Protest im Corona-Hotspot Hildburghausen löst Unmut aus

Hildburghausen am Mittwochabend.

Hildburghausen am Mittwochabend.

Berlin. Als Bodo Ramelow am Mittwochnachmittag die Videoschalte mit Kanzlerin Angela Merkel und den anderen 15 Ministerpräsidenten zur Corona-Politik für ein kurzes Telefonat mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) unterbrach, da kam er auch auf die Situation im Landkreis Hildburghausen zu sprechen.

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Dabei klang Thüringens linker Ministerpräsident gar nicht so pessimistisch. Immerhin könnten die dort anstehenden flächendeckenden Corona-Tests wichtige Erkenntnisse für das ganze Land bringen, sagte er.

Was Ramelow da noch nicht wusste: Kurz darauf versammelten sich im Zentrum der ebenso idyllischen wie ein bisschen leblosen Kreisstadt, die Insider Hibu nennen, rund 400 Menschen, um gegen die Corona-Beschränkungen zu protestieren. Viele trugen keinen Mund-Nasen-Schutz und hielten den Mindestabstand nicht ein. Die Menge sang sogar: „Oh, wie ist das schön…“

Die Polizei zerstreute sie, auch mithilfe von Pfefferspray. Der linke Bürgermeister der Stadt in hügeliger Landschaft an der Grenze zu Bayern reagierte entsetzt. Nun stellt sich die Frage: Was ist da los?

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Explosion der Zahlen

Epidemiologisch ist die Antwort klar: In Hildburghausen gab es laut Robert-Koch-Institut zuletzt 602,9 Infektionsfälle auf 100.000 Einwohner pro Woche. Das ist das bundesweit stärkste Infektionsgeschehen. Der Befund widerspricht den Analysen vom Frühjahr. Seinerzeit hieß es mit Blick auf die relativ niedrigen Infektionszahlen in Ostdeutschland, sie hätten mit einer dünneren Besiedlung zu tun – und mit einer überalterten und weniger mobilen Bevölkerung.

Das trifft auch auf den südthüringischen Landkreis Hildburghausen zu. Trotzdem sind die Zahlen dort explodiert – so wie im Frühjahr im ebenfalls südthüringischen Landkreis Greiz, wenn auch damals auf einem weit niedrigeren Niveau.

Die rund 63.000 Einwohner in der Region Hildburghausen dürfen bis zum 13. Dezember ihre Wohnungen nicht mehr ohne triftigen Grund verlassen, Schulen und Kindergärten wurden geschlossen. Die Bundeswehr soll ab Montag täglich 400 Kinder, Schüler, Erzieher und Lehrer testen.

Die ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), die im zehn Kilometer von der Stadt Hildburghausen entfernt liegenden Schleusingen wohnt, sagt: „Wir halten uns an die Maßnahmen.“ Gleickes Eltern sind über 80, ihr Bruder ist lungenkrank. Alle drei gehören zur Risikogruppe. „Besser, wir sitzen in einem Jahr wieder mit 20 Leuten an einem Tisch, als dass einer fehlt“, betont die 56-Jährige.

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Politisch sind die Verhältnisse rund um die Demo unübersichtlich. Die Landespolizeidirektion in Suhl teilte mit, die Proteste seien nicht von Rechtsradikalen organisiert worden. Allerdings postete der ortsansässige frühere NPD-Politiker Tommy Frenck Fotos und Videos der Ereignisse und forderte, das öffentliche Leben wieder hochzufahren. Überdies hat die AfD im Landkreis bei der letzten Landtagswahl 26,1 Prozent der Stimmen geholt. Im nahe gelegenen Themar fanden wiederholt Rechtsrockfestivals mit Tausenden Teilnehmern statt.

Der langjährige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der in Hildburghausen Abitur machte, sagte dem RND: „Der Landkreis Hildburghausen hat die größte Infektionsdichte im ganzen Land. Und dennoch gehen die Leute auf die Straße. Da zeigt sich ein unaufgeklärter, selbstmörderischer Trotz.“ Er fügte hinzu: „Es ist beunruhigend, dass Menschen Freiheit missverstehen als die Erlaubnis, sich selbst und anderen zu schaden.“

Freiheit geht nur in Verantwortung gegenüber anderen.

Iris Gleicke (SPD), ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung

Gleicke sagt, der Protestzug sei vermutlich ähnlich zusammengesetzt gewesen wie ähnliche Protestzüge in Stuttgart und Berlin. Dabei würden sich hier wie dort Rechtsextremisten auf das Thema „draufsetzen“. Andere Bürger müssten also wissen, „mit wem sie sich da auf die Straße stellen. Ich habe dafür wenig Verständnis. Freiheit geht nur in Verantwortung gegenüber anderen.”

Bodo Ramelow appellierte derweil an die Menschen, „sich gegenseitig zu helfen“. Gerade in Südthüringen sei die Situation auf den Intensivstationen angespannt. Wer glaube, dem mit Missachtung begegnen zu können, erweise „seinen Mitbürgern einen Bärendienst”.

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