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Presse zur Beratertätigkeit: “Gabriel hat sich keinen Gefallen getan”

  • Die Beratungstätigkeit von Sigmar Gabriel für den Fleischkonzern Tönnies hat ein breites Medienecho ausgelöst.
  • Während einige Kommentatoren ein moralisches Problem in Gabriels Tätigkeit sehen, glauben andere, man tue dem SPD-Politiker Unrecht.
  • Wir haben Pressestimmen dazu gesammelt.
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Berlin. Der frühere Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) war für den Fleischkonzern Tönnies als Berater tätig. “Es gab ein dreimonatiges Beratungsverhältnis mit Tönnies”, sagte Gabriel am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Vom März bis Mai 2020 habe er für das Unternehmen handelsrechtliche Fragen klären sollen, sagte Gabriel. Er selbst sieht daran nichts Problematisches, wie er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte.

Die Beratertätigkeit hat ein breites Medienecho ausgelöst. Während einige Kommentatoren ein moralisches Problem in Gabriels Tätigkeit sehen, glauben andere, man tue dem SPD-Politiker Unrecht.

So schreibt die Tagesschau: “Die Jammer-Opferrollen-Verteidigung, die Gabriel jetzt fährt, zeigt, dass er rein gar nichts verstanden hat. (...) Nein, es geht nicht darum, dass er nach einer Karenzzeit gut bezahlte Tätigkeiten annimmt – das sei ihm gegönnt. Es geht darum, was das für Tätigkeiten sind. Und ja, Gabriel hat kein öffentliches Amt mehr, ist kein Minister mehr, kein Abgeordneter, kein Parteivorsitzender. Aber er ist immer noch Sozialdemokrat – und als solcher hat er den Werten der Partei gerade einen Bärendienst erwiesen. Denn zurück bleibt das Bild eines Genossen, der überall da die Hand aufhält, wo es viel zu verdienen gibt, und der sich offenbar selbst in der Rückschau keinerlei kritische Fragen stellt.”

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Gabriel vergesse bei gutem Geld seine Verantwortung, kommentiert die Berliner Morgenpost: “Dass Gabriel sein Netzwerk und seine Fähigkeiten auch nach seiner politischen Karriere zum Geldverdienen nutzt, ist überhaupt nicht verwerflich. Dass er sich ausgerechnet von Unternehmen bezahlen lässt, die er als Politiker scharf kritisierte, lässt ihn als Heuchler dastehen.”

Die Badische Zeitung nennt die Kritik an Gabriel dagegen heuchlerisch: “Ein freundliches Wort über Clemens Tönnies genügt derzeit, um einen Sturm der Entrüstung zu entfachen. Sigmar Gabriel erlebt das gerade – und ja, damit tut man dem früheren SPD-Vorsitzenden Unrecht. Denn natürlich lässt sich leicht moralische Quarantäne einfordern für einen Milliardär, in dessen Betrieben es auch wegen mieser Arbeits- und Wohnbedingungen der Mitarbeiter zum Corona-Massenausbruch kommen konnte. Aber wer jetzt so tut, als dürfe niemand mehr Tönnies auch nur nahe kommen, muss schon ein großer Heuchler sein. Lange galt Tönnies als Unternehmerheld. Gabriel immerhin legte sich als Minister öffentlich mit dem Fleischmogul an. Läge Gabriel als Privatier auf der faulen Haut, wäre das vielen Zeitgenossen auch nicht recht.”

Die Nürnberger Nachrichten schreiben: “Viele Sozialdemokraten werden sich wohl wieder fassungslos die Haare raufen. Die SPD schlägt sich in der Corona-Krise, mit Vizekanzler Olaf Scholz vorneweg, eigentlich ganz wacker. Und just an dem Tag, an dem eines der großen Wahlversprechen der Partei, die Grundrente, als erreicht verkündet werden kann, zerschießt eine Nachricht über den Ex-Vorsitzenden Gabriel das schöne Bild. Wieder mal lässt sich ein ehemaliger SPD-Chef seine Kontakte von einer Firma versilbern, die völlig zu Recht in schlechtem Ruf steht. Gerd Schröder hat es mit Gazprom vorgemacht. Solchen Leuten gelingt es, als Ex-Chefs möglicherweise mehr zu zerstören, als sie im Amt je aufgebaut haben.”

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“Rechtlich mag Gabriels Beratertätigkeit in Ordnung sein, moralisch ist sie es nicht”, kommentiert der Nordbayerische Kurier. “Der SPD-Senior hat nicht nur seiner Partei einen Bärendienst erwiesen. Sein Einsatz dürfte wieder einmal die bestätigen, die Politikern generell unterstellen, den Hals nicht voll genug zu kriegen.”

Die Neue Osnabrücker Zeitung kommentiert: “Vom zeitweiligen Kritiker zum gut bezahlten Berater: Sigmar Gabriel hat sich mit seiner Tätigkeit für den Fleischkonzern Tönnies keinen Gefallen getan. Nicht nur die linke SPD-Spitze reagiert erzürnt. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Weil geht auf Distanz. ‘Befremdlich und peinlich’ nennt Weil das Verhalten seines Parteifreundes. Möglich, dass Gabriel seinem politischen Ziehvater Gerhard Schröder nacheifert. Dem Altkanzler ist seit Jahren jede Kritik an seinen Tätigkeiten für Putin und Gazprom schnuppe. Das ist aus vielerlei Sicht schade, allein weil politische Leistungen in Vergessenheit geraten – und manche Ideale.”

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