Massenprotest in Moskau: Schnitzeljagd mit symbolischer Belohnung

  • In Moskau gingen wieder tausende Menschen für die Freilassung Alexej Nawalnys auf die Straßen.
  • Doch die Staatsmacht hatte eine neue Strategie, um die Massen zu zerstreuen.
  • RND-Autor Paul Katzenberger war vor Ort und berichtet von einem symbolischen Katz-und-Maus-Spiel.
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Moskau. Es hatte Neuschnee gegeben in Moskau in der Nacht von Samstag auf Sonntag, doch wie eine friedliche Winteridylle wirkte die russische Hauptstadt an diesem letzten Tag des Januars ganz und gar nicht.

Das Zentrum rund um den Kreml gleicht am Mittag eher einer Festung, die von der Polizei weiträumig mit Absperrgittern abgeriegelt worden war. Die Stadtverwaltung hatte am späten Vormittag alle Geschäfte, Cafés und Restaurants im Herzen der Stadt schließen lassen, ebenso wie das riesige Kinderkaufhaus „Detskij Mir“ und das Historische Museum am Roten Platz. Die sieben zentralsten Stationen der Metro, darunter die Haltestelle Lubjanka, an der der Inlandsgeheimdienst FSB seinen Sitz hat, waren ebenso zugesperrt worden.

Der Grund für all diese Maßnahmen war ein einfacher Tweet, den das Moskauer Team des inhaftieren Oppositionsführers Alexej Nawalny zwei Tage vorher abgesetzt hatte: „Am 31. Januar versammeln wir uns um 12 Uhr an der Lubjanka und gehen in einem friedlichen Aufmarsch durch die Stadt.“

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Was sich so harmlos anhörte, empfindet die russische Staatsmacht allerdings als gewaltige Provokation. Nach fünf Monaten der Genesung war der Oppositionspolitiker am 17. Januar aus Deutschland zurückgekehrt, nachdem er im August 2020 allem Anschein nach vom Inlandsgeheimdienst FSB in Sibirien mit dem russischen Kampfstoff Nowitschok lebensgefährlich vergiftet worden war.

Seither gehen viele Menschen in ganz Russland auf die Barrikaden: Erst vom Staat nahezu ermordet und dann genau von jener Obrigkeit sofort verhaftet, die ihm das angetan hat – das empört viele Menschen in Russland: „Sein Schicksal verstärkt den Wunsch von Menschen nach Gerechtigkeit“, sagt die Moskauer Politologin Lilia Schewtsowa dem RND, „egal, ob sie seine Anhänger sind oder nicht. Das erzeugt einen Zusammenhalt, den es vorher nicht gegeben hat.“

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Um diese neue Eintracht zu brechen, betrieb die Staatsgewalt an diesem Sonntag einen riesigen Aufwand, um es nicht wieder zu einer Massendemonstration kommen zu lassen, wie am 23. Januar vor gut einer Woche. Da hatten Tausende in Moskau und im ganzen Land gegen die Verhaftung Nawalnys demonstriert. Allein in Moskau hatte es nach Angaben des Bürgerrechtsportals OWD-Info 1455 Festnahmen gegeben – landesweit waren es circa 4000 gewesen.

„Kein Durchgang“: massives Polizeiaufgebot in Moskau

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Und so ergriff die Moskauer Stadtverwaltung Gegenmaßnahmen, die es vorher so noch nicht gegeben hat: Noch nie waren Metrostationen tagsüber einfach dichtgemacht worden, doch an diesem Tag sollte alles ein bisschen anders sein.

Die Metrostation Lubjanka war ohnehin geschlossen, doch Menschen, die sich ihr einfach zu Fuß nähern wollten, gerieten 900 Meter entfernt an der Ecke der Hauptgeschäftsstraße Twerskaja in die erste Polizeikontrolle. Wer nachweisen konnte, dass sie/er in der Nähe wohnt, wurde durchgelassen, andere Passanten mussten sich schlicht anhören: „Njet Prochoda“ („Kein Durchgang“).

300 Meter vor der Lubjanka war dann allerdings auch für die Anwohner Schluss. Erregt diskutiert Arkadij Beljajew mit den Schutzleuten und gestikuliert immer wieder nach rechts oder nach links, denn das sind die beiden Richtungen, die sie ihm zur Wahl lassen – dabei geht es zu seiner Wohnung geradeaus.

Da ist es schon 11.30 Uhr Ortszeit und erst in dem Moment merkt das Team von Nawalny, dass es mit dem geplanten Aufmarsch am Lubjanka-Platz aufgrund der Absperrungen wohl nicht klappen wird. Also wird schnell umdisponiert: Auf dem Messengerdienst Telegram macht die Nachricht die Runde, dass sich die Demonstranten doch bitte an einer der Metrostationen Sucharewskaja und Krasnje Worota einfinden mögen, um dann auf dem Gartenring aufeinander zuzulaufen – um sich auf halber Strecke zur Demo zu treffen.

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Russland, Moskau: Polizisten in Schutzkleidung blockieren Demonstranten den Weg bei einem Protest gegen die Inhaftierung des Kremlkritikers Nawalny. © Quelle: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Doch auch daraus wird nichts. Schon auf dem Weg zur Metrostation Sucharewskaja drängt sich alles immer mehr: Die Menschen stauen sich auf den Gehwegen, der Autoverkehr wird immer dichter, bis gar nichts mehr vorangeht. Der Grund: Die Staatsgewalt hat den Strategieschwenk der Nawalny-Truppe im Internet natürlich längst registriert. Also werden jetzt eben die Metrostationen Sucharewskaja und Krasnje Worota kurzzeitig geschlossen und die Zugangsstraßen mit Polizei und Omon-Bereitschaftspolizisten abgeriegelt.

Nawalny-Unterstützer rechnen mit Gewalt

Erst harren die Demonstrierwilligen vor dem Polizeikordon vor der Metrostation Sucharewskaja noch aus. Doch dann wird es da bei Schneetreiben und kalten Temperaturen recht ungemütlich: Da lockt vor allen weiteren Protesten doch ein Gang in den Cofix-Coffeeshop in der nahe gelegenen Stretenka-Straße. Eben noch leer, füllt sich das Schnellrestaurant schnell. Unter den Gästen auch Iwan und Dmitri, zwei Gegner des Putin-Regimes, die ihre gute Laune trotz der aus ihrer Sicht bis zu diesem Zeitpunkt unbefriedigend verlaufenen Protestaktion nicht verloren haben.

Es bedeute gar nichts, betont Iwan, wenn es der Staatsmacht durch ihre neue Strategie heute gelungen sei, eine konzertierte Aktion der Opposition bislang zu verhindern: „Denn erst die Zeit wird zeigen, ob es zu einem Regimewechsel kommen wird.“ Er befürchtet, dass dies mit größerer Gewalt einhergehen werde.

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Zwangsmaßnahmen kommen in Moskau schließlich noch an diesem Tag. Denn das Nawalny-Team gibt einen neuen Anlaufpunkt bekannt – das Matrosskaja Tischina-Gefängnis („Matrosenruhe“), in dem der Oppositionsführer derzeit in Untersuchungshaft gehalten wird.

Widerstandsbewegung geht in Vorlage

Die Sicherheitskräfte haben die Zufahrten zu diesem symbolischen Ort gesperrt. Es kommt zu einzelnen Zusammenstößen der Polizei mit Protestierenden, die in verschiedenen Aufmärschen mit mehreren tausend Menschen auf das Gefängnis zulaufen. Die Haftanstalt gilt als die am stärksten bewachte Lokalität in Moskau.

Auch in Sankt Petersburg waren Tausende für Nawalny demonstrieren. © Quelle: imago images/ITAR-TASS

Nawalnys Team erklärt, dass Nawalny die Rufe seiner Unterstützer in seiner Zelle hören solle. Viele Menschen rufen: „Freiheit für Alexej Nawalny!“. Bis sie am Ort des Geschehens sind, gibt es allerdings erneut viele Menschen, die in Gewahrsam genommen werden. Vorläufig sind von 1000 Festnahmen allein in Moskau die Rede.

Der Machtkampf zwischen Regierung und Opposition in Russland dauert an. Ausgang offen – bislang zahlt geht die Widerstandsbewegung in Vorlage: Sie zahlt den Preis, doch das Kalkül der Staatsmacht, den Aufstand mit neuen Taktiken zu unterdrücken geht schließlich auch nicht auf.

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