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Presse zur Anti-Corona-Demo: Missachtung aller Hygieneregeln nicht tolerabel

  • Bei der Anti-Corona-Demonstration in Berlin war von Einhaltung der Corona-Regeln kaum die Rede: Abstände wurden meist nicht eingehalten, kaum jemand trug eine Maske.
  • Das hat nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien für Kritik gesorgt.
  • Von Rücksichtslosigkeit bis zu Forderungen nach einem härteren Durchgreifen ist in den Kommentaren die Rede – die Presseschau.
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Berlin. Rund 20.000 Menschen sind am Samstag bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gegangen. Viele von ihnen trugen keine Maske, Abstände wurden nicht eingehalten. Das hat auch zu Kritik bei den Kommentatoren der Zeitungen geführt. Ein Blick in die Pressestimmen.

Sehr kritisch betrachtet die Wiener Zeitung “Der Standard” die Demonstration: “Ein Schwachkopf zu sein verstößt nicht gegen das Gesetz. Das stammt aus einem Hollywoodfilm, der schon fast dreißig Jahre alt ist, und sollte in jedem Land gelten. Aber schwachsinnigem Verhalten, das andere gefährdet, dürfen – nein, müssen – Grenzen gesetzt werden. Die Berliner Polizei hat am Samstag vielleicht zu große Langmut bewiesen. Doch Verstand bewiesen die, die nicht nach Berlin kamen. Bei 20.000 Demonstranten ist der Rest der 82 Millionen in der Überzahl. Und das ist dann doch einigermaßen beruhigend.”

Die ”Neue Osnabrücker Zeitung” kommentiert: “Wenn in Berlin 20.000 Esoteriker, Links- und Rechtspopulisten sowie besorgte Bürger in seltsamer Allianz das ‘Ende der Pandemie’ ausrufen, ist das Meinungsfreiheit – so abstrus die Parole auch ist. Nicht tolerabel ist jedoch die mutwillige Missachtung aller Hygieneregeln. Denn damit gefährden die Corona-Leugner die Gesundheit anderer. Unsere Demokratie erlaubt hasserfüllte Debatten und Idiotismus, aber das Virus verzeiht keine Dummheit und Nachlässigkeit. Eine Demo, die vorsätzlich mit allen Corona-Regeln bricht, darf sich nicht wiederholen. Das müssen die Innenbehörden sicherstellen, damit keine ‘Superspreader-Events’ entstehen.

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Von Rücksichtslosigkeit schreibt die ”Ludwigsburger Kreiszeitung”: “Geradezu rücksichtslos verhielten sich rund 20.000 Menschen, die am Wochenende in Berlin gegen die Corona-Schutzmaßnahmen auf die Straße gingen. Ohne Abstand, ohne Maske. Und die Polizei ließ sie Stunden lang gewähren. Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Verfassungsgut. Wenn allerdings die gesundheitlichen Auflagen dafür vorsätzlich missachtet werden, muss der Staat konsequent einschreiten. Das Gegenteil war der Fall.”

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20.000 Demonstrierende in Berlin: "Wir sind die zweite Welle"
1:22 min
20.000 Menschen haben am Samstag an einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin teilgenommen.  © RND

Die ”Stuttgarter Nachrichten” meinen: “Wer also glaubt, dass der Staat das Coronavirus zum Anlass nehme, um die Menschen zu gängeln und unfrei zu machen, dem sei gesagt: Die Freiheit ist hierzulande auch inmitten der Pandemie so stark ausgeprägt, dass Zehntausende unbehelligt durch die Hauptstadt marschieren, krude Thesen verbreiten und ihrer Wut Luft machen können.”

Der Staat müsse Flagge zeigen, heißt es im ”Reutlinger General-Anzeiger”: “Bei diesen Anti-Corona-Demonstrationen findet zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört. Mit dabei sind Menschen, die sich im konkreten Fall vom Staat zu stark eingeschränkt fühlen, und solche, die wegen der Einschränkungen um ihr kleines Unternehmen fürchten. Dann aber gibt es auch Gruppen, die den Eindruck erwecken, dass es ihnen vor allem darum geht, den ihnen verhassten Staat herauszufordern. Doch genau an dem Punkt muss dieser Flagge zeigen. Werden auf Demos Hygieneregeln missachtet, muss die Polizei einschreiten und notfalls die Demo auflösen – wie jetzt in Berlin geschehen. Das gilt aber auch im Alltag, bei Maskenverweigerern in Bus und Bahn oder bei Spontanpartys. Wo Bitten und nachdrückliche Aufforderungen nicht wirken, müssen tatsächlich höhere Strafen her.”

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Die ”Rhein-Zeitung” in Koblenz fordert mehr Konsequenz: “Es bedarf mehr Konsequenz. Demonstrationen unter Auflagen zu stellen, damit das Grundrecht ausgeübt werden kann, darf danach nicht als Freibrief zum Missachten von Hygiene- und Abstandsregeln aufgefasst werden. Dass die Ordnungshüter in der Vergangenheit großzügig über massenhafte Missachtung der Regeln hinwegsahen, hat auch mit einer weite Bereiche des Alltags erfassenden Sorglosigkeit zu tun. Die Innenstädte sind voll von dicht an dicht das Leben genießenden und feiernden Menschen. Natürlich macht der soziale Kontakt den Menschen aus. Aber er steht in diesen Zeiten unter dem Grundverdacht, sehr konkret tödlich enden zu können. Deshalb war es gut, dass die Polizei nach wiederholten Aufforderungen die Berliner Kundgebung beendete und so lange einschritt, bis auch der harte Kern der Corona-Leugner aufgelöst war.”

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Ähnlich kommentiert auch die ”Rheinpfalz” aus Ludwigshafen: “Wer glaubt, dass der Staat Corona zum Anlass nehme, um die Menschen zu gängeln und unfrei zu machen, dem sei gesagt: Die Freiheit ist hierzulande auch inmitten der Pandemie so stark ausgeprägt, dass Zehntausende Menschen unbehelligt durch die Hauptstadt marschieren, krude Thesen verbreiten und ihrer Wut Luft machen können. Wenn sie dabei allerdings die Hygieneauflagen missachten und dadurch sich selbst und andere in Gefahr bringen, dann ist es nur angemessen, dass der Staat dem Treiben ein Ende setzt.”

Die ”Süddeutsche Zeitung” kritisiert vor allem eine Äußerung von SPD-Chefin Saskia Esken: “Wie man die Aufgabe ganz bestimmt nicht löst, hat am Wochenende Saskia Esken gezeigt. Die Twitter-Aktivistin, die auch SPD-Vorsitzende ist, belegte die Demonstranten mit dem zurzeit modischen Schimpfwort ‘Covidioten’. Jeder hat das Recht, dies zu denken und zu sagen. Es möge sich aber jeder auch in die Lage der so Bezeichneten hineinversetzen: Würde man selbst noch auf ein Gespräch mit jemandem Wert legen, der einen öffentlich als ‘Idiot’ bezeichnet hat? Bei jeder Demo laufen nicht nur die Fanatiker mit, sondern immer auch die Zweifelnden, die nicht endgültig Entschiedenen. Wer solchen Menschen die Suche nach einem gemeinsamen Gegner erleichtern und deren Band untereinander noch enger knüpfen will, der schreibt als Vorsitzende einer Regierungspartei einen solchen Tweet.”

Die ”Volksstimme” in Magdeburg kommentiert: “Dem Sommergenuss der grenzenlosen Freiheit steht nichts mehr im Wege, die Pandemie ist vorbei, Masken endlich runter! Schön wär’s, wenn stimmen würde, was Tausende Demonstranten auf dem Marsch in Berlin verkündeten. Die von der erdrückenden Mehrheit der Deutschen unbestrittenen Tatsachen sind leider andere. Doch das prallt bei der seltsamen Mischung von Impfgegnern bis Rechtsextremen ab. Diese Leute sind zwar nicht gegen das Coronavirus immun, aber gegen jedes Argument, das ihrem vermeintlichen Freiheitsdrang entgegensteht. Das ist eine Form von individueller Sabotage, die ein zusätzliches Hindernis für die Eindämmung der Seuche bildet. Vor solchen Fanatikern müsste die Gesellschaft wahrlich mit einem weiteren Corona-Schutzschirm bewahrt werden. Doch das scheint unmöglich: Die Staatsmacht in Form der Polizei ist, weil selbst im Dauerfeuer der Kritik stehend, dazu offensichtlich nicht in der Lage.”

Das Erreichte wird leichtfertig aufs Spiel gesetzt, meint die ”Augsburger Allgemeine”: “Alle Welt bewundert Deutschland dafür, dass es bisher besser durch die Corona-Pandemie gekommen ist als die meisten anderen Länder. Doch jetzt wird das Erreichte leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Eine zweite Welle mit vielen Todesopfern wird immer wahrscheinlicher, weil zu viele Menschen in der Hitze des Sommers Mut und Leichtsinn verwechseln – was schon immer lebensgefährlich war.”

Die ”Nürnberger Nachrichten” schreiben: “Die zunächst gelebte Disziplin, die uns sehr wahrscheinlich vor vielen Todesfällen bewahrt hat, ist passé. Stattdessen erleben wir den täglichen Leichtsinn – Masken, die unterm Kinn getragen werden, Begrüßung mit Küsschen im Straßencafé, knallvolle Badestrände. Um einen Mindestabstand schert sich kaum noch einer. Damit machen wir es dem Virus sehr leicht. Es braucht nicht 300 Infizierte, um 300 weitere Personen anzustecken. Dazu reicht einer. Das scheinen nahezu alle vergessen zu haben.”

RND/dpa/das

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