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  • Trump vs. Biden: Das sagt die Presse nach dem ersten TV-Duell zur US-Wahl 2020

Presse zur TV-Debatte: “Zerstörerisches Gift für ein verwundetes Land”

  • Die erste TV-Debatte zwischen den Bewerbern um die US-Präsidentschaft war vor allen Dingen laut.
  • US-Präsident Donald Trump ließ seinen Herausforderer Joe Biden kaum zu Wort kommen und beschimpfte ihn rüpelhaft.
  • Viele Medien kritisieren das Verhalten des Präsidenten – aber nicht alle.
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Washington. Die erste TV-Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und dem US-demokratischen Bewerber Joe Biden glich wohl eher einem verbalen Faustkampf als einer konstruktiven Debatte. Amtsinhaber Trump unterbrach Widersacher Biden permanent mit wüsten Anschuldigungen und Beleidigungen. Das überforderte nicht nur Moderator Chris Wallace, der den Präsidenten immer wieder um Zurückhaltung bat. Entsprechend reichlich ist die Debatte auch kommentiert worden – ein Blick in die Meinungsspalten.

“Das mit Spannung erwartete TV-Duell zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden glich stellenweise eher einer verbalen Keilerei mit geringem Unterhaltungswert als einer Diskussion”, kommentiert die “Frankfurter Rundschau”. Dafür habe vor allem Trump gesorgt, “der sich fast von Anfang an nicht an die vereinbarten Regeln hielt, seinen Kontrahenten regelmäßig aggressiv unterbrach, beleidigte oder einfach rumpöbelte”.

“Der klarste Verlierer dieser ersten Präsidentschaftsdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden war Amerika. Es war ein missmutiger und bisweilen unverständlicher Streit zwischen zwei wütenden Männern in den Siebzigern, die sich spürbar gegenseitig verabscheuen”, schreibt die britische Zeitung “The Times”.

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Chaotisches TV-Duell zwischen Trump und Biden
3:40 min
Die etwa 90-minütige Debatte war geprägt von gegenseitigen Beleidigungen und persönlichen Angriffen, streckenweise verlief sie regelrecht chaotisch.  © Reuters

Die “Süddeutsche Zeitung” lobt die Zurückhaltung von Biden. “Kaum jemand dürfte bestreiten, dass es dem Präsidenten beim öffentlichen Auftritt immer um Selbstverherrlichung, Angriff und die große Show geht. Biden wusste das natürlich, und er hat letztlich dadurch ganz gut dagegengehalten, dass er oft nicht dagegenhielt”, schreibt sie. Allerdings habe Biden auch eine Chance verpasst zu zeigen, wofür er als US-Präsident stehen will.

“Biden versucht, als der politisch profilloseste Kandidat der Geschichte ins Weiße Haus zu gelangen. Das ist eine unbefriedigende Taktik, aber vielleicht nicht die schlechteste”, so die “Süddeutsche”. “Sie basiert auf der Annahme, dass sich der Präsident schon selbst demontiert, wenn man ihn nur lange genug reden lässt, und der Dienstagabend hat wieder einmal gezeigt, dass da einiges dran ist.”

Die konservative britische Zeitung “Telegraph” konzentriert sich dagegen gar nicht auf Trumps Auftreten, sondern kommentiert das Reaktionsvermögen des Gegners. “Unfähig oder nicht willens, die Klingen zu kreuzen, wurde ein frustrierter Biden darauf reduziert, seinen Kopf zu schütteln, manchmal begleitet von einem verärgerten Gekicher”, so der “Telegraph”. “Die schillernde Gestalt, die in der Obama-Administration für etwas Leichtigkeit sorgte, war verschwunden und wurde durch einen verängstigten, müden Mann ersetzt, der entsetzt war über die ihm dämmernde Erkenntnis, dass er von einem Mann übertroffen wurde, den er zweimal als ‘Clown’ bezeichnete.”

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Auch die belgische Zeitung “De Tijd” sah den US-Präsidenten weiter vorne: “Als geborener Entertainer wirkte Trump schneidiger, schneller, dominanter. Biden stolperte immer wieder mal über seine eigenen Worte und ließ Chancen auf eine schlagfertige Antwort ungenutzt.” Und doch: “Aber der senile 77-jährige ‘Sleepy Joe’, als den Trump seinen Gegner schon seit Monaten darstellt, war Biden nun auch wieder nicht. Verbale Ausrutscher, mit denen er sich in seiner ganzen Karriere hervortat, unterliefen ihm nicht.”

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Ganz anders sieht das der “Reutlinger General-Anzeiger”. “Trump wollte mit seiner Aggressivität Biden in die Enge treiben und zu Fehlern zwingen. Doch der demokratische Herausforderer hat ihm nicht den Gefallen getan”, schreibt das Blatt. Biden habe sich trotz zahlreicher persönlicher Angriffe nicht provozieren lassen. “Er hat das Niveau gewahrt, hat sich keine Patzer geleistet und mit Argumenten zur Wehr gesetzt. Das Bild des schläfrigen Joe, das Trump von seinem Herausforderer immer wieder zu zeichnen versucht, hat bei diesem TV-Duell keine Entsprechung in der Wirklichkeit gefunden.”

Deutliche Worte finden auch die “Westfälische Nachrichten” aus Münster. “Größter Verlierer des Abends waren die Demokratie – und die traditionsreiche Debattenkultur in den USA. Jeder Erstsemester-Debattierclub an einer x-beliebigen Universität hätte es besser gemacht”, bewertet sie die TV-Debatte. “Trump wirkt wie ein zerstörerisches Gift für ein ohnehin verwundetes Land. Die aus dem Ruder gelaufene TV-Debatte nährt die Sorgen der westlichen Welt vor Chaos in den USA. Diesen bedrückenden Abend hätte man sich sparen sollen.”

“Eine TV-Debatte ist keine Debatte, wenn einer der Protagonisten nicht debattieren will und kann. Die Trennung von Amt und Kampagne ist obsolet, wenn ein Präsident das Weiße Haus in eine Wahlkampfbühne verwandelt, wie bei der diesjährigen Republikaner-Convention geschehen”, schreibt das Düsseldorfer “Handelsblatt”. “Und der Schutz der eigenen Bürger ist nicht gegeben, wenn ein Präsident eine Pandemie wüten lässt und krude Falschinformationen verbreitet.”

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Die spanische Zeitung “El País” reflektiert über die Bedeutung der TV-Debatte generell. “Dieses Duell wird nicht als eine der Debatten in die Geschichte eingehen, die letztendlich das Schicksal einer Wahl bestimmt haben, sondern als Zeichen des feindseligen Klimas, das fünf Wochen vor der Wahl im Land herrscht.”

RND/lhen/dpa




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