Putins Propagandafotos: Angeberei mit Hintergedanken

  • Schneemobil, Lammfellchic und sibirische Weiten: Der Kreml veröffentlicht mal wieder Fotos von Wladimir Putin.
  • Dieses Mal ist es eine Winteredition, die Aussage ist dieselbe: Der Präsident ist ein energiegeladener Kerl, der auch in der härtesten Wildnis alle Herausforderungen meistert.
  • Was wie reine Angeberei wirkt, erfüllt aus Sicht des Kremls wirksame PR-Funktionen.
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Berlin. Es gibt Fotoshootings mit Präsidenten, und dann gibt es noch die Fotoshootings mit dem Präsidenten Wladimir Putin. Die meisten Staatsführer stilisieren sich mit Bildern, die sie hart arbeitend in ihrem Amtssitz präsentieren. Der frühere US-Präsident Barack Obama stellte sich hinter dem Resolute Desk zum Beispiel häufig mit aufgekrempelten Hemdsärmeln zur Schau.

Das offizielle Staatsfoto des französischen Präsidenten zeigt Emmanuel Macron vor seinem Schreibtisch stehend, auf dem unter anderem ein aufgeschlagenes Buch liegt. Weil Macron ein Video von der Erstellung des Fotos verbreiten ließ, wissen wir, dass es sich um Charles de Gaulles Memoiren handelt. Soll heißen: Die Gedanken des legendären Vorgängers leiten Macron jeden Tag bei der Führung der Staatsgeschäfte an.

Testosteron­getränkt im Partnerlook

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Welch anderes Bild gibt da der russische Präsident von sich ab: Wladimir Putin will eben nicht als abwägender Schreibtischtäter daherkommen, sondern er setzt auf die pure Physis eines echten Kerls. Davon zeugt nun auch wieder die neueste Propagandaaktion, die ihn vor einigen Tagen in der russischen Republik Tuwa an der Grenze zur Mongolei vor der Kamera posieren ließ.

Man sieht einen Mann, der durch den wadenhohen Schnee stapft, am Steuer eines schweren Geländefahrzeugs mit Tarnlackierung sitzt oder es sich trotz aller offensichtlichen Kälte bei einer Mahlzeit mitten im Wald bei Speck, Wurst und frischem Gemüse schmecken lässt. Als Ortsführer ist häufig Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit auf den Fotos – er stammt aus Tuwa.

Was juckt die Kälte echte Kerle? Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts) und Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einer Outdoormahlzeit mitten im Wald bei Speck, Wurst und frischem Gemüse. © Quelle: Alexei Druzhinin/Pool Sputnik Kr

Auffällig ist der Partnerlook der beiden: Auf vielen Bildern tragen sie dieselben Lammfelljacken, passende Hosen und elfenbeinfarbene Rollkragenpullover. Das wirkt durchaus edel, sieht in seinem sportlichen Chic aber nicht zu abgehoben aus wie etwa die Zobelmäntel, die den Zaren früher vorbehalten waren.

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Die Bilder sollen ganz offensichtlich für die testosteron­getränkte Robustheit des Präsidenten stehen, seine Verbundenheit mit der Natur, die ihm völlig ausreicht, um vom schweren Amt abschalten zu können. Das ist geschickt inszeniert, denn gerade die bescheidene Unberührtheit der weiten Landschaft lässt ihn umso größer herausragen.

Überdeutliche Inszenierung

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Bilder dieser Art gibt es von Putin schon seit zwei Jahrzehnten, so lange er als Präsident oder Ministerpräsident an der Macht ist. Die Republik Tuwa hat es ihm angetan. Er durchstreifte sie auch schon hoch zu Ross – im Sommer 2009 mit freiem Oberkörper, dann wieder im Jahr 2017, auch „oben ohne“. Immer wieder wirft er auch die Angelschnur aus, um kapitale Flussbarsche aus dem Wasser zu ziehen. Unvergessen sind die Fotos, die ihn als Biker in Lederkluft oder als Taucher zeigen, der antike Amphoren vom tiefen Meeresgrund an Land holt. Auch als agiler Eishockeyspieler und als Judoka setzt sich der Kremlchef und Träger eines schwarzen Judo-Gürtels gern in Szene.

Das oberfreie Fotoshooting erzielte weltweit den gewünschten Hinguckeffekt.

Die Inszenierung dieser Bilder ist überdeutlich, zumal immer wieder Details durchsickern, die das belegen: Zum Beispiel waren besagte Amphoren extra auf dem Boden des Schwarzen Meeres platziert worden, wie sein Sprecher später zugeben musste. Wer sich so offensichtlich zum Angeber macht, darf sich über das regelmäßig folgende Hohngelächter im Internet nicht wundern.

Doch für Kritiker oder Spötter sind die Fotostrecken ja auch nicht gedacht. Sie erfüllen verschiedene Funktionen, die aus Sicht des Kremls sinnvoll erscheinen. So halten es politische Beobachter in Moskau für sehr wahrscheinlich, dass Propagandavideos und -fotos mit dem Hauptdarsteller Putin auf Vorrat produziert werden – für alle Fälle: etwa, wenn der Präsident ernsthaft krank werden sollte und sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen könnte.

Fingerzeig in mehrere Richtungen

Außerdem sind die Aufnahmen als Werbematerial für die Massenmedien gedacht, verwertbar für die Ansprache von Putins Fanklub im Volk: „Wie könnte man einen solchen Oberkörper nicht wählen?“, schrieb etwa das Massenblatt „Moskowski Komsomolez“ nach Putins Reit- und Angeltour in Tuwa im Jahr 2017.

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Und dann bieten die Fotoproduktionen noch die Möglichkeit, auf politische Ereignisse reagieren zu können, ohne die Dinge beim Namen nennen zu müssen. Die neuesten Bilder aus Tuwa wurden etwa als Fingerzeig in gleich mehrere Richtungen bewertet. Nachdem Putin-Kritiker Alexej Nawalny den Präsidenten Anfang Februar als „Vergifter der Unterhosen“ bezeichnet hatte, könne der Lammfellchic nun eine Art textiler Gegenangriff sein, wurde spekuliert.

Ein Chic, der neidisch macht: Wladimir Putin wadenhoch im sibirischen Schnee. Eine begehrte Lammfellkluft hält ihn warm. © Quelle: Alexei Druzhinin/Pool Sputnik Kr

Die Vermutung mag weit hergeholt sein, doch Putins Aufmachung in der sibirischen Taiga erweckte sofortige Kaufwünsche im ganzen Land: Die „Werkstätte für Pelze und Leder“ in Sankt Petersburg, die rasch als Herstellerin der Kluft ausgemacht war, konnte sich vor Anfragen kaum noch retten. Das ging so weit, dass sich die Geschäftsführerin der Werkstätte, Jewgenia Morosowa, zu einem Statement gegenüber der Nachrichtenagentur Ria Novosti genötigt sah: „Die Lammfellmontur ist gerade nicht mehr auf Lager. Jeder, der sie haben will, kann sie aber für 150.000 Rubel (1690 Euro) bestellen.“

Den russischen Staatsmedien ist Bidens warme Milch Nachricht genug

Als besonders wahrscheinlichen Adressaten von Putins neuester PR-Aktion sehen viele Beobachter den amerikanischen Präsidenten an. Joe Biden hatte den Kremlchef vor knapp zwei Wochen als „Killer“ bezeichnet: „Der hat nun reagiert“, sagt die Moskauer Politologin Lilia Schewtsowa dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND), „indem er sich als Naturbursche hinstellt, der im Gegensatz zum 78-jährigen Biden doch noch in jeder Hinsicht recht gut in Schuss ist.“

Immer am Steuer: Wenn es sein muss, lenkt Russlands Präsident Wladimir Putin nicht nur die Geschicke des Landes, sondern auch ein schweres Schneemobil durch die sibirische Tundra. © Quelle: imago images/ITAR-TASS
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Auch das ist natürlich eine spekulative Annahme, wie Schewtsowa sofort einräumt. Doch wenn Putin bei dem Fotoshooting Bidens Seniorenalter nicht von Anfang an auf der Rechnung gehabt haben sollte, so sprang sein PR-Apparat doch zumindest sehr schnell an, als Leser in Briefen an das britische Boulevardblatt „Daily Mirror“ Putins energiegeladenen Ausflug in die Taiga mit dem angeblich gebrechlichen Eindruck Bidens verglichen, der abends um 8 Uhr ins Bett gehe und bei Zoom-Konferenzen warme Milch trinke: „Während Putin eine Auszeit in der Taiga nimmt“, schrieb ein Leser, „fällt der sogenannte Führer der freien Welt beim Treppensteigen dreimal hin.“ Ein anderer Leser meint: „Putin und Schoigu hätten Biden einladen sollen“ – eine Anspielung darauf, dass Biden nach seiner „Killer“-Äußerung eine von Putin angebotene Debatte verweigert hatte.

Leserkommentare auf diesem Niveau in einem ausländischen Boulevardblatt waren der Ria Novosti und der „Rossijskaja gaseta“ jeweils lange Nachrichtenstücke wert. Erstere ist die staatliche Nachrichtenagentur Russlands, Letztere das Amtsblatt der russischen Regierung. Die erwähnten Zitate dürften daher zumindest keine Fake News sein.

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