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„Der Tag“

Putin taumelt in den Abgrund

Putin bei seiner TV-Ansprache.

Putin bei seiner TV-Ansprache.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

am Dienstagabend starrten Journalistinnen und Journalisten auf der ganzen Welt auf TV-Livestreams, um Wladimir Putins große Fernsehansprache an die Bevölkerung zu verfolgen. Doch er kam nicht. Nach mehr als zwei Stunden sagten die russischen Staatssender den TV-Termin schließlich ab. Erst am Morgen trat Putin dann vor die Kameras und verkündete, was Experten und Expertinnen ohnehin schon längst vermutet hatten: eine Teilmobilmachung der Reservisten, die später in der Ukraine kämpfen sollen. Dazu die übliche Drohung mit Atomwaffen, wüste Beschimpfungen des Westens – nichts also, was einen überraschen dürfte.

Im Fernsehen versprechen Putin und sein Verteidigungsminister Sergei Schoigu, dass nur Bürger mit militärischer Erfahrung eingezogen werden. 300.000 von ihnen sollen zunächst einberufen werden. Dass die „Spezialoperation“ in der Ukraine, wie Russland sie weiterhin nennt, gehörig falsch läuft, davon war in der TV-Ansprache nichts zu hören. Lieber betonte man, dass von den 200.000 russischen Soldaten nur knapp 6000 gefallen seien. Dass diese ganz offensichtlich stark untertriebene Zahl nur mit Würfeln zu erklären ist, steht außer Frage. Selbst in Russland dürfte sie kaum jemand glauben – trotzdem belügt Putin sein Volk weiter.

Warum wurde die Rede von Putin so kurzfristig verschoben? Eine offizielle Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Vielleicht suchte der Kreml nach einer plausiblen Erklärung, warum man 300.000 Reservisten an die Front schicken will, wenn doch angeblich nur wenige Soldaten gestorben sind und die „Spezialoperation“ nach Plan läuft. Vielleicht war es aber auch die Angst, dass bei einer großen Mobilmachung die Stimmung in der Bevölkerung kippen könnte.

Putin ordnet Teilmobilmachung von russischen Streitkräften an

In einer Fernsehansprache warf Putin dem Westen die Erpressung mit Atomwaffen vor. Laut Verteidigungsministerium sollen 300.000 Reservisten eingezogen werden.

300.000 Reservisten, das sind gerade einmal ein Prozent der russischen Männer zwischen 20 und 55 Jahren. Obwohl die Ankündigung also zunächst nur einen kleinen Teil der Bevölkerung persönlich trifft, herrscht nun Angst und Panik in vielen russischen Familien. Bei Google stieg die Zahl der Suchanfragen zum Thema „Wie man Russland verlässt“ sprungartig an, ebenso die Frage, wie man Russland während der Mobilisierung ohne Geld oder in Richtung Kasachstan verlassen könne.

Schon jetzt zeichnet sich eine regelrechte Massenflucht ab. One-Way-Flüge von Moskau nach Istanbul (Türkei) und Eriwan (Armenien) waren innerhalb weniger Stunden für die nächsten Wochen komplett ausgebucht – in beide Länder dürfen die Russen noch ohne Visum einreisen. Selbst Flugverbindungen mit Zwischenstopps wie von Moskau nach Tiflis waren ausgebucht. Für andere Strecken wie Moskau–Dubai mussten Russen gestern mehr als 550.000 Rubel (9200 Euro) pro Economyticket zahlen. Das entspricht beinahe dem Zehnfachen des durchschnittlichen Monatslohns in Russland. An der Grenze zu Finnland bildeten sich kurz nach Putins Rede kilometerlange Staus. Die Website der russischen Staatsbahn brach zusammen.

Russland setzt sich zur Wehr

All dies zeigt, wie gering die Bereitschaft und Moral der Russen ist, bald in der Ukraine zu kämpfen. Unerwartet kommt das für den Kreml nicht. In einem zeitgleich zu Putins Rede beschlossenen Gesetz mit dem Namen „Über die Mobilmachung in Russland“ wird Reservisten verboten, ihren Wohnort ohne Genehmigung zu verlassen. Eine Flucht vor dem Kriegsdienst will der Kreml mit allen Mitteln verhindern. Hinzu kommt, dass sich viele der Russen, die als Reservisten in den Listen des Militärs registriert sind, eine Befreiung von der Wehrpflicht von ihrem Arzt „erkauft“ haben und nie ausgebildet wurden. Nun müssen sie fürchten, nach einem kurzen Training als Kanonenfutter an der Front verheizt zu werden.

Seit dem Nachmittag gab es in vielen Städten Russlands mutige Proteste. Der Kreml hatte gedroht, gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten mit harter Hand vorgehen zu wollen. Mehr als tausend Menschen wurden verhaftet. Ihnen drohen bis zu 15 Jahre Haft. Doch die Angst vor dem Krieg und die Wut auf Putin konnte das nicht stoppen. „Ich will nicht für Putin sterben“, ruft ein Anwohner in Nowosibirsk (Sibirien).

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Putins Teilmobilmachung ist das erste offene Eingeständnis, dass in der Ukraine für ihn nichts nach Plan läuft. Mehr noch: Russlands Armee ist gerade dabei, den eigenen Krieg zu verlieren. In absehbarer Zeit wird sich daran wohl auch nichts ändern. Das Training der 300.000 Reservisten – sollten überhaupt so viele eingezogen werden und nicht geflüchtet sein – wird Wochen dauern. Dann steht der Winter vor der Tür und macht große Offensiven in der Ukraine unmöglich.

Kurzfristig hat Putin nichts gewonnen. Im Gegenteil, der Druck auf den Kremlchef wächst auch nach der Teilmobilmachung weiter, denn die Ukraine erobert weiterhin nach und nach ihr Land zurück. Die 300.000 eingezogenen Reservisten fehlen zudem der russischen Wirtschaft. Die ist wegen sinkender Geburtenraten ohnehin schon auf Migranten aus Zentralasien angewiesen. Putin ist angeschlagen, steht unter Erfolgsdruck und wollte Stärke demonstrieren. Doch die Mobilmachung hat nur seine Angst und Schwäche offenbart. Jetzt taumelt er dem Abgrund entgegen.

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Zitat des Tages

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Roger Federer,

Tennisprofi, zu seinem geplanten Karriereende

 

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In Europa gibt es kaum noch Brennholz. Es häufen sich deshalb die Meldungen über Holzdiebstähle in verschiedenen Bundesländern, berichtet die „Hannoversche Allgemeine“ und erklärt, wie der Kampf gegen die Holzdiebe funktioniert.

 

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  • Der Bundestag debattiert heute unter anderem über Krisengewinne von Unternehmen, einen Inflationsausgleich und die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine.
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Wer heute wichtig wird

War die Schließung von Geschäften im Corona-Lockdown rechtmäßig?  In Nordrhein-Westfalen mussten in der ersten Pandemiewelle zahlreiche Betriebe schließen oder Einschränkungen in Kauf nehmen. Dagegen hat Galeria Karstadt Kaufhof geklagt. Heute wird das Urteil verkündet.

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Der Podcast des Tages: „Klima und wir“

Welcher Widerstand fürs Klima ist legitim? Vorbei scheinen die Zeiten des Schulschwänzens. Mittlerweile kleben sich Aktivistinnen und Aktivisten im Namen der Klimarettung auf Autobahnen fest, stürmen Fußballspiele oder lassen die Luft aus SUV-Reifen.

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Die News zum Hören

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Sven Christian Schulz

 

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