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Proteste in Kolumbien: „Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn der Staat da draußen meine Leute tötet“

  • Tränengas, Wasserwerfer und tödliche Waffengewalt gehören zum neuen Alltag vieler Menschen in Kolumbien.
  • 40 Tote und mehr als tausend Verletzte sind aus den gewalttätigen Auseinandersetzungen hervorgegangen.
  • Auslöser für die Proteste war eine geplante Steuerreform.
Amandine Cormier
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Schwarze Brille, dunkle Haare, müdes Lächeln – der Journalist Simon Hore González sitzt im weißen Hemd in seinem Arbeitszimmer in Bogotá. Anspannung liegt in der Luft, die politische Situation seines Landes macht ihm zu schaffen. Das einzig Farbenfrohe während des Interviews mit González ist das bisschen Grün im Gemälde seiner Zimmerwand. González lächelt leicht und schaut zugleich mit ernstem Blick in die Kamera seines Handys. Seine Umgebung ist ruhig – fast zu ruhig für Kolumbien in diesen Tagen.

Seit zwei Wochen gehören Tränengas, Missbrauch und Mord auf den Straßen zum Alltag der Kolumbianer und Kolumbianerinnen. Die geplante Steuerreform, die die Menschen am 28. April auf die Straßen führte, wurde inzwischen zurückgenommen. Doch die Proteste gehen weiter – die Reform war nicht der ausschlaggebende Grund, sondern der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, so González.

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Mord und Missbrauch in Kolumbien: Gewalt gegen Protestierende eskaliert
2:22 min
Nachts ist das Demonstrieren in Kolumbien lebensgefährlich geworden – Dutzende Menschen sind bereits ums Leben gekommen.  © Amandine Cormier/RND/Reuters
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Das Motto der Proteste, „No a la reforma tributaria“ (Nein zur Steuerreform), hat sich über die Tage geändert hin zu „Nos están matando“ (Sie töten uns). Der Widerstand richte sich mittlerweile ebenfalls gegen eine geplante Gesundheitsreform, die nur diejenigen begünstige, die die medizinische Versorgung bezahlen können. Außerdem fordern die Demonstranten die Einhaltung des Friedensprozesses, der zu Bruch gegangen ist.

Verzweifelte Jugend mit Dutzenden Toten

Die Missbräuche vonseiten der Regierung sind vom Drogenparamilitarismus gebrandmarkt und haben sich in den vergangenen Jahren gehäuft. González erzählt, wie systematische Morde an sozialen Führungspersönlichkeiten, Massaker und andere willkürliche Handlungen bereits in der Vergangenheit zu Bürger- und Bauernmobilisierungen geführt haben.

Menschenrechtsorganisationen wie Indepaz sprechen von 40 Toten, die meisten sind Jugendliche oder junge Erwachsene. Die Organisation zählt mehr als tausend Verletzte, 87 Vermisste und neun Fälle sexueller Gewalt.

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Gachancipa in Kolumbien: Ein Demonstrant wird von Sicherheitskräften während Unruhen festgenommen. Seit vergangenem Mittwoch ist es in dem südamerikanischen Land zu zahlreichen, teilweise von Gewalt überschatteten Protesten gekommen. Mindestens 24 Menschen sind nach dem jüngsten Report der nationalen Ombudsstelle, auf den sich die Zeitung „El Tiempo“ berief, während der Protesttage in dem Land im Aufruhr ums Leben gekommen, elf unter ihnen demnach durch die Polizei. Foto: Ivan Valencia/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © Quelle: Ivan Valencia/AP/dpa

Die Probleme in Kolumbien häufen sich: Unter anderem leidet auch die Bildung. González erzählt, wie nur diejenigen auch Bildung erhalten, die sich den Zugang zur Universität leisten können. Das öffentliche Bildungswesen befindet sich in einer tiefen Krise und kann den Armen (der großen Mehrheit des Landes) den Zugang zu hochwertiger Bildung nicht ermöglichen.

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Muttertag zwischen Trauer und Gewalt

Wer bereits eine Arbeit hat, ist trotzdem verzweifelt – die 21-jährige Demonstrantin Lorena Ivette Acosta Ambito ist Betriebswirtin, doch für sie ist es unmöglich geworden, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren: „Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn der Staat da draußen meine Leute tötet, weil sie ihre Rechte einfordern.“ Mütter gingen am Muttertag unter anderem in Cali auf die Straßen, um diejenigen zu unterstützen, die ihre Kinder bei den Protesten verloren haben.

Allein geht Ambito nicht mehr auf die Straße, als Frau müsse man immer Gruppen bilden, um nicht Opfer der Polizeigewalt zu werden. „Eine Frau in Kolumbien zu sein und auf die Straße zu gehen bedeutet, nicht zu wissen, ob man geschlagen oder vergewaltigt wird oder ob man es einfach nicht schaffen wird.“ Die Situation ist für die 21-Jährige dann besonders schwierig, wenn der Strom abgestellt wird oder das Internet nicht mehr funktioniert. Informationen werden zensiert, der Austausch zwischen den Teilen des Landes wird für sie und andere Kolumbianer kompliziert.

Der Journalist González kennt dieses Problem und möchte gegen die eingeschränkte Pressefreiheit ankämpfen. Er machte es sich 2020 zur Aufgabe, eine unabhängige journalistische Website (a diestra y siniestra) zu gründen, auf der alle das Recht haben sollen, ihre Meinung frei zu äußern.

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Der Staat erkennt die sozialen und politischen Probleme des Landes allerdings nicht an. Das Resultat: Die Regierung sieht nicht hin, und die Polizei schlägt zu. Junge Menschen wie Ambito sind in diesen Tagen verzweifelt: „Ich spüre eine Schwere in der Brust, einen Schmerz in der Seele, der nicht aufhört, der mich in ständiger Alarmbereitschaft hält, weil ich nicht weiß, was in der Zukunft passieren wird.“

RND/Amandine Cormier

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