Problem-Zone Sahel: „Es gibt keinen Schritt nach vorne“

  • Die Staaten der Sahel-Zone – neben dem Gastgeberland Niger, Mali, Mauretanien und Burkina Faso – treffen sich am Dienstag, um unter anderem über den Antiterrorkampf zu beraten.
  • Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und Außenminister Heiko Maas schalten sich per Videokonferenz dazu.
  • Thomas Schiller, Leiter des Regionalprogramms Sahel der Konrad-Adenauer-Stiftung, beobachtet die Lage aus Mali und ist ernüchtert.
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Berlin. Herr Schiller, wie ist die Lage im Sahel?

Die Lage ist unverändert: Es kann nicht mehr schlechter werden. An den grundsätzlichen Problemen hat sich nichts geändert. Ich sehe keinen Schritt nach vorne.

Frankreich berichtet immer wieder von Erfolgen ihrer militärischen Antiterrormission Barkhane.

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Es gibt diese Erfolge, aber es gibt auch Rückschritte. Und der Terror ist nur ein Symptom. Die fundamentalen Probleme sind andere: Geographie, Demografie und Staatlichkeit.

© Quelle: KAS

Was bedeutet das?

Ganz obenan steht die Staatlichkeit. Funktionierende staatliche Strukturen sind in den Sahel-Ländern nicht oder kaum vorhanden. Das führt dazu, dass selbst bestehende Ressourcen nicht vernünftig eingesetzt werden können. Dadurch gibt es allenfalls kleine Fortschritte – oder Erfolge werden wieder zunichte gemacht. Und selbst bei bester Nutzung von Ressourcen wäre es schon schwierig, die bestehenden riesigen unterentwickelten Räume zu versorgen. Dazu kommt die Demographie: Das Bevölkerungswachstum ist enorm. Das trägt nicht dazu bei, dass die Probleme kleiner werden. Schon in Deutschland haben wachsende Städte oft Schwierigkeiten, ausreichend Schulen bereit zu stellen. Das potenziert sich, wenn das Bildungssystem ohnehin schon desolat ist und jedes Jahr Hunderttausende Menschen dazu kommen.

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Was lässt sich tun?

Die Geographie lässt sich nicht ändern, bei der Demographie ist es zumindest schwierig. Was man am ehesten anpacken kann, ist die Förderung der Staatlichkeit. Wenn es die nicht gibt, gibt es kein Erfolgsszenario. Dazu müssen aber auch die afrikanischen Eliten bereit sein.

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Ist das eine ähnliche Entwicklung wie in Afghanistan?

Absolut. Im Sahel-Bereich wurde eine vergleichbare Logik angewandt: Entwicklungszusammenarbeit plus Militärmission. Vergessen wurden zunächst die lokalen und regionalen staatlichen Akteure, die man erst einmal wirklich aufbauen, stärken und auch mitnehmen muss, damit nicht alles auf Dauer von internationalem Engagement abhängig ist.

Die Sahel-Debatte fokussiert sich in Deutschland meist stark auf den Bundeswehr-Einsatz in Mali.

Wichtig ist es, die gesamte Region wahrzunehmen. Und es reicht nicht, sich auf Ausbildung von Streitkräften zu fokussieren.

Frankreich hat die führende Rolle im Sahel-Einsatz der internationalen Gemeinschaft. Ziehen überhaupt alle an einem Strang?

Die internationale Gemeinschaft tut viel. Die Zahl der Akteure ist enorm gewachsen. Aber die Koordinierung müsste besser werden. Es wäre eine Aufgabe der Politik vor Ort, ihre Prioritäten zu definieren.

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Das internationale Interesse liegt gerade stark auf Russland, China und den USA. Gibt es genügend Aufmerksamkeit für die Region?

Für die Sahel-Zone ist noch Aufmerksamkeit da, hier gibt es ja auch die Militäreinsätze. Aber Demografie, Geographie und Staatlichkeit sind auch in anderen afrikanischen Staaten ein Problem. Es wäre wichtig, den gesamten Kontinent mehr in den Blick zu nehmen. In Deutschland wird Afrika oft immer noch als weit weg und exotisch wahrgenommen, es gibt immer noch zu wenig persönliches Interesse oder Bewusstsein dafür, dass das unser Nachbarkontinent ist.

Wie sehr verschärft die Corona-Pandemie die Lage?

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Keiner weiß das so genau. Es wird nur wenig getestet. Deswegen sind die offiziellen Infektionszahlen sehr niedrig. Viele internationale Projekte sind schwieriger geworden, weil die Organisationen sich Quarantäneregeln auferlegt haben und daher die Begleitung vor Ort schwieriger wird. Die große Gefahr ist, dass die weltwirtschaftliche Entwicklung die afrikanischen Länder runterzieht.

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