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Presse zu Trumps Reaktion auf USA-Iran-Konflikt: „Weit entfernt vom Kriegstreiber“

  • Nach den Attacken des Iran auf US-Militärs im Irak schaute die Welt auf Washington: Wie würde US-Präsident Trump reagieren?
  • Der kündigte zwar neue Sanktionen an, verzichtete aber auf einen Gegenschlag.
  • Von den Medien gibt es dafür nicht nur Lob, und auch der Angriff selbst wird noch kommentiert.
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Berlin. Seit Jahrzehnten ist der Mittlere und Nahe Osten eine Brennpunktregion. Mit der gezielten Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani im irakischen Bagdad hat US-Präsident Donald Trump den Konflikt mit dem Iran weiter aufgeheizt. Sowohl die Bundeswehr als auch die Nato zogen am Dienstag Teile ihrer Truppen aus dem Irak ab. Nach der Tötung von Soleimani hatte der Iran umgehend Vergeltung angekündigt. In der Nacht zu Mittwoch feuerte iranisches Militär ballistische Raketen auf US-Militärs im Irak ab. Am gleichen Tag äußerte sich der US-Präsident zu der Attacke. Die internationale Presse ist gespalten.

Die liberale schwedische Tageszeitung „Dagens Nyheter“ kritisiert Trump scharf: „Der Iran kann nicht richtig wissen, was Donald Trump will. Leider gilt das für die gesamte Welt. Und wahrscheinlich den Präsidenten selbst. Seine kurze Ansprache am Mittwoch hat dieses Bild nicht verändert. Trump prahlt gerne mit seiner Unberechenbarkeit. Wenn niemand seinen nächsten Zug kennt, dann werden alle wuschig und begehen Fehler, während die USA dadurch Vorteile erhalten. Wenn es doch nur so wäre. Doppelbotschaften sind selbst dann die rote Linie, wenn Minister der Trump-Regierung den Präsidenten deuten wollen. Die einzige Erklärung dafür ist, dass auch sie nicht begreifen, was er meint. Das gilt auch für die US-Verbündeten von Saudi-Arabien bis zur Nato. Dass weder Freund noch Feind Trumps Launen vorhersagen können, ist eine Schwäche – und keine Stärke.“

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Der Londoner „Guardian“ schreibt dagegen: „Erleichterung über Irans zwar erhebliche, aber zugleich fein kalibrierte Rache für die Tötung Soleimanis ist ein verständliches und nachvollziehbares Gefühl. Die Lage könnte viel schlimmer sein als heute. Aber es gibt keinen Grund für Selbstgefälligkeit: Die Gefahren sind nur kurzzeitig ausgesetzt, aber nicht gänzlich abgewendet worden. Während US-Präsident Donald Trump am Mittwoch sagte, es habe den Anschein, dass der Iran sich zurückhalte, werden wir über Monate und vielleicht Jahre hinweg nicht wissen, welche Folgen die Tötung Soleimanis tatsächlich hat. Ob nun ein Abzug der USA aus dem Irak unmittelbar bevorsteht oder nicht, die Ereignisse der vergangenen Woche haben ihn nahezu unvermeidbar gemacht. Das könnte genügen, Irans verletzten Stolz wiederherzustellen. Iran könnte sagen, dass man – wie Soleimani es immer wollte – die USA vertrieben habe, die dann ohne jegliches Feigenblatt für einen Erfolg ihrer katastrophalen Invasion (des Iraks) im Jahr 2003 dastehen würden.“

Video
Iran macht Drohungen wahr: Angriffe auf US-Militär im Irak.
1:11 min
Der Iran hatte „Schwere Rache“ wegen der Tötung Ghassem Soleimanis geschworen – nun macht die islamische Republik ernst und greift US-Truppen mit Raketen an.  © dpa

Die französische Regionalzeitung „L'Alsace“ hat derweil einen anderen Blick auf die Reaktion Trumps: „Weit entfernt vom Kriegstreiber, der er vor drei Tagen noch war, hat Donald Trump ausnahmsweise mal nicht hastig reagiert. Er schien sogar in seiner Rede an die Nation die Situation zu beruhigen, indem er weniger Druck auf den Iran ausübte als auf die Nato und die Länder, die versuchten, den iranischen Atomdeal zu retten. Es ist ein gewagtes Manöver, denn schließlich hat sich der amerikanische Präsident als Friedensmacher dargestellt, nachdem er eine Granate in ein Pulverfass geworfen hat. Es ist nicht überraschend: Donald Trump wagt alles. Einschließlich sich selbst zu widersprechen.“

Die russische Tageszeitung „Kommersant“ schreibt: „Die Tatsache, dass es bei dem Angriff des Irans auf amerikanische Militärstützpunkte im Irak am Mittwochabend keine Verluste gab, wurde von Trump als ein großer Sieg Amerikas interpretiert: Die Iraner wagten es nicht, sich ernsthaft militärisch für den Tod ihres Generals Ghassem Soleimani zu rächen. Der Präsident beruhigte seine Landsleute und die Welt um ihn herum und machte deutlich, dass Washington nicht beabsichtigt, den Grad der militärischen Konfrontation in der Region zu erhöhen. Die USA werden den Iran mit neuen, harten Sanktionen zerschlagen, versprach Donald Trump.“

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Die spanische Zeitung „El País“ hofft auf ein Eingreifen der Europäischen Union: „Nichts kann diese Eskalation rechtfertigen. Weder auf der einen Seite noch auf der anderen. Nicht die iranische Seite, die Raketenangriffe im Irak und im Persischen Golf durchgeführt hat. Und nicht die amerikanische Seite, die als Reaktion auf den Angriff auf die Einrichtungen der US-Botschaft in Bagdad einen iranischen General ermordet hat. Das war in jeder Hinsicht übertrieben und wurde zudem ohne ausreichende vorherige Konsultationen der Sicherheitsbehörden in Washington oder der europäischen Verbündeten getan.

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Statt den unangebrachten und missbräuchlichen Anweisungen von Donald Trump zu folgen, müssen die Europäische Union – und mit ihr die Unterzeichnerstaaten des Atomabkommens mit dem Iran – beide Parteien auffordern, mit der Eskalation aufzuhören und diese sehr schwerwiegende Auseinandersetzung für beendet zu erklären, bevor sie sich zu einem offenen und unkontrollierbaren Krieg ausweitet.“

Die niederländische Zeitung „De Telegraaf“ sieht in dem Angriff des Irans vor allem eine Show: „Das Weiße Haus geht davon aus, dass der Iran den Schaden bewusst begrenzt hat. Mit ihrem Raketenangriff haben die Iraner tatsächlich eine Möglichkeit zur Deeskalation des Konflikts geschaffen. Die vorherrschende Meinung in Washington ist, dass Trump jetzt diese Chance ergriffen hat. Auch der Iran wird nach den Worten von US-Präsident Trump erleichtert aufgeatmet haben. Das Land hat letzte Nacht alles getan, um Opfer zu verhindern, um Vergeltungsmaßnahmen zu vermeiden. Irakische Behörden wurden im Voraus über die – relativ begrenzte – militärische Aktion informiert. Und Bagdad hat diese Informationen direkt an die USA weitergegeben.

Der Angriff war vor allem eine Show, um der eigenen Bevölkerung, Amerika und dem Rest der Welt zu zeigen, dass der Iran die direkte Konfrontation mit den USA nicht scheut. Der eigentliche Kampf gegen die Amerikaner wird nun wieder im Dunkeln stattfinden, wie das bereits seit Jahrzehnten der Fall ist.“

„Beendet ist der Konflikt mit der iranischen Vergeltungsaktion nicht“

Die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt ebenfalls von einer symbolischen Reaktion des Iran: „Nach der Tötung von General Ghassem Soleimani durch die USA war klar, dass Iran Vergeltung üben würde. Die nächtlichen Raketenangriffe auf zwei Stützpunkte der Amerikaner im Irak waren nun eine erste, aber vorwiegend symbolische Reaktion auf die Eliminierung des Kommandeurs der Al-Kuds-Brigaden. Die Frage wird sein, ob Iran es dabei beläßt und ob der amerikanische Präsident Donald Trump auf eine weitere Eskalation des Konflikts verzichtet.

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Sollte Trump nun auf eine harte Reaktion auf Irans Raketenangriffe im Irak verzichten, kann der Konflikt womöglich noch einmal begrenzt werden. Beendet ist er mit der iranischen Vergeltungsaktion aber nicht. Teherans strategisches Ziel bleibt der Abzug der Amerikaner aus der Region. Darauf wird die Führung mit ihren Verbündeten im Irak und in anderen Ländern verstärkt hinarbeiten.“

RND/dpa/lc

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