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Rechte Milizen in den USA: Trumps (un-)heimliche Leibgarde

  • Die Corona-Beschänkungen und die Unruhen in einigen Städten der USA haben den rechtsextremen Milizen bereits Auftrieb verschafft.
  • Nun fühlen sich Schlägertrupps wie die Proud Boys endgültig vom amerikanischen Präsidenten geadelt.
  • Einige sehen sich schon im Bürgerkrieg – das lässt Schlimmes für die bevorstehende Wahl befürchten.
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Washington. Joe Biggs konnte sein Glück gar nicht fassen. “Im Prinzip hat Trump gesagt: Mischt die so richtig auf!”, schrieb der 36-jährige Ex-Feldwebel im rechten Onlinenetzwerk Parler: “Das macht mich so froh.” Biggs ist einer der Organisatoren der rechtsextremen Miliz Proud Boys. Eilig bot die Bürgerwehr im Internet für 30 Dollar ein schwarzes T-Shirt mit dem Slogan “Proud Boys Standing by” (“Die Proud Boys halten sich bereit”) an.

Tatsächlich hatte dies kein Geringerer als der amerikanische Präsident gefordert. Während seines Krawallauftritts im Fernsehduell sagte Trump wörtlich: “Proud Boys – tretet weg und steht bereit!” Dass er am Tag darauf behauptete, er kenne die rechte Schlägertruppe gar nicht, kann man als Schutzbehauptung abtun.

Nicht nur erwähnte Trump den Namen aus eigenem Antrieb. Auch stellen die selbst deklarierten “westlichen Chauvinisten” den Personenschutz für seinen langjährigen Vertrauten Roger Stone. In jüngster Zeit freilich hat der mit Tarnuniformen, Schlagstöcken, Pfefferspray und Schusswaffen ausgerüstete Männerclub vor allem durch seine Aufmärsche in Portland für Schlagzeilen gesorgt.

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Schlüsselpassage war Trumps Hinweis an die extreme Rechte
8:11 min
Constanze Stelzenmüller, Außenpolitikexpertin in Washington, analysiert im Gespräch mit RND-Korrespondentin Marina Kormbaki das TV-Duell Trump gegen Biden.

Je näher der Wahltermin am 3. November rückt und je offener Trump den Gedanken ausspricht, sein Amt nicht friedlich räumen zu wollen, desto mehr rücken die paramilitärischen Organisationen ins öffentliche Blickfeld, die zu den radikalsten Unterstützern des Präsidenten gehören.

Rechte Milizen sind kein neues Phänomen in den USA. Nach der Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama im Jahr 2008 erlebten sie einen regelrechten Boom. Derzeit zählt die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center 181 Milizen.

Auch viele Soldaten und Veteranen sind organisiert

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Die Szene ist heterogen. Gegen alles vermeintlich Linke, gegen Migration und gegen den Islam wehren sich alle diese Bünde. Viele sind rassistisch, antisemitisch und gewalttätig. Zu den bekanntesten Bürgerwehren gehören die Three Percenters, die nach der Wahl Obamas gegründet wurden und ihren Namen aus der Legende ableiten, dass nur 3 Prozent der Bürger der amerikanischen Kolonie im Unabhängigkeitskeitskrieg gegen die Briten kämpften, und die Oath Keepers, die vor allem aktive und ehemalige Polizisten und Soldaten organisieren.

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Ursprünglich saß der Feind dieser Radikalpatrioten in Washington. Die Oath Keepers etwa wurden von einem libertären Blogger gegründet, um sich Eingriffen der Regierung in das Waffenrecht und dem Vormarsch einer ominösen globalisierten Weltordnung entgegenzustellen. Doch seit mit Donald Trump ein Verbündeter im Weißen Haus sitzt, hat sich das Feindbild gewandelt.

Der Journalist Mike Giglio hat in einer Langzeitrecherche für die Novemberausgabe des Magazins “The Atlantic” herauszufinden versucht, was die Mitglieder der Oath Keepers umtreibt. Neben der Verteidigung des Waffenrechts war es vor allem die Angst, dass die Weißen demografisch in die Minderheit geraten und das Gefühl, das Recht auf eigene Faust verteidigen zu müssen.

Vor zwei Wochen marschierten erstmals Demonstranten mit Gewehren vor dem Kapitol von Michigan auf. Nun drangen sie in das Gebäude ein. © Quelle: Paul Sancya/AP/dpa

Ein erster Auslöser der aktuellen Mobilisierung waren die behördlichen Corona-Beschränkungen. Im April zog ein bewaffneter Trupp der Michigan Liberty Militia mit Plakaten, die die demokratische Gouverneurin Gretchen Whitmer als „Nazi“ verunglimpften, vor das Kapitol der Hauptstadt Lansing und drang in Milizenuniformen mit Waffen in das Gebäude ein. Die Bilder schockten das liberale Amerika, doch Trump twitterte: “Befreit Michigan!”

Als Ende August die Proteste wegen der Polizeischüsse auf den Afroamerikaner Jacob Blake in Kenosha auch gewalttätig wurden, packte der 17-jährige Kyle Rittenhouse sein halbautomatisches Sturmgewehr AR-15, zog auf die Straße und erschoss zwei linke Demonstranten. Er ist nun wegen doppelten Mordes angeklagt. Doch Trump sprach eilig von “Notwehr” und Stewart Rhodes, der Gründer der Oath Keepers, feierte den Todesschützen als “Helden und Patrioten”.

Der Märtyrer der Milizen

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In Portland hat die linksextreme Antifa mit ihren Dauerkrawallen den rechten Milizen nun eine willkommene Scheinlegitimation geschaffen, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Hunderte Trump-Fans fuhren dort Ende August mit ihren Trucks durch die Stadt und machten mit Paintballpistolen und Reizgas Jagd auf die Protestler.

Dabei wurde Aaron Jay Danielson, ein Anhänger der rechten Patriot Prayer, von einem Antifaaktivisten erschossen. Seither hat die Milizenbewegung ihren ersten Märtyrer.

“Wir befinden uns im Bürgerkrieg”, hat Oath-Keepers-Gründer Rhodes erklärt. Für Proud-Boys-Chef Enrique Tarrio ist Portland zum “Epizentrum” im Kampf um die Freiheit geworden. Zu einem groß angekündigten Aufmarsch dort am vergangenen Wochenende mit angeblich 10.000 Teilnehmern kamen freilich nur einige Hundert. “Tretet weg, Proud Boys”, rief Tarrio den teilweise mit Gewehren bewaffneten Männern in kugelsicheren Westen zu und mahnte zur Zurückhaltung: “Tappt nicht in deren Falle!”

Tatsächlich blieb es friedlich. Dieses Mal. Doch was ist, wenn Trump die Wahl verliert und lautstark von Betrug redet? Würden seine militanten Anhänger im Land dann tatsächlich zu den Waffen greifen? Journalist Giglio hat mit Dutzenden Milizenanhängern gesprochen. Seine Erkenntnis ist beunruhigend: “Viele sagen, sie wollten nicht kämpfen, aber sie hätten das Gefühl, dass sie keine andere Wahl haben.”

“Staat, Sex, Amen”
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