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Attentäter von Halle – “Er sieht sich als Teil einer Community”

Der Angeklagte Stephan B. sitzt mit Handfesseln im Verhandlungssaal im Landgericht.

Der Angeklagte Stephan B. sitzt mit Handfesseln im Verhandlungssaal im Landgericht.

Berlin. Der Attentäter von Halle, Stephan B., beschreibt sich als “unsozialen Menschen”, er wird als “einsamer Wolf” gesehen. Sie beobachten den Prozess, die Nebenklage hat beantragt, Sie als Sachverständige zu befragen. Aus Ihrer Sicht: Was ist an diesem Bild des Attentäters falsch?

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Der Attentäter hatte kaum Kontakte in seinem unmittelbaren Umfeld. Er hat als Ersatz viel das Internet genutzt. Er hat sich dort inspirieren lassen, einerseits durch das Attentat von Christchurch, andererseits durch seine Internet-Community.

Von B. sind rassistische und antisemitische Äußerungen bekannt. Warum hat ihn niemand aufgehalten?

Teile der Familie und des Umfelds pflegen eine ähnliche Ideologie, also war dort vermutlich kein Widerspruch zu erwarten, sondern eher Zustimmung. Der Angeklagte hat einmal in einer Auseinandersetzung ein Messer gezogen und hat zu einem anderen Anlass Menschen beschimpft. Da hätte sein Umfeld reagieren können und müssen. Das ist die Verantwortung, die wir als Zivilgesellschaft und die Angehörigen haben.

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Welche Kontakte, welche Kommunikation pflegte er im Netz?

Er war vor allem auf Imageboards unterwegs, hat sich das Vokabular angeeignet hat, das dort gepflegt wird. Er sieht sich als Teil einer Community.

Karolin Schwarz, Autorin des Buches “Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus”.

Karolin Schwarz, Autorin des Buches “Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus”.

Was kann sich der Laie unter Imageboards vorstellen?

Als Imageboards bezeichnet man zahlreiche Foren im Internet, die alle auf gleicher Funktionsweise aufbauen und in der Regel aussehen wie das Internet vor 20 Jahren. Eine neue Diskussion wird gestartet, indem man ein Bild postet. Es gibt ganz verschiedene Imageboards mit Unterforen, die verschiedenen Themen gewidmet sind. Nicht alle sind politisch. Viele Imageboards haben jedoch zwei Unterforen gemein, auf denen die Entmenschlichung anderer zur Umgangsform gehört. Antisemitismus, Rassismus, Islamfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit gehören genauso dazu wie die Abwertung dicker Menschen und Menschen mit Behinderungen.

Die Ermittler des Bundeskriminalamts haben im Prozess offenbart, wie wenig sie von diesem Teil des Internet wissen. Warum haben unsere Behörden solche Defizite?

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Leider hat schon der Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum 2016 offenbart, dass es in den Sicherheitsbehörden zumindest teilweise an den nötigen Kenntnissen fehlt. Für den deutschen Kontext haben Imageboards lange Zeit nur eine kleine Rolle gespielt. Zudem ist der Arbeitsaufwand recht groß, weil die Nutzer sich häufig ein ganz eigenes Vokabular aneignen und Insiderwitze der Identitätsstiftung dienen.

Kann man von einer einheitlichen Ideologie sprechen, die etwa den Täter von Christchurch und den von Halle verbindet? Stephan B. nahm das Attentat von Christchurch ja als Vorbild und Blaupause.

Die Täter, die in terroraffinen Kreisen verehrt werden, haben ähnliche, aber auch unterschiedliche Anschläge begangen. Und unterschiedliche Opfer ausgewählt. Das ändert nichts daran, dass sie sich ideologisch oft sehr nah sind und dieselben Feindbilder pflegen. Die Ideologie dieser Täter besteht häufig aus Versatzstücken.

Was kann der Prozess noch leisten?

An erster Stelle muss die Sensibilisierung für solche Taten stehen, um die Einzeltäterthese aus dem Weg zu räumen. Ja, er hat die Tat selbst ausgeführt und den Zeitraum selbst gewählt, aber es gibt eine ganze Gemeinschaft, die an der Radikalisierung beteiligt ist, die Tipps gibt, wie solche Taten durchzuführen sind. Wir müssen den Nebenkläger*innen Raum geben. Und wir müssen lernen, die Anzeichen zu erkennen. Beim Attentäter gab es früh Hinweise auf seine Ideologie und Gewaltbereitschaft.

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