbol der Niederlage: Wer eine Schlacht, eine Auseinandersetzung verliert, wird in die Knie gezwungen.

Und trotzdem beobachten wir in den USA gerade einen Aufstand – einen Aufstand, der kniend beginnt. Der beliebteste Hashtag der neuen Bewegung lautet – neben #blacklivesmatter – #takeaknee (“Begib dich auf die Knie!”). Der Kniefall ist in den USA zu einem Symbol des Protests gegen den gewaltsamen Tod von George Floyd im Speziellen und gegen die Unterdrückung der Schwarzen im Allgemeinen geworden. Aus dem Symbol der Schwäche ist eines der Stärke geworden.

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Auch Bundesliga-Spieler fallen in diesen Tagen auf die Knie

Außerhalb der USA ist der Kniefall zu einem Zeichen der Solidarisierung mit den Demonstranten in den USA geworden. So gingen an diesem Wochenende die Fußballspieler von Hertha BSC und Borussia Dortmund genauso wie die anderer Klubs unmittelbar vor dem Anpfiff auf die Knie. Auch der kanadische Premier Justin Trudeau solidarisierte sich mit den Protesten, als er in seiner Heimat vor Tausenden Demonstranten niederkniete. Wer auf die Knie geht, verbeugt sich auch.

Auf Knien: Die Fußball-Teams Hertha BSC und Borussia Dortmund setzen ein Zeichen gegen Rassismus.

Auf Knien: Die Fußball-Teams Hertha BSC und Borussia Dortmund setzen ein Zeichen gegen Rassismus.

Doch wie konnte aus einer Geste der Unterwerfung und der Niederlage ein Symbol des Widerstands, des Aufbegehrens und des Kampfes gegen Gewalt und Unterdrückung werden?

Der Kniefall ist seit Jahrtausenden ein Akt der Demut und der Respektsbekundung. Dabei gibt es verschiedene Stufen. Der Knicks deutet das Niederknien nur an. Bei der Prostratio hingegen liegt die Person – etwa der Priester bei der Priesterweihe – komplett auf dem Boden. Es ist die intensivste Form von Demut und Unterwerfung. Die Menschheit geht oder ging zumindest vor Königen und Königinnen, vor Herrschern und Altaren auf die Knie. Noch heute gehen ehrenwerte Personen des britischen Königreichs auf die Knie, wenn die Queen sie zu Rittern schlägt. Und noch immer gibt es Männer, die ihrer Freundin einen Heiratsantrag auf Knien machen.

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In Europa war der Kniefall als politische Geste allerdings lange Zeit unbekannt. Erst Alexander der Große brachte sie von seinem Feldzug Richtung Osten mit nach Griechenland. Diese Proskynese genannte Unterwerfungsgeste vor dem Herrscher stieß in Griechenland aber auf wenig Gegenliebe.

RND-Reporter im Zentrum der Proteste: “Eine mächtige Bewegung”

In Washington gehen die Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in die nächste Runde. RND-Korrespondent Karl Doemens berichtet aus der US-Hauptstadt.

Alexanders Lehrer Aristoteles lehnte die Geste ab, Alexanders Hofgeschichtsschreiber Kallisthenes von Olynth fiel beim makedonischen Weltherrscher in Ungnade, weil er sich weigerte, vor ihm zu knien. Und auch die Römer als legitime Nachfolger der Griechen als antike Großmacht blieben standhaft – erst die Christen machten das Niederknien in Europa salonfähig. Katholiken beten heute noch kniend.

Vor 50 Jahren bat Willy Brandt in Warschau auf Knien um Vergebung

Demut, Respekt und Unterwerfung ist das eine. Wer auf die Knie geht, kann aber auch sagen: Ich bitte um Entschuldigung. Das berühmteste Beispiel jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Bundeskanzler Willy Brandt besuchte im Dezember 1970 Polen. Brandt ging dabei auch zum Ehrenmal der Helden des Warschauer Gettos und fiel auf die Knie – was sowohl für seine Delegation als auch für das Gastgeberland überraschend war. Es war eine Bitte um Vergebung für die Verbrechen, die Deutsche in Polen begangen hatten. Der Kniefall von Warschau wurde schnell zu einem wichtigen Symbol der Entspannung zwischen Ost und West und zu einem Symbol des Bekenntnisses der Deutschen zu ihrer Schuld.

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Dass heute die Demonstrierenden in Minneapolis und im Rest der Vereinigten Staaten auf die Knie gehen, um ihren Protest gegen Floyds gewaltsamen Tod auszudrücken, ist einem Sportler zu verdanken. 2016 wollte Colin Kaepernick, ein dunkelhäutiger Quarterback der American-Football-Mannschaft San Francisco 49ers gegen die vielen Tötungen von Schwarzen durch Polizisten protestieren. Die Liste getöteter Schwarzer wurde immer länger: Eric Garner, Trayvon Martin, Michael Brown, Freddie Gray, Alton Sterling, Philando Castile, Tamir Rice sind nur einige der Namen.

Allein 2018 starben 229 Afroamerikaner durch Polizeihand. Und häufig müssen sich die Polizisten – trotz manchmal eindeutiger Videoaufnahmen oder Zeugenaussagen – nicht für ihre Taten verantworten.

Colin Kaepernick wollte da nicht länger untätig sein. Er entschied sich für eine stille Form des Protests: Während der Nationalhymne, die vor jedem American-Football-Spiel gesungen wird, blieb er sitzen. In den USA ist das ein Affront: Hymne und Flagge sind Nationalheiligtümer. “Ich will darauf aufmerksam machen, was in diesem Land passiert. Hier geschehen viele ungerechte Dinge. Und niemand muss dafür geradestehen. Das muss sich ändern”, sagte Kaepernick im Anschluss an seine erste Aktion.

Die Idee zum Kniefall hatte ein Veteran, der mit NFL-Star Kaepernick diskutierte

Dem revoltierenden Sportler schlugen Kritik und Hass vieler weißer Sportfans entgegen. Auch der Veteran Nate Boyer störte sich an Kaepernick und fühlte sich von dessen Weigerung, bei der Hymne aufzustehen, verletzt. Als er dies in einem offenen Brief an den Footballstar artikuliert, kommt es zu einem Treffen der beiden. Kaepernick, so schildert es Boyer in der Arte-Dokumentation “Ein amerikanischer Held“, die noch bis zum 5. Juli in der Mediathek des Senders zu sehen ist, habe ihm deutlich gemacht, dass er niemanden beim Militär verletzen wolle.

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Es gehe ihm einzig und allein um den Protest gegen die Polizeigewalt. Da Kaepernick aber auch bei den nächsten Spielen auf keinen Fall bei der Hymne stehen wollte, versuchte Boyer es mit einem Kompromissvorschlag: “Dann kannst du eigentlich nur noch auf die Knie gehen”, sagte er zu dem Footballstar. “Knien wird, glaube ich, in keiner Kultur als respektlos angesehen.” Kaepernick fand diese Idee noch besser, als bei der Hymne sitzen zu bleiben, und so kniete er in der nächsten Partie seiner 49ers gemeinsam mit seinem Teamkollegen Eric Reid und lauschte den Klängen des Star-Spangled Banner.

Beginn der Kniefallgeste: Colin Kaepernick (M.), Eli Harold (l.) und Eric Reid von den San Francisco 49ers knien bei der US-Nationalhymne vor dem NFL-Spiel gegen die Dallas Cowboys.

Beginn der Kniefallgeste: Colin Kaepernick (M.), Eli Harold (l.) und Eric Reid von den San Francisco 49ers knien bei der US-Nationalhymne vor dem NFL-Spiel gegen die Dallas Cowboys.

Was folgte, war ein landesweiter Aufschrei. Kaepernick wurde bei Spielen ausgebuht. Weiße verbrannten seine Trikots. Und dann trat sein mächtigster Gegner auf den Plan, Donald Trump. “Wäre es nicht toll, wenn die NFL-Besitzer zu denen, die unserer Flagge keinen Respekt zollen, sagen: ‘Runter vom Feld mit dem Hurensohn! Sofort. Raus! Er ist gefeuert!’” Ja, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika nannte den protestierenden Footballspieler Colin Kapernick tatsächlich einen “Hurensohn”.

Nach der Saison lief Kaepernicks Vertrag aus, seitdem hat er keine Anstellung mehr in der NFL bekommen. Dabei gehörte er zu den besten Quarterbacks der Liga. Ob die Eigner der NFL-Klubs in einer konzertierten Aktion Kaepernick einen neuen Vertrag verweigerten – und das vielleicht sogar auf Druck Donald Trumps – bleibt Spekulation. Die Klage des Sportlers gegen seine Liga endete in einem Vergleich. Aber eines ist offensichtlich: Dass die Demonstranten den Kniefall, den Trump mit so harschen Worten abgelehnt hatte, jetzt zu ihrem Ausdrucksmittel auserkoren haben, ist auch ein Protest gegen den Präsidenten der USA.

Kaepernicks Geste hat seinen Abschied vom Profisport überlebt. Andere schwarze Sportler in der NFL und in anderen Ligen ahmten ihn nach. Musiker wie John Legend und Stevie Wonder gingen bei Konzerten auf die Knie. Und heute ist die Geste das Symbol einer neuen Protestbewegung, die zu einer neuen Bürgerrechtsbewegung werden könnte.

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Kaepernicks Aktion hat ein berühmtes Vorbild

Innerhalb von Protestbewegungen haben solche Gesten und Symbole sowohl ein- wie auch ausschließenden Charakter. Sie bringen zum einen eine Gruppe zusammen. Wer sich dem Kniefall anschließt, wird Teil der Bewegung. In manchen Städten und Regionen der USA haben mittlerweile sogar Polizisten aus Solidarität mit den Demonstranten ihr Bein gebeugt. Aber eine solche Geste richtet sich auch immer gegen andere: Ihr gehört nicht dazu.

Polizisten und Mitglieder der Nationalgarde knien bei einem Protest vor Demonstranten in Philadelphia nieder.

Polizisten und Mitglieder der Nationalgarde knien bei einem Protest vor Demonstranten in Philadelphia nieder.

Dass die Demonstranten den Kniefall als ihr Symbol gewählt haben, ist – trotz aller Gewaltausbrüche, die bei den Protesten auch zu beobachten sind – ein Zeichen des Friedens und der Gewaltlosigkeit. Sie strahlt, anders als eine geballte Faust, keine Aggression aus. Und sie hat ein berühmtes Vorbild: 1965 kniete Martin Luther King, dieser Prediger des gewaltlosen Widerstands, während eines der drei Selma-nach-Montgomery-Märsche in Alabama nieder, bei denen Afroamerikaner für ihr Recht zu wählen demonstrierten. King kniete genauso wie die Demonstranten heute einbeinig.

Doch wer den Kniefall dieser Tage ausschließlich als passives Zeichen deutet, liegt falsch. Gerade der einbeinige Kniefall zeigt: Man ist schnell in der Lage aufzustehen. In Demut, so scheint es zumindest in diesen Tagen, werden die Demonstranten nach dem Tod von George Floyd nicht verharren. Aber es gehört auch zur Wahrheit dieser Kniefallgeschichte, dass auch der Polizist, der Floyd die Luft zum Atmen nahm, kniete – erbarmungslos auf dessen Hals. Doch die neue Protestbewegung setzt dem ein starkes Zeichen entgegen, sie hat sich den Kniefall angeeignet – und ihn nach Jahrtausenden der Unterwürfigkeit umgedeutet. Das könnte auch ein Signal sein, wie sich die Schwarzen in den USA ihre Zukunft vorstellen.

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