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Die große Unruhe - Amerika steht vor der Zerreißprobe

  • Eine Woche nach dem Tod von George Floyd tobt in den USA ein Flächenbrand an Protesten.
  • Es gibt Toten und Verletzte, sowie tausende Festnahmen.
  • Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners ist kein Einzelfall: An vielen Orten reissen Wunden über andere rassistische Gewalttaten auf.
Thomas Spang
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Washington. Schweren Schrittes bewegt sich Terrence Floyd auf das überlebensgroße Mural zu Ehren seines Bruders George zu, das ein Straßenkünstler wie ein Altarbild auf die Wand des “Cup Foods” Supermarktes in Minneapolis gemalt hat. Wie ein Heiligenschein umgeben die Namen anderer Schwarzer seinen Kopf, die, wie er, Opfer von Polizeigewalt geworden sind. Davor haben Menschen Blumen abgelegt, Andenken hinterlassen und Schilder, auf denen “Black Lives Matter” steht.

Dann bleibt Terrence stehen. Ungefähr hier muss es gewesen sein. Er beugt sein Knie nahe der Stelle, an der George vor einer Woche unter dem eines weißen Polizisten qualvoll erstickte. Das ist nun amtlich, seit ein Autopsie-Bericht am Montag offiziell den Foltertod in Zeitlupe bestätigte. Der mutmaßliche Mörder Dereck C. sitzt seit Ende vergangener Woche in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Eindringlich fleht Terrence die Menge an, nicht in die Falle der Gewalt zu tappen. “Sie wollen, dass wir uns selbst zerstören”, mahnt er zu friedlichen Protesten. “Hört auf zu plündern, macht das Friedenszeichen.”

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Eine Woche nach Tod von George Floyd: Proteste halten an
2:00 min
In den USA kam es auch eine Woche nach dem Tod von George Floyd zu Massenprotesten, Krawallen und Plünderungen.  © Reuters
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60 Prozent der Polizeigewalt-Opfer in Minneapolis schwarz

Hafsa Islam (18) versteht, wie schwer das vor allem den jungen Menschen fällt, die von dem Rassismus im Alltag zutiefst desillusioniert sind. Selbst in einer progressiven Stadt wie Minneapolis, machen Schwarze 60 Prozent der Opfer von Polizeigewalt der vergangenen zehn Jahre aus, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nur bei 20 Prozent liegt. Hafsa verfolgte von ihrem Auto aus zufällig, wie die Polizei den verängstigen George aus dem Supermarkt zerrte. “Diesen Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen,” beschreibt sie die Situation in der “Washington Post”, um dann die Geschichte ihrer Familie zu erzählen.

Ihr Vater bot angesichts der brutalen Taktiken der Polizei an, sein wegen der Pandemie geschlossenes Restaurant “Gandhi Mahal” zu einer Erste-Hilfe-Station umzufunktionieren. Am Wochenende war es bis auf die Grundmauern abgebrannt. Erst habe sie sich geärgert, erinnert sich Hafsa an ihre Reaktion. Dann habe sie gehört, wie ihr Vater Verständnis zeigte, und sagte: “Lass mein Gebäude brennen. Das kann man wieder aufbauen.” Da habe sie verstanden, dass es diesmal um mehr ginge. “Wenn so etwas geschehen muss, damit wir Gerechtigkeit bekommen, ist es das wert”.

Ein Flächenbrand an Protesten

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Was der Tod George Floyds ausgelöst hat, geht weit über die Grenzen Minneapolis hinaus. Es ist ein Flächenbrand, wie 1968 nach dem Mord an Martin Luther King, der Mittelzentren und Millionenstädte von Küste zu Küste erfasst hat. In mehr als zwei Dutzend Städten herrscht der Ausnahmezustand, es gibt Tote und Verletzte sowie tausende Festnahmen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. In Washington lösten am Montagabend Sicherheitskräfte eine Demonstration auf dem Lafayette-Platz vor dem Weißen Haus mit Tränengas und Gummigeschossen auf. Kurz darauf kündigte der US-Präsident im Rosengarten an, die Unruhen notfalls mit dem Militär niederzuschlagen. “So etwas haben die Leute noch nie gesehen”, drohte er.

In New York, dem Epizentrum der COVID-19-Pandemie verhängten Gouverneur Andrew Cuomo und Bürgermeister Bill de Blasio eine Ausgangsperre. Beide sorgen sich darum, dass der tödliche Erreger durch die fehlende soziale Distanz der Demonstranten in einer zweiten Welle zurückkommt. “Ich stehe hinter den Demonstranten und ihren Zielen”, sagte Cuomo, aber er fürchte “hunderte und hunderte neuer Infektionen.” Doch das ist nur die eine Seite. Die andere hat mit der Intensität der Wut zu tun, die die Sicherheitskräfte am Wochenende erstmals seit Gedenken die Kontrolle über die Stadt verlieren ließ.

Chaos herrscht auch in Atlanta, wo der Fall des Schwarzen Ahmaud Arbery noch in frischer Erinnerung ist, den bewaffnete Weiße umgebracht hatten. “Ich hätte niemals gedacht, dass ich für die Anwesenheit der Nationalgarde dankbar bin”, sagt Bürgerrechtler Timothy McDonald zu der täglichen Gewalt. Der “Reverend” glaubt, dass die Randalierer von außen kamen. “Das waren keine Leute von hier.” Diesen Verdacht gibt es überall in den Metropolen. Er richtet sich gegen das Netzwerk weißer Nationalisten und Suprematisten, die im Internet kein Geheimnis daraus machen, einen Rassenkrieg anzetteln zu wollen. “Boogaloo” oder “Big Igloo” lauten die Codewörter dafür in der Szene.

Der Tod von George Floyd ist kein Einzelfall

Wer in Louisville im Kohlestaat Kentucky in der Nacht zum Montag auf einem Parkplatz im “West End” auf die Polizisten geschossen hat, kann auch niemand sagen. Sicher ist nur, dass David McAtee (53), der beliebte Nachbarschafts-Aktivist und Besitzer von “YaYa’s BBQ” nun tot ist. Getroffen von einer Polizeikugel. “Mein Sohn hat niemandem etwas getan”, klagt seine Mutter Odessa Riley über den sinnlosen Tod ihres Jungen, der in seinem Restaurant die Polizei umsonst verköstigte. “Und jetzt haben sie ihn getötet”, sagt Riley bitter. Bürgermeister Greg Fischer verspricht, der Sache auf den Grund zu gehen.

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Dabei ist nicht einmal klar, ob überhaupt jemand auf die Beamten geschossen hat, wie Polizeichef Steve Conrad behauptet. Oder dies nur eine Schutzbehauptung für den Waffengebrauch gegen die Menschenmenge war, die sich nicht an eine verhängte Ausgangssperre gehalten hatte. Herausfinden lassen wird sich das nur schwer, weil die Polizisten bei ihrem Einsatz im “West End” die Körperkameras abgeschaltet hatten.

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Trump droht mit Einsatz des Militärs
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Bürgermeistern und Gouverneuren riet der US-Präsident, die Polizeieinsätze massiv auszuweiten, um die Unruhen niederzuschlagen.  © Reuters

Anlass für den Bürgermeister den seit langem umstrittenen Conrad zu feuern, den Bürgerrechtler auch für den Tod Breonna Taylors im März verantwortlich machen. In Louisville kam es bereits damals zu Unruhen, nachdem herauskam, dass Polizisten in Zivil mitten in der Nacht die Tür der Rettungshelferin eingetreten hatten. Ihr Freund sprang auf und schoss in Notwehr auf die Eindringlinge. Die feuerten zurück und töteten die junge Frau, die tagsüber gegen COVID-19 im Einsatz war. Drogen fanden die Beamten ebenso wenig, wie die Person, die sie eigentlich suchten. Die Ermittler hatten sich schlicht vertan.

Hunderte Fälle von Gewalt gegen Journalisten

Gewalt gegen Journalisten ist der andere große Trend, der sich bei den Unruhen abzeichnet. In Minneapolis verhaftet die Polizei einen farbigen CNN-Reporter vor laufender Kamera, in New York wird ein Reporter des Wall Street Journal von Beamten geschlagen und in Los Angeles wirft ein Polizist die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Fotografin Barbara Davidson gegen einen Feuerhydranten. Insgesamt hat der “U.S. Press Freedom Tracker” bereits mehr als hundert Fälle von Gewalt gegen Journalisten dokumentiert, die über die Unruhen berichten.

Aber es gibt auch ermutigende Zeichen von Zivilcourage. Polizisten, die spontan ein Knie beugen, um sich mit den Demonstranten zu solidarisieren. Oder den Sheriff von Flint, Christopher R. Swanson, der in der von Rassenkonflikten geplagten Heimat General Motors in Michigan am vergangenen Wochenende seinen Helm und Knüppel ablegte. “Ich möchte das hier zu einer Parade machen”, versprach er der Menge, die “Geh mit uns” skandierte. Swanson tat, was er sagte, und setzte sich an die Spitze des Marschs. “Ich liebe Euch Leute”, versicherte der Sheriff. “Die Polizei liebt Euch.”

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