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Psychologe nach Halle-Attentat : „Tätern fehlt soziales Korrektiv“

  • Nach dem antisemitischen Attentat in Halle rücken auch Online-Plattformen erneut in den Fokus.
  • Dort radikalisierte sich der Attentäter vermutlich und streamte seine Tat in Echtzeit.
  • Welche Rolle sie bei der Radikalisierung der Nutzer spielen, erklärt Medienpsychologe Tobias Dienlin im Interview.
Sebastian Stein
Fabian Boerger
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Berlin. Herr Dienlin, der Halle-Attentäter war offenbar auf Plattformen aktiv, die bekannt dafür sind, rechtsextreme und antisemitische Inhalte zu verbreiten – welche Rolle spielen diese?

Das ursächliche Problem solcher Taten sind nicht unbedingt Online-Plattformen wie etwa „4chan“. Viel häufiger steckt dahinter, dass diese Menschen mit ihrem Leben hadern, einen Sündenbock, wie hier die Juden, suchen und meist nicht sonderlich gut sozial integriert sind.

Wie läuft auf diesen Portalen eine Radikalisierung ab?

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Man darf nicht annehmen, dass es einen festen Ablauf gibt. Viele verschiedene Risikofaktoren führen dazu, dass ein Mensch sich radikalisiert. Allerdings erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Radikalisierung, wenn sich Nutzer ausschließlich auf einschlägige Portale konzentrieren und sich von anderen Inhalten abschotten. Solchen Tätern fehlt häufig das soziale Korrektiv in Form von Freunden, Familie oder Partnern.

Warum streamen solche Täter ihr Vorgehen und verbreiten es live im Netz, ähnlich wie es beim Massaker in Christchurch oder in El Paso der Fall war?

In solchen Online-Portalen, in denen auch Stephan B. aktiv war, geht es sehr stark um Anerkennung. Mit solchen Videos generieren sie eine immense Aufmerksamkeit, die eine sehr starke Wirkung auf andere hat. Jedoch ist das nie der alleinige Grund: Wer berühmt werden möchte, läuft nicht gleich Amok. Allerdings kann man den narzisstischen Anteil auch nicht herausrechnen.

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Sind solche Plattformen Verstärker von Verrohung und Gewaltphantasien?

Darauf gibt es keine klare Antwort. Auf der einen Seite ist es alter Wein in neuen Schläuchen: Ähnliche Formen der Gewalt gab es schon immer, jetzt finden wir sie auf solchen Portalen. Neu ist vor allem, dass wir das nun öffentlich beobachten können, was schockierend ist. Das heißt aber nicht, dass man nicht dennoch dagegen vorgehen sollte. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen und "4chan" zum alleinigen Sündenbock degradieren, das ursächliche Problem sitzt meist tiefer.

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Dr. Tobias Dienlin ist Medienpsychologe an der Universität Hohenheim und forscht zum Verhalten in sozialen Netzwerken.

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