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RAF-Experte Peters: „Die Geschichte ist im Wesentlichen abgeschlossen“

  • Butz Peters ist Rechtsanwalt und gilt als führender Experte für die Geschichte der RAF.
  • Im Interview erklärt er, was es mit dem jüngst entdeckten Depot bei Hamburg auf sich haben könnte.
  • Außerdem stellt Peters klar, dass mit der Aufklärung von ungeklärten RAF-Verbrechen nicht mehr zu rechnen ist.
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Berlin. Butz Peters, Rechtsanwalt und Journalist, schrieb „Tödlicher Irrtum – Die Geschichte der RAF“ sowie vier weitere Bücher über die „Rote Armee Fraktion“. Hier äußert er sich über den jüngsten Fund.

Herr Peters, in der vorigen Woche wurde in der Nähe von Hamburg nach fast 40 Jahren ein womöglich altes Depot der RAF gefunden. Überrascht Sie das?

Nein. Die RAF hat Anfang der 1980er-Jahre fast ihre gesamten Terrorutensilien – Pistolen, Gewehre, Munition, Sprengstoff, Geld, Ausweise, Fälschungswerkzeuge – in 18 Depots gebracht, nachdem sie ihre Basen vorher in konspirativen Wohnungen hatte, die immer öfter aufflogen. Ihr Ziel war, flexibler zu werden. 13 Depots wurden bisher entdeckt. Wenn das jetzt ein RAF-Depot wäre, dann wären noch vier Depots unbekannt. Allerdings ist noch nicht bestätigt, dass es sich tatsächlich um ein Depot der RAF handelt.

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Rechnen Sie mit weiteren Funden?

Das ist eher unwahrscheinlich. Das erste Depot wurde am 26. Oktober 1982 südlich von Frankfurt am Main in einem Wald von Pilzsammlern entdeckt – so wie jetzt zufällig. Es bestand aus zwei Kisten mit jeder Menge Terrorutensilien bis hin zu Fotos des fünf Jahre zuvor von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer während seiner Entführung im Herbst 1977. In den Containern wurde auch ein Stapel Papiere entdeckt. Experten des Bundeskriminalamts haben sie entschlüsselt und damit Wegbeschreibungen zu 17 weiteren Depots. Zwölf von ihnen wurden ausfindig gemacht, das letzte Anfang 1983, fünf aber nicht. Das alles ist also fast 40 Jahre her.

Wenn das jetzt kein RAF-Depot ist, wie Sie sagen, was könnte es dann sein?

Das jetzt gefundene Depot könnte, wie aus Sicherheitskreisen zu hören ist, auch ein Versteck der Revolutionären Zellen sein – die Untersuchungen laufen derzeit. Die Revolutionären Zellen waren in den 1970er- und 90er-Jahren aktiv. Ihre Mitglieder lebten, jedenfalls zumeist, in der Legalität. Die RZ verübten ganz überwiegend „Sachschadenanschläge”, etwa auf Strommasten und Gebäude, in denen sich keine Menschen aufhielten – fast dreihundert solcher Anschläge werden ihnen zugeschrieben. Würde der Fund im Wald von Seevetal von ihnen stammen, könnte er sehr interessant sein. Denn über die Akteure der „Feierabendterroristen“, wie sie seinerzeit auch genannt wurden, ist weniger bekannt als über die Mitglieder der zweiten – bis 1982 aktiven – RAF-Generation.

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Ein Feuerwehrmann in Schutzkleidung wird nach einem Einsatz in einem Waldstück, in dem ein mögliches Erdversteck der RAF entdeckt wurde, mit Wasser abgespritzt. © Quelle: Feuerwehr Seevetal/dpa

Drei RAF-Leute, die zwischen 1999 und 2016 zwölf Raubüberfälle begangen haben sollen – nämlich Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette –, sind noch flüchtig. Besteht zwischen dem aktuellen Fund und den dreien ein Zusammenhang?

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Nein. Denn die drei sind um 1990 abgetaucht, vor über dreißig Jahren. Wäre der jetzt gefundene Container tatsächlich von der RAF, dann wäre er rund acht Jahre zuvor verbuddelt worden. Ich halte es für ausgeschlossen, dass der Inhalt Informationen zu dem Trio enthält, insbesondere, dass er Rückschlüsse auf die spannende Frage zulässt, wo es heute steckt.

Wie kann es sein, dass die drei Gesuchten nach zwölf Raubüberfällen noch immer nicht gefasst sind?

Da müssen Sie die Polizei fragen. Das Landeskriminalamt Niedersachsen ist mit erheblichem Aufwand dran. Zu dem Verbleib gibt es im Wesentlichen drei Hypothesen. Erste These: Die drei leben ganz in der Nähe – unerkannt. Zweite These: Sie leben irgendwo in Europa fernab von Deutschland, dort, wo deutsche Medien keine Rolle spielen. So waren Paris und Amsterdam in den Siebzigerjahren „Abtauchorte“ von RAF-Mitgliedern. Dritte These: Sie leben außerhalb Europas; der Libanon wird als Beispiel genannt. Verblüffend ist, dass Fotos von Staub und Garweg veröffentlicht wurden, unter anderem in einem Bus des öffentlichen Nahverkehrs in Osnabrück 2016, aber keine zielführenden Hinweise bei der Polizei eingingen. Das ist für mich das größte Kriminalrätsel unserer Zeit: Wo steckt Ernst-Volker Staub, der als Kopf der Gruppe gilt, schon bei der zweiten RAF-Generation dabei war und seit über 30 Jahren im Verborgenen lebt – abgesehen von den Raubüberfällen? Fast scheint es so, als käme er aus dem Nichts – und verschwinde anschließend dort auch wieder.

Das klingt, als würde Ihnen die Flucht viel Respekt abnötigen.

Wer es über so lange Zeit schafft, trotz aufwendigster Fahndung, für die Polizei „unfassbar“ zu sein, ist ein Profi. Drei Jahrzehnte im Untergrund. Der Mann hat bei der RAF gelernt, er versteht sein „Geschäft”: brutalste Raubüberfälle, spurloses Verschwinden.

Bei ihrem letzten Überfall im Juni 2016 in Cremlingen bei Braunschweig erbeuteten die drei 600.000 Euro. Seither ist Ruhe. Haben sie damit vielleicht genug?

Das könnte sein. Insgesamt sollen sie rund eine Million Euro erbeutet haben. Das könnte als Altersvorsorge reichen. Könnte.

Gehen Sie davon aus, dass die drei noch gefunden werden?

Die Wahrscheinlichkeit ist nach 30 Jahren nicht so riesengroß. Aber es würde mich sehr freuen. Systematische Ansätze von Kriminalisten führen mitunter erst nach längerer Zeit zum Erfolg. Langer Atem zahlt sich oft aus. Auch sollte man nie „Kommissar Zufall” unterschätzen.

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In Mannheim wurde 1977 Alarmfahndung ausgelöst, nachdem Passanten den flüchtigen 24-jährigen Anarchisten Christian Klar am Steuer eines Volkswagens gesehen haben wollen. © Quelle: dpa

Ist die Geschichte der RAF ansonsten abgeschlossen?

Ja, im Wesentlichen schon. Die Geschichte währte von 1970 bis 1998, kostete 34 Menschen das Leben und endete mit der „Auflösungserklärung” der RAF. Sie konnte ihr Ziel eines Umsturzes der Gesellschaft durch bewaffnete Anschläge nicht erreichen. Allerdings sind die Akteure der dritten Generation, die zwischen 1984 bis 1998 agierte, weitgehend unbekannt. Zwei Frauen wurden verurteilt, Wolfgang Grams kam durch eigene Hand bei einem Feuergefecht mit der Polizei 1993 ums Leben; die Fahndung nach dem Trio läuft. Seinerzeit, als die dritte Generation mordete und zehn Menschen umbrachte, ging der Verfassungsschutz davon aus, dass ihr über ein Dutzend Mitglieder angehören. Wäre das zutreffend, gäbe es also noch einige Mitglieder, die bis heute unbekannt sind und mutmaßlich irgendwo unter uns leben.

Können die offenen RAF-Verbrechen noch aufgeklärt werden?

Nein. Denn unter ehemaligen RAF-Mitgliedern gilt die Regel: Pack nicht aus. Es kann gefährlich werden – auch für dich.

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