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Psychologin zu Corona-Krise: “Isolation ist eine große Belastung”

Drinnen bleiben: Psychologen beobachten eine erhöhte psychische Belastung im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise.

Berlin. Frau Avci-Werning, drückt die Corona-Krise den Menschen aufs Gemüt?

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Diese Krise versetzt uns alle in eine Ausnahmesituation. Aber nicht alle gehen damit gleich um. Während die einen der Isolation mit Videokonferenzen oder Telefonaten entkommen können, leiden andere darunter. Psychisch labile oder kranke Menschen empfinden in diesen Tagen eine stärkere Belastung. Viele ältere Menschen leiden unter Einsamkeit; wiederum anderen macht es zu schaffen, dass sie ihre Angehörige im Pflegeheim nicht besuchen können.

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Rechnen Sie mit einer Zunahme an Depressionen, vielleicht auch Suiziden?

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Viele Menschen haben derzeit ganz reale Ängste – sei es um ihre Gesundheit oder den Arbeitsplatz. Da ist es wahrscheinlich, dass Depressionen und Angststörungen vermehrt auftreten und somit auch Suizidalität zunehmen kann. Isolation ist eine große Belastung.

Die Psychologin Dr. Meltem Avci-Werning ist Präsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologen. Avci-Werning ist als Schulpsychologische Dezernentin an der niedersächsischen Landesschulbehörde, Regionalabteilung Hannover, tätig.

Die Psychologin Dr. Meltem Avci-Werning ist Präsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologen. Avci-Werning ist als Schulpsychologische Dezernentin an der niedersächsischen Landesschulbehörde, Regionalabteilung Hannover, tätig.

Polizeiberichte deuten auf eine Zunahme häuslicher Gewalt hin. Überrascht Sie das?

Nein. Beengte Wohnverhältnisse, Angst vor Arbeitslosigkeit, Überforderung bei der Beschulung der Kinder zu Hause – all das führt in vielen Familien zu großem Druck. Die Lage ist brisant. Die soziale Isolation führt überdies zu weniger sozialer Kontrolle. Viele Kinder und Frauen brauchen jetzt besonderen Schutz.

Werden Psychologen verstärkt kontaktiert?

Ja. Wir sehen, dass sich Klienten, die bereits in Therapie sind, an ihre Psychologen wenden und fragen, ob und wie es damit weitergeht. Und es melden sich auch verstärkt Menschen erstmalig bei Psychotherapeuten. Zudem erreichen uns Anfragen von Stadtverwaltungen, die allgemeine Beratungshotlines eingerichtet haben, über die auch Anrufer mit Ängsten Kontakt suchen. Auch Altenheime bitten um Unterstützung. Viele Berufszweige wie Arbeitspsychologen, Schulpsychologen oder Gesundheitspsychologen werden vermehrt angefragt.

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Können Psychologen in Zeiten, in denen persönliche Begegnungen untersagt sind, helfen?

Gerade jetzt sind Psychologen gefragt. Wir haben daher eine BDP-Corona-Hotline zur psychologischen Beratung eingerichtet. Natürlich ersetzt so ein Telefonat keine Therapie. Aber diese Gespräche sind eine wichtige erste Unterstützung in dieser Krise. Die Anrufer können zudem Informationen für eine Weiterbehandlung bekommen.

Wer meldet sich über Ihre Hotline?

Es rufen Menschen an, die Angst um sich oder um Angehörige haben, die Hilfe benötigen. Es melden sich auch Ärzte und Pflegekräfte, die mit Sorge auf die kommenden Wochen blicken.

Zurzeit geht eine Welle der Solidarität durchs Land. Rücken die Menschen in der Krise näher zusammen?

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Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß, das stimmt. Aber zugleich müssen wir davon ausgehen, dass mit der Dauer der Krise die Nerven irgendwann “blank liegen” werden. Das kann auch zu Ablehnung und Feindseligkeiten innerhalb der Gesellschaft führen und bestehende Probleme wieder auf den Plan holen. Eine Befürchtung ist, dass Diskriminierung und Anfeindungen gegenüber Minderheiten durch den zunehmendem Druck auf den Einzelnen wieder sichtbar werden oder sogar das Bedürfnis nach einem Sündenbock aufkeimt. Der gesellschaftliche Zusammenhalt könnte dadurch gefährdet werden, da müssen wir als Gesellschaft wachsam sein.

Wurde Ihr Berufsstand im Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Bekämpfung der Corona-Krise berücksichtigt?

Da gibt es Lücken. So ist die Entschädigung von Kassenpraxen an Fallzahlrückgänge gebunden. Das benachteiligt uns. Denn: Werden Praxistermine abgesagt, aber die Therapie nicht gekündigt, gibt es Einbußen ohne Fallzahlrückgang – der Behandlungsfall bleibt in der Regel bestehen. Die Politik muss verhindern, dass es zu Insolvenzen kommt. Die Anzahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen wird während der Corona-Krise zunehmen. Da sollte der Aufbau der Behandlungskapazitäten im Fokus stehen – nicht der Abbau.

Ein näherer Blick auf das Coronavirus

Die Coronakrise hält Deutschland, Europa und die Welt in Atem und legt das öffentliche Leben weitgehend lahm. Hier ein näherer Blick auf den Übeltäter.

Was raten Sie, um mental gesund durch die Krise zu kommen?

Generell gilt in Krisen: Gut essen, gut schlafen und die Nerven behalten. Jetzt kommt es zudem auf einen strukturierten Alltag an. Der Tagesablauf sollte zeitlich klar gegliedert sein – vom Aufstehen über die Essenszeiten und den Heimunterricht der Kinder bis hin zum Feierabend im Homeoffice. Beruhigend ist zudem ein ent-katastrophisierendes Denken: Wir sollten so gut es geht auf Dramatisierungen verzichten, stattdessen auf positive Aspekte des Alltags blicken und durch gute Gedanken uns selbst und unsere Umwelt stützen. Sollte dies nicht gelingen, können Psychologen der BDP-Corona-Hotline unter 0800-777 22 44 helfen.

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