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Mullah-Regime in Bedrängnis

Der Aufstand im Iran – und wieder ist Deutschland überrascht

Ein Polizeimotorrad brennt am 20. September während eines Protests in Teheran.

Ein Polizeimotorrad brennt am 20. September während eines Protests in Teheran.

Deutschland ist überrascht – mal wieder. Wie schon im Fall des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine erreichten die Nachrichten einer Protestwelle im Iran, die nicht nur für die ZDF-Journalistin Golinah Atai längst revolutionäre Züge annehmen, die deutsche Politik komplett unvorbereitet.

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Lange Zeit hatte Deutschland wie auch andere europäische Staaten auf eine Art Appeasement-Politik mit dem Regime in Teheran gesetzt, basierend auf dem 2015 geschlossenen Atomabkommen.

Das Abkommen war bereits 2018 vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump aufgekündigt worden. Doch die deutsche Politik hatte weiter, auch das erinnert an die Russland-Politik, auf das Prinzip Belohnung durch Handel im Tausch gegen Verzicht auf atomare Aufrüstung gesetzt, eine moderne Variante des bewährten Willy-Brandt-Konzepts „Wandel durch Annäherung“.

Die Islamische Republik ist nicht wandelbar.

Ali Fathollah-Nejad,

Politologe

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Diesmal geht es an die Fundamente der Mullah-Herrschaft

„Die Islamische Republik ist nicht wandelbar“, ist dagegen der Politologe Ali Fathollah-Nejad überzeugt, „deshalb haben die Herrschenden dort angesichts der sich ausweitenden Proteste auch kaum Spielräume“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Immer wieder hatte es im Iran Proteste gegeben, zuletzt im November 2019 nach Benzinpreiserhöhungen. Doch dieses Mal scheint es an die Fundamente der mittlerweile 43-jährigen Mullah-Herrschaft zu gehen. „Sind wir in Deutschland auf so etwas Fundamentales mental vorbereitet oder haben wir mit Vertretern zusammengearbeitet, die so ein Szenario nie vorgesehen haben?“, fragte die Teheran geborene Golinah Atai, Leiterin des ZDF-Studios, in Kairo.

Eine Glorifizierung gab es während der Regierungszeiten der angeblichen Reformer Hassan Rohani oder Mohammed Chatami. Ignoriert wurde dabei unter anderem, „dass der Iran die prowestlichste Bevölkerung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens hat. Und zwar auf Grundlage der Erfahrungen mit diesem Islamistischen Regime, mit dessen Antiamerikanismus und Israelfeindlichkeit.“

Wer als westlicher Besucher den Iran in den letzten Jahren besucht hat, dem fielen vor allem zwei Dinge auf: Menschen, die gegenüber Fremden jede Gelegenheit nutzen, um ihre Abscheu, ihre Ablehnung des politischen System auszudrücken. In einem Land, das seit Jahren weltweit führend ist, was die Zahl der verhängten Todesurteile betrifft, überrascht dieser Mut. „Es ist nicht Mut, es ist Verzweiflung“, erklärte Golinah Atai am Donnerstagabend im ZDF-Talk von Markus Lanz.

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Das Zweite, was Besucher im Iran überrascht, sind die jungen Menschen, die sich so ganz anders verhalten, als man das vom Leben in einer islamischen Republik erwartet. Junge Frauen, die im Straßenbild den Tschador, den zu tragen sie verpflichtet sind, weit in den Nacken rutschen lassen, die sich schminken, Selbstbewusstsein demonstrieren. Man sieht junge Paare, die sich händchenhaltend in Parks und Cafés treffen.

Westliche Akzeptanz des Kopftuchs wird als „Dolchstoß“ empfunden

Den staatlichen Zwang des Kopftuchtragens „haben die Herrschenden als Ausdruck iranischer ‚Kultur‘ verbrämt“, so Golinah Atai im ZDF. Und Politikerinnen und Politiker im Westen hätten diese Legende übernommen „und ihrerseits beim Besuch des Iran ein Kopftuch aufgezogen“, was von vielen Iranerinnen als „Dolchstoß in den Rücken“ empfunden wurde, so Atai.

Kotau vor dem Kopftuchzwang der Mullahs:  Hassan Ruhani (r.), ehemaliger Präsident des Iran, empfängt im Februar 2018 Sigrid Kaag, Ministerin für Außenhandel und Entwicklungszusammenarbeit der Niederlande, zu einem Gespräch.

Kotau vor dem Kopftuchzwang der Mullahs: Hassan Ruhani (r.), ehemaliger Präsident des Iran, empfängt im Februar 2018 Sigrid Kaag, Ministerin für Außenhandel und Entwicklungszusammenarbeit der Niederlande, zu einem Gespräch.

Dass im Westen stattdessen das Bild eines Reiches der Finsternis gezeichnet wurde, hält Fathollah-Nejad auch für das Ergebnis einer eurozentristischen Ignoranz. „Unsere Gesellschaften sind gar nicht so verschieden, wie viele hier glauben. Menschen im Iran wollen das Gleiche wie Menschen in Hamburg oder Berlin, die Ähnlichkeiten überwiegen, nur will das hier kaum jemand wahrhaben“, sagt der Politologe.

Dass Frauen jetzt an der Spitze der Rebellion gegen die Herrschaft der alten Männer stehen, liegt nicht allein am gewaltsamen Tod von Mahsa Amini nach ihrer Inhaftierung durch die Sittenpolizei, was als Auslöser der Protestwelle gilt. „Frauen haben im Iran das meiste auszustehen“, beschreibt Fathollah-Nejad. „Die islamische Revolution 1979 war auch eine Revolution gegen die Frauen, die viele ihrer Rechte eingebüßt haben.“

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Grabmal von König Kyros dem Großen nahe der alten Residenzstadt Pasargadae, 130 Kilometer nordöstlich von Schiras.

Grabmal von König Kyros dem Großen nahe der alten Residenzstadt Pasargadae, 130 Kilometer nordöstlich von Schiras.

„Der Iran ist heute eine in weiten Teilen säkularistische Gesellschaft“, beschreibt Fathollah-Nejad. Viele Menschen im Iran wenden sich aber auch wieder der altpersischen Kultur zu und verdammen vieles, was sie als fremd und arabisch empfinden – und machen in ihrer Kritik auch nicht vor dem Islam halt.

Beispielsweise versammeln sich zweimal im Jahr, zum persischen Nouroz-Fest Ende März und zum Geburtstag von Kyros dem Großen am 29. Oktober, Tausende vor allem junge Menschen am Grabmal des antiken Perser-Königs nahe der alten Residenzstadt Pasargadae, 130 Kilometer nordöstlich von Schiras. Mehrfach schon mündete diese Wallfahrt in einem Protest gegen die Mullahs.

Sogar iranische Medien berichteten von einem Tsunami des Atheismus.

Michael Blume, Religionswissenschaftler

„Sogar iranische Medien berichteten von einem Tsunami des Atheismus, weil die jungen Leute und inzwischen ja auch die ärmeren Schichten nicht nur das Mullah-Regime, sondern auch zunehmend die ganze Religion ablehnen“, bestätigt der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume dem RND.

Golinah Atai, deren journalistische Schwerpunkte sowohl Russland als auch der Iran bilden, sieht direkte Parallelen in der deutschen Berichterstattung über beide Länder: „Tatsächlich fühle ich mich beim Thema Iran an die Russland-Politik der letzten Jahre erinnert“, sagte sie bei Markus Lanz. „Wir wollten bestimmte Dinge nicht sehen. Zum Beispiel, dass das keine Regierungen sind, die politisch verantwortlich im Umgang mit den eigenen Bürgern handeln. Und dass wir auf die falschen Leute gesetzt und zu lange Reformversprechen geglaubt haben.“

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