• Startseite
  • Politik
  • Pressestimmen zum Brexit: „Die Briten sind nicht aus der Welt“

Pressestimmen zum Brexit: „Die Briten sind nicht aus der Welt“

  • Um Mitternacht ist es soweit: Großbritannien tritt aus der EU aus.
  • Entsprechend wird das Thema reichlich in den Tageszeitungen Europas kommentiert.
  • Während die britischen Zeitungen sich den Chancen für das Vereinigte Königreich widmen, machen sich die Blätter im Rest Europas eher Sorgen.
Anzeige
Anzeige

Berlin. Was wird aus Großbritannien nach dem Brexit? Die Stimmung kurz vor dem Austritt der Briten aus der EU schwankt zwischen Hoffen und Bangen – was sich auch in den Kommentaren der europäischen Tageszeitungen widerspiegelt. In Großbritannien überwiegt dabei derzeit vor allem die Hoffnung.

So kommentiert die Londoner Times, Großbritannien könne nun eigene Wege gehen: „Großbritannien hat eine Chance, die Dinge anders zu machen und sein Wirtschaftsmodell so anzupassen, dass es für das gesamte Land besser funktioniert. Pläne für ein neues Einwanderungssystem, das die Personenfreizügigkeit für EU-Bürger beendet, könnten längerfristig von Vorteil sein, wenn es zu höheren Löhnen führt und Arbeitgeber zwingt, in Ausrüstung und Qualifikation zu investieren. Großbritannien wird die Freiheit haben, von EU-Regeln abzuweichen, die es behindern. (...) Großbritannien kann zudem eine Handelspolitik entwickeln, die eigenen Interessen den Vorrang gibt. Und sollte das alles schiefgehen, werden unsere Politiker niemals wieder in der Lage sein, der EU dafür die Schuld zu geben. Das ist allein schon ein Segen.“

Video
Britische Europa-Abgeordnete sagen Brüssel Goodbye
0:27 min
Am letztem Tag vor dem Brexit weht der Union Jack noch vor dem EU-Parlament in Brüssel.  © AFP
Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Von einem Gefühl des Unbehagens und der Melancholie schreibt die belgische Zeitung De Standaard: „Die Tatsache, dass die Briten freiwillig aus diesem großen, freien Markt aussteigen und gleichzeitig versuchen müssen, wieder Zugang zu ihm zu erhalten, zeigt, wie absurd die ganze Brexit-Idee ist. Und doch herrscht beim Weggang der Briten auch in Europa ein Gefühl des Unbehagens und der Melancholie, obwohl sie seit ihrem Beitritt 1973 immer den Stempel des Unruhestifters hatten. Die Frage ist sogar, ob man noch von einer ‚Europäischen‘ Union sprechen kann, wenn das Land, das die Identität und Kultur des alten Kontinents über Jahrhunderte geprägt hat, nicht mehr dazugehören will. Natürlich wird dieser Einfluss nicht plötzlich verschwinden. (...) Aber eine EU ohne Großbritannien wird in vielen Bereichen zu einer ‚ärmeren‘ Union werden.“

Video
Schnell erklärt: Was passiert nach einem EU-Austritt?
1:57 min
Am 31. Januar wird Großbritannien aus der EU austreten. Doch was genau bedeutet das? Wir haben die Antwort.  © AFP

Die konservative polnische Zeitung Rzeczpospolita schreibt: „Keines der verbleibenden 27-EU-Mitgliedsländer hat die Vorteile Großbritanniens: seine Weltsprache, seinen kulturellen Einfluss, seine geographische Lage, seine Unterstützung durch Amerika. Trotzdem: Wenn Brüssel keine gründlichen Lehren aus dem Brexit zieht, kann man sich leicht vorstellen, dass auch in einem anderen Land die öffentliche Meinung zum Thema Integration ähnlich umschlagen könnte wie in Großbritannien. Im Süden und im Osten ist die EU von verarmten und korrupten Diktaturen umgeben. Ob sich die Sicherheit des Alten Kontinents weiter auf die USA stützen kann, wird immer zweifelhafter. Das vereinte Europa hat also große Vorteile. Trotzdem schafft es die EU nicht, die wirtschaftliche Stagnation in den alten Mitgliedsländern zu durchbrechen. Die Verhandlungen über eine gemeinsame Migrations-, Umwelt- und Haushaltspolitik treten auf der Stelle. Brüssel bleibt passiver Zuschauer bei internationalen Krisen, wie jetzt im Iran oder Libyen. Und obwohl die EU-Institutionen die ihnen übertragenden Aufgaben nicht erfüllen können, bemühen sie sich ständig um weitere.“

Die Schwäbische Zeitung widmet sich den deutsch-englischen Beziehungen: „Die deutsch-englische Achse, sie ist Geschichte. Doch bevor man zu rührselig an Vergangenes denkt: Die deutsch-englischen Beziehungen waren nie perfekt. Helmut Schmidt hat oft genug klargemacht, wie schwierig es mit Maggie Thatcher war, die ihre Handtasche auf den Brüsseler Tisch knallte und ihr Geld zurück wollte. Nun also wird es zu einer EU ohne Großbritannien kommen. Nach den langen Abschiedsquerelen hält sich der Schmerz in Berlin in Grenzen. Die Sichtweise, dass die Briten ohnehin nie ganz in Europa angekommen waren, ist verbreitet. Die Ingenieure Europas saßen immer schon in Paris und Berlin, hier schlug das Herz. Doch auch hier gibt es jetzt Rhythmusstörungen. Das ist weit besorgniserregender als der Weggang der Briten. Denn die sind schon kräftig dabei, ihre Fehler zu korrigieren. Aber nur, wenn die EU einen neuen Schub bekommt, nur wenn sie demokratischer wird und die Gesetzgebung reformiert wird, nur dann kann es gut sein, dass Großbritannien eines Tages zurückkommt.“

Anzeige

Die Berliner Morgenpost hofft auf eine fruchtbare künftige Partnerschaft zwischen EU und Großbritannien: „Hilfreich wäre es, wenn die Europäische Union der Neigung widerstehen könnte, die Briten für die Scheidung zu bestrafen und zur Abschreckung potenzieller Nachahmer so zu tun, als könne man London ein Verhandlungsergebnis diktieren. Das wäre Gift für die offiziell angestrebte freundschaftliche Beziehung, an der auch die EU ein großes Interesse haben müsste. Nicht nur aus ökonomischen oder sicherheitspolitischen Gründen, sondern schlicht, weil Großbritannien ja weiter zu Europa gehört. Die Chancen für einen harmonischen Neustart stehen derzeit nicht gut. Aber wer weiß: Im Brexit-Drama waren bisher schon Wendungen möglich, die niemand erwartet hatte. Dass EU und Großbritannien zügig zu einer fruchtbaren Partnerschaft finden, wäre mal eine positive Überraschung.“

Anzeige

Auch die Badische Zeitung sinnt über die künftigen Beziehungen nach: „Wenn Politiker jetzt behaupten, der Brexit sei eine Chance, weil die übrig gebliebenen EU-Mitglieder nun wüssten, was auf dem Spiel steht, ist das zunächst nur das berühmte Pfeifen im Walde. Ob die EU wirklich etwas kapiert hat, wird man erst wissen, wenn etwa Deutschland bald ein paar Milliarden Euro mehr nach Brüssel überweist, Frankreich zu Abstrichen bei der Subvention seiner Landwirte und Ungarn zum Schutz der Demokratie sowie zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit ist. Dann, aber nur dann hat das Modell Europa Zukunft. Gebraucht würde es dringend.“

Die Wetzlaer Zeitung kommentiert: „Brexit ist: London muss Klinken putzen bei neuen Partnern wie China und den USA. Schöne neue Unabhängigkeit! Sie gibt es nicht mehr. Was jetzt auf europäischer Seite kommen muss: Pragmatismus, Initiative und Rückbesinnung auf gemeinsame Werte. Gräben zuschütten, Normalität herstellen – auf diese Strategie inklusive eines soliden Freihandelsabkommens wird es ankommen. Die Europäische Union steht und fällt mit dem Rückgrat einer gelebten gemeinsamen, politischen Kultur.“

Video
Brexit: „Lebewohl“ oder „Auf Wiedersehen“?
1:52 min
Dieser Tag hat sich lange angebahnt – am Freitag verlässt Großbritannien die EU.  © dpa

„Bei allem Trennungsschmerz: Die Briten sind nicht aus der Welt“, schreibt die Freie Presse. „Sie gehören weiter zu Europa und bleiben Teil des liberalen ‚Westens‘: Offen, tolerant, international, zivilisiert und demokratisch. Diese Werte verbinden die Briten mit Millionen anderer Europäer. Nicht zu vergessen die Kultur: Was wären wir ohne die Beatles? Was wüssten wir über die Liebe ohne die Bücher von Jane Austen? Was über fantastische Welten ohne Harry Potter? (…) Mit ‚Dinner for One‘, Kloppos FC Liverpool und den immer wiederkehrenden Dramen in der Windsor-Familie im Hintergrund bleiben wir Großbritannien weiter verbunden.“

Die Hessische Niedersächsische Allgemeine kommentiert: „Wie schon in der Europäischen Zentralbank sind nun auch auf EU-Ebene mediterrane Mehrheiten gegen das verbliebene ökonomische Kraftzentrum Europas möglich, gegen Deutschland. In Fragen, welche die Menschen stark bewegen, wie der inneren und äußeren Sicherheit sowie in der Sozial- und Migrationspolitik, kann dies die ohnehin schon starken Fliehkräfte innerhalb der EU noch verstärken. Wer längere Zeit in England gelebt hat, der hat eine Vorstellung von der Selbstverständlichkeit, mit der die Briten zugleich selbstbewusste Nation und Weltbürger sind. Ihnen, deren Sprache die Welt spricht, deren Kultur weltweit inspiriert und deren Liberalität, Humor und Haltung sprichwörtlich sind, muss niemand erzählen, was es heißt, gute Europäer zu sein. Ihr Abschied ist ein Menetekel für den alten Kontinent. Kühl wird es ohne die Briten in der EU.“

Als ein „Experiment“ bezeichnen die Nürnberger Nachrichten den Brexit: „Es ist ein Experiment, das wir da erleben. Ein Experiment, das auch etliche globale Trends widerspiegelt, die dafür sorgen, dass sich Politik spürbar verändert. Zu beobachten ist eine Abkehr vom Multilateralismus, also von der vielfältigen Vernetzung und geregelten Kooperation zwischen Staaten – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste: Die Globalisierung schuf trotz all ihrer Schattenseiten wachsenden Wohlstand.“

Anzeige

Wehmütig mutet der Kommentar der Rhein-Neckar-Zeitung an: „Es fühlt sich ziemlich einsam an, wenn die Briten heute goodbye sagen. Denn sie nehmen nicht nur ihr Geld mit auf die Insel, ihren politischen Einfluss, ihre – wenn auch an Bedingungen geknüpfte – politische Zuverlässigkeit, sondern auch ein Stück Selbstvertrauen. Der Brexit – das hoffen ja seine Befürworter – soll der Anfang vom Ende der EU sein. Und an weiteren unzufriedenen Absprungskandidaten mangelt es jedenfalls nicht. Gerade weil immer mehr Mitgliedsstaaten die EU einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen, steigt die Gefahr weiterer Exits, also Ausstiege.“

Video
Das sagt David McAllister zum Brexit
2:36 min
David McAllister beantwortet im RND-Interview Fragen zum Brexit.  © RND

RND/dpa/das


  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen